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Plakatmotiv: Chinatown (1974)
Großes Kino voller Sternstunden
Titel Chinatown
(Chinatown)
Drehbuch Robert Towne
Regie Roman Polanski, USA 1974
Darsteller Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Darrell Zwerling, Diane Ladd, Roy Jenson, Roman Polanski, Richard Bakalyan, Joe Mantell, Bruce Glover, Nandu Hinds, James O'Rear, James Hong u.a.
Genre Film Noir
Filmlänge 130 Minuten
Deutschlandstart
19. Dezember 1974
Inhalt

In Los Angeles herrscht 1937 eine lange Dürre. Der ehemalige Polizist Jake Gittes besitzt eine florierende Detektei mit drei Mitarbeitern. Nach Abschluss einer Ermittlung wegen Ehebruchs kommt eine Dame aus der High Society in sein Büro, die sich als Mrs. Mulwray vorstellt und ihn beauftragt, ihren Ehemann, Hollis Mulwray, zu observieren, um ihm eine Affäre nachzuweisen. Nur zögernd nimmt Gittes den Fall an.

Plakatmotiv: Chinatown (1974)In den folgenden Tagen beschattet er Mulwray, den Chef-Ingenieur der Wasserwerke. Dieser scheint sich aber viel mehr für Kanäle und Flüsse zu interessieren als für andere Frauen. Eine ganze Nacht verbringt er alleine am Meer. Als Gittes ihn nach einigen Tagen doch mit einem jungen Mädchen erwischt, macht er Fotos von den beiden, die er seiner Auftraggeberin übergibt. Kurz darauf erscheint ein Artikel über die vermeintliche Affäre auf der ersten Seite der Lokalzeitung.

Daraufhin taucht Evelyn Mulwray in Gittes’ Büro auf, die sich als die wahre Ehefrau von Hollis Mulwray vorstellt. Sie teilt ihm knapp mit, dass sie ihn verklagen werde, und verschwindet wieder. Gittes will mit Mr. Mulwray direkt Kontakt aufnehmen, doch findet er ihn weder in seinem Büro noch zu Hause. Dort trifft er wiederum auf Evelyn Mulwray, die ihre Klage ohne genauere Gründe fallen lässt. Kurze Zeit später wird Hollis Mulwrays Leiche in einem der Kanäle gefunden. Offenbar war er einem Betrug der Wasserwerke auf die Spur gekommen …

Was zu sagen wäre

In Chinatown spielt der Film von Roman Polanski gerade mal vier Minuten, dennoch schwebt das chinesische Viertel Los Angeles' wie ein dunkler Schattten über dem Geschehen. Das hat zum einen mit dem historischen Trauma zu tun, das in der Wirtschaftskrise Anfang der 1870er jahre seinen Ausgang nahm und sich in eine antichinesische Hysterie steigerte. In einem Krieg chinesischer Banden untereinander war damals ein Weißer getötet worden; in der Folge stürmten 500 wütende Weiße und töten mindestens 19 Chinesen. Das ging an beiden Seiten nicht spurlos vorbei, die Chinesen igelten sich in ihrem Viertel ein, die Weißen mischten sich nach Möglichkeit nicht ein. In Polanskis Film, der in den 1930er Jahren spielt, liegen die Ereignisse 60 Jahre zurück. Schon 60 Jahre könnte man sagen, aber Jake Gittes, der einst in Chinatown als Polizist seinen Dienst versah, sagt über den Stadtteil, „Du kannst nicht erklären, was genau da vorgeht“ und als Evelyn Mulwray fragt „Was hast Du gemacht in Chinatown?“ antwortet Gittes „So wenig wie möglich.

Dieser Gittes ist ein positiv melancholischer Fatalist, ein Privatdetektiv in fein geschnittenen Anzügen mit Einstecktuch und guten Manieren. Darin unterscheidet er sich von den Privatdetektiv-Figuren, die Raymond Chandler und Dashiell Hammet mit Tote schlafen fest oder Der Malteser Falke ersonnen haben und die zu Role Models im Genre Genre des Fim Noir wurden – einsame Wölfe, die sich mit zynischer Loyalität und selbst gedrehten Zigaretten über Wasser halten. Gittes verfährt nach dem Motto Leben und Leben lassen, aber wenn er einen Auftrag annimmt, bringt er ihn zu Ende – und koste es ihn seine Nase; in einem Gastauftritt als kleiner Schläger schlitzt Regisseur Roman Polanski der Privatschnüffler die Nase auf. Wenn jemand mit unlauteren Machenschaften und über Leichen gehend sich die Wasserversorgung Los Angeles' unter den Nagel reißt, ist Gittes das egal – er kann's ja eh nicht ändern; es sei denn, sein Auftraggeber will den Mord einer der leichen, über die da gegangen wurde, gegen 30 Dollar Tagessatz plus Spesen aufgeklärt wissen. Dann packt Gittes aus, was er bei der Polizei gelernt hat, intrigiert hier, flunkert da ein bisschen und schlägt auch mal eine Frau, wenn die Scheiß erzählen will. Jack Nicholson eignet sich diese Jake-Gittes-Rolle an wie die maßgeschneiderten Anzüge, die der trägt. Sein Spiel wandert wunderbar nebenbei zwischen charmant aufdringlich zu aufdringlich charmant zu kaltem Zynismus zu beinharter Beharrlichkeit zu großer Müdigkeit; mit kleinen Gesten und unaufdringlichem Minenspiel beherrscht dieser Kerl die Leinwand („Das letzte Kommando“ – 1973; Easy Rider – 1969; Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der Zauberer – 1963).

Zu einem Film Noir gehört die geheimnisvolle Frau – elegant, attraktiv, verschlagen und immer noch eine Lüge mehr im Köcher. Für diese Rolle hatte Produzent Robert Evans sfest eine Frau Ali McGraw eingepant. Als die ihn aber verließ, wollte er statt ihrer Jane Fonda als Evelyn Mulwray besetzen. Dem widersetzte sich Roman Polanski („Was?“ – 1972; „Macbeth“ – 1971; „Rosemaries Baby“ – 1968; „Tanz der Vampire“ – 1967; „Wenn Katelbach kommt …“ – 1966; Ekel – 1965); er bestand für diese Rolle auf Faye Dunaway. Seine Vision der undurchsichtigen Evelyn Mulwray in den 30er Jahren war seine eigene Mutter, die er mit „dünn gezeichneten Augenbrauen und kräftigem Roten Lippenstift unter einem ausgeprägten Amorbogen“ in Erinnerung hatte. Für den fertigen Film war Dunaway visuell die richtige Entscheidung; so wie Nicholson sich seine Rolle wie einen Anzug überstreift, ist Dunaway diese undurchsichtige Witwe – gleichzeitig anziehend und abstoßend, unnahbar und Schutz suchend. Während der Dreharbeiten muss die Arbeit allerdings anstrengend gewesen sein. Dunaway begleitet der Ruf, eine eigensinnige Diva zu sein, die selbst zur Toilettenspülung einen Assistenten verlange. Die Zickereien schaukelten sich über Schreiereien am Set („Roman, ich verstehe nicht, was Evelyn in dieser Szene motiviert!“ „SPRICH DIESE VERF****** WÖRTER; DEINE GAGE IST MOTIVATION GENUG!“) bis hin zu einer Tasse Dunaway-Urin in Polanskis Gesicht.

Dunaways Rolle ist die ominöse Dame mit einem Auftrag, der im Lauf der Story immer monströsere Ausmaße annimmt und im allgemeinen in einem Geflecht aus Korruption in den städtischen Behörden gipfelt – das ist in „Chinatown“ nicht anders. Immer wieder wechselt Mulwray ihr Gesicht, agiert zwischenzeitlich sogar als veritable Gangsterbraut, als sie mit Gittes, der auf dem Trittbrett ihres Wagens steht, routiniert einigen schießenden Verfolgern entwischt. Die klassische Ikone der Femme Fatal Barbara Stanwyk'scher Prägung indes ist sie nicht. Sie wandelt sich zu einem anderen Frauentypus des Film Noir, dem des bad good girl. Was sie tut, tut sie letztlich aus einem sehr menschlichen Grund; ihre Lügen Gittes und anderen gegenüber dienen also einem guten Zweck. Aber die Verschwörung in die höchsten Stadtspitzen, deren Aufdeckung ihr Auftritt auslöst, ist dem Genre angemessen monströs.

„Chinatown“ ist ein Film voller Sternstunden, alle Beteiligten haben eine erwischt. Neben den Schauspielern auch John A. Alonzo, dessen Kamera dem Film konturscharfe Farben und ein unverkünsteltes Bild kalter Machenschaften in der sengenden Hitze des trockenen Los Angeles gibt. Vor allem Robert Towne hatte eine Sternstunde, dessen wunderbares Drehbuch heute nicht ohne Grund zur Pflichtlektüre in jedem besseren Filmkurs und Drehbuchseminar gehört. Ursprünglich hatte er sein Buch mit dem im Detektivroman üblichen Voice Over geschrieben. darauf verzichtet Polanski. Das hat den reizvollen Effekt, dass der Zuschauer nie mehr weiß als Gittes, der in jeder Szene präsent ist. Dadurch macht Polanski uns zum Mitsuchenden, Mitleidenden in diesem Film.

Verwickelt sind Evelyns toter Ehemann ebenso wie ihr sehr lebendiger, machtbewusster Vater mit diabolischer Vergangenheit. John Huston spielt ihn, Regie-Ikone solcher Filme wie Der Malteser Falke (1941) oder African Queen (1951), Gangster in Key Largo (1948) und Der Schatz der Sierra Madre (1948). Huston spielt  seine ganze Souveränität aus, die er in diesem harten – einstmals – Männerbusiness angeeignet hat; er strahlt Arroganz aus und wickelt selbst Jack Nicholson um den kleinen Finger – was ihm dadurch leichter fällt, als dass Nicholson im realen Leben seit Kurzem mit Hustons Tochter Anjelica liiert ist; und wenn Huston als Noah Cross Gittes im Film frafgt „Schlafen Sie mit meiner Tochter?“, ist das auch für Nicholson nicht ganz einfach zu überspielen. In dieser Szene zeigt sich die große Autoriät, die John Huston genießt. Sein Rollenname Noah Cross lädt zu biblischen Vergleichen in mehrfacher Hinsicht auf – Noah Cross ist in millionenschwere Wasser-Deals verstrickt; und in seinem Film „Die Bibel“ (1966) hat er jenen Sintflut-Noah persönlich verkörpert. Cross, die Stadt und seine Tochter sind in letztlich unauflösliche Deals verstrickt.

Womit wir wieder beim Filmtitel sind – „Chinatown“.

Auf dem Höhepunkt des dramatischen Finales ist Jake Gittes kaum zu bändigen und erst zu Ruhe zu bekommen, als sein ehemaliger Vorgesetzter ihm sagt „Vergiss es Jake, das hier ist Chinatown.“ (Forget it, Jake, it's Chinatown.). Chinatown ist hier weniger der Stadtteil in Los Angeles. Der Begriff steht hier als Metapher für Schicksal. es gibt Dinge, die sind einfach nicht zu ändern, bei denen das Schicksal andere Pläne hatte. Polanski deutet die Unausweichlichkeit des Geschehens immer wieder an, ohne uns aufdringlich mit der Nase drauf zu stoßen; erst, wenn der Abspann läuft, fallen uns Parallelen zu früher im Film gesehenen Situationen auf – so, wie wir auch das Schicksal immer erst im Nachhinein erkennen.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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