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Plakatmotiv: Mord im Orient-Express
Großes Staraufgebot
feiert Agatha Christie
Titel Mord im Orient-Express
(Murder on the Orient Express)
Drehbuch Paul Dehn
nach dem Roman „Murder on the Orient Express“ von Agatha Christie
Regie Sidney Lumet, UK 1974
Darsteller Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, John Gielgud, Wendy Hiller, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Rachel Roberts, Richard Widmark, Michael York, Colin Blakely u.a.
Genre Krimi
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
6. März 1975
Inhalt

1930, New Jerey: Daisy Armstrong, Tochter reicher und hoch angesehener Bürger, wird aus ihrem Bettchen entführt. Nachdem ein Lösegeld gezahlt worden ist, wird das Mädchen tot aufgefunden.

Fünf Jahre später: Der belgische Detektiv Hercule Poirot hat gerade in Jordanien einen Fall abgeschlossen und reist übers winterliche Istanbul zurück nach London. Als er ein Abteil im Kurswagen Istanbul-Calais des nächsten Orient-Expresses buchen will, stellt sich heraus, dass der Zug ausgebucht ist. Mit Hilfe seines Freundes Signor Bianchi, des Direktors der Schlafwagengesellschaft, bekommt Poirot doch noch einen Platz im Schlafwagen.

Im Speisewagen macht ihm der US-amerikanische Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett folgendes Angebot: Poirot solle ihn für sehr viel Geld bewachen, denn er erhalte regelmäßig Morddrohungen und schlafe mit einer Waffe unter dem Kissen. Poirot lehnt das Angebot ab. Nachts wird Poirot mehrmals von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Mitten in der Nacht zwischen Vinkovci und Brod in Jugoslawien wird Ratchett durch zwölf Messerstiche ermordet und am Morgen tot aufgefunden.

Plakatmotiv: Mord im Orient-ExpressDer Expresszug ist inzwischen auf freier Strecke auf jugoslawischem Gebiet im Schnee steckengeblieben. Keiner kann den Zug verlassen, auch der Mörder nicht. Der Telegraf streikt, und die jugoslawische Polizei kann nicht benachrichtigt werden. Daher bittet Signor Bianchi, der sich ebenfalls im Zug befindet, Hercule Poirot um die Aufklärung des Falles. Im Abteil des Toten findet Poirot einen fast verbrannten Brief, aus dem er auf die wahre Identität des Toten schließen kann. Es handelt sich um den Verbrecher Cassetti, der die kleine Daisy Armstrong entführt hatte und schuld an ihrer Ermordung und in der Folge an weiteren Todesopfern ist, sich aber der gerechten Strafe in den USA entziehen konnte.

Cassetti/Ratchett wurde mit zwölf Stichen getötet und das Sonderbare daran ist: Die Stiche sind unterschiedlich tief und unterschiedlich kräftig ausgeführt worden. Am Tatort werden außerdem ein Taschentuch und ein Pfeifenreiniger gefunden und in einem der Koffer der Mitreisenden die Uniform eines Schlafwagenschaffners.

Alle Menschen im Zug werden verhört, aber es befindet sich niemand an Bord, der zugibt, den gefundenen Pfeifenreiniger und das Taschentuch zu besitzen …

Was zu sagen wäre
Das ist mutig: Während im aktuellen Kino um uns herum mit jeweils großem Aufgebot altgedienter Filmstars Hochhäuser brennenGroßstädte zerfallen und Flugzeuge abzustürzen drohen, kurz das Kino mit Eskapismus die Menschen zu locken versucht, verzieht sich Sidney Lumet („Serpico“ –1973; „Sein Leben in meiner Gewalt“ – 1973; „Der Anderson Clan“ – 1971; „Angriffsziel Moskau“ – 1974; „Die zwölf Geschworenen“) auf engsten Raum in einen eingeschneiten Zug.

Aber was das für ein Zug ist! Dieser Pullman-Wagon im Orient-Express schwelgt in Eleganz, die Geoffrey Unsworth mit seiner Kamera in ganzer Pracht abbildet. Da glitzert das Tafelsilber, spiegelt das Mahagoni und Kerzen flackern heimelig und brechen sich in der Optik der Kamera. In dieses Ambiente schickt Lumet ein wahres Staraufgebot – nicht verdientze, aber gewesene Altstars, sondern aktuelle Hochkaräter – um Agatha Christies Kunst des Geschichten-erzählens zu huldigen.

Die Geschichte des Mordfalls in diesem Sehnsuchtszug, in dem in der wirklichen für die Reisenden der Weg schon das Ziel und das Zielk nur das Ende einer Reise ist, ist den meisten Zuschauern geläufig und folgerichtig hält sich Sidney Lumet auch nur begrenzt an den Thrill des echten Whudunnit. Dem aufmerksamen Zuschauer ist auch ohne Vorkenntnis rasch klar, dass da was nicht stimmen kann mit dem einen oder zwei Mördern. Dafür ist der Zug zu eng und der Gang vor den Abteilen zu dauerhaft unter Beobachtung des Personals. So ein Glück für die Regie.

Lumet und seine Zuschauer können sich ganz auf die Kunst großer Schauspieler konzentrieren, unter denen Albert Finney als Zwirbelbart verliebter Detektiv eine Klasse für sich bildet. Wenn er mit eingezogenem Kopf zwischen den Schultern Befragungen durchführt, mit charmantem Blitzauge Befragte zu entlarvenden Aussagen bringt, oder wenn er beim großen Showdown, der Christie-klassichen Erklär-Rede mit den Armen fuchtelt, Grimassen zieht, das ist eine große Show. Neben ihm und zwischen all den Hochkarätern stechen zwei Frauen heraus: Vanessa Redgrave („Die Möwe“ – 1968; „Camelot – Am Hofe König Arthurs“ – 1967; „Blow Up“ – 1966; „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ – 1966), die es schafft, in wenigen Szenen mit glänzendem Blauauge Akzente zu setzen und Lumets Dauer-Akteur Sean Connery („Sein Leben in meiner Gewalt“ – 1973; James Bond 007 – Diamantenfieber – 1971; „Der Anderson Clan“ – 1971; „Das rote Zelt“ – 1969; „Ein Haufen toller Hunde“ – 1965; Marnie – 1964; Die Strohpuppe – 1964; James Bond 007 jagt Dr. No – 1962) kurz mal dessen mimische Grenzen aufzuzeigen; und da ist Ingrid Bergman („Die Kaktusblüte“ – 1969; „Indiskret“ – 1958; „Anastasia“ – 1956; Sklavin des Herzens – 1949; Berüchtigt – 1946; Ich kämpfe um dich – 1945; „Das Haus der Lady Alquist“ – 1944; „Wem die Stunde schlägt“ – 1943; Casablanca – 1942), deren Greta als Missionarin in Afrika „kleine braune Babys“ versorgt und geistig etwas zurückgeblieben ist. Sie geht so in ihrer Rolle auf, dass Lumet ihrem Verhör durch Poirot lange, ungeschnittene Einstellungen schenkt. Kein Wunder, dass Bergman für diese (Neben-)Rolle einen Oscar erhielt.

Insgesamt war Lumets „Mord im Orient-Express“ für sechs Oscars nominiert. Neben Bergman waren nominiert Albert Finney (Hauptrolle), Paul Dehn (Drehbuch), Geoffrey Unsworth (Kamera), Tony Walton (Kostüme) und Richard Rodney Bennett (Musik). Wirtschaftlich ist der film ein großer Erfolg: Seine Produktionskosten werden mit 554.100 britischen Pfund angegeben, das sind umgerechnet 1,4 Millionen US-Dollar. Eingespielt hat er rund 28 Millionen US-Dollar.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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