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Plakatmotiv: Der geheime Roman des Monsieur Pick (2019)

Leichtfüßig schwebendes Kino über die
Literatur, die Liebe und den ganzen Rest

Titel Der geheimne Roman des Monsieur Pick
(Le mystère Henri Pick)
Drehbuch Rémi Bezançon + Vanessa Portal
nach einem Roman von David Foenkinos
Regie Rémi Bezançon, Frankreich, Belgien 2019
Darsteller

Fabrice Luchini, Camille Cottin, Alice Isaaz, Bastien Bouillon, Josiane Stoléru, Astrid Whettnall, Marc Fraize, Hanna Schygulla, Marie-Christine Orry, Vincent Winterhalter, Florence Muller, Philypa Phoenix, Lyès Salem, Tristan Carné, Annie Mercier u.a.

Genre Komödie, Drama
Filmlänge 100 Minuten
Deutschlandstart
26. Dezember 2019
Inhalt

Jean-Michel Rouche ist ein gefeierter Literaturkritiker, dessen mächtige Stimme für Autoren den Aufstieg oder den vorläufigen Ruin bedeuten kann. Er ist ein wenig überheblich und kein Freund übertriebener Höflichkeiten. Aktuell macht sich der Debüt-Autor Fred Koskas Hoffnung auf eine wohlmeinende Erwähnung in der Schlussrubrik der Sendung "Meine Bücher der Woche"; aber die Sendezeit ist um, bevor sein Buch "Die Badewanne" erwähnt werden kann. Sein Roman schafft 237 verkaufte Exemplare. Das betrübt nicht nur ihn, sondern auch seine Freundin Dauphné Despero, die als Lektorin in einem großen Pariser Verlag arbeitet.

Als Dauphné von einer geheimnisvollen Bibliothek in der Bretagne hört, in der ausschließlich abgewiesene Buch-Manuskripte gesammelt werden, geht sie auf Schatzsuche. Tatsächlich findet sie dort den Roman "Die letzten Stunden einer großen Liebe" von Henri Pick, der sie fesselt und den sie sofort verlegen möchte. Ihr Gespür gibt ihr Recht: Der Roman entwickelt sich binnen kürzester Zeit zum Bestseller. Der Autor Henri Pick ist bereits seit zwei Jahren verstorben und war zu Lebzeiten ein einfacher Pizzabäcker. Seine Ehefrau wusste nichts von seiner Schreibkunst, hat auch nie beobachtet, wie er aktiv geschrieben hat.

Während die Literaturwelt von Paris und Frankreich das verkannte Genie von Henri Pick feiert, ist Literaturkritiker Jean-Michel felsenfest davon überzeugt, dass ein Betrug vorliegen muss. Niemand kann von jetzt auf gleich einen solch hervorragenden Roman aus dem Nichts zaubern, eine bewegende Geschichte, voller Verweise auf die großen Werke der russischen Literatur.

Er fragt also die Witwe des vermeintlichen Autors vor laufenden Fernsehkameras, wie der werte Verblichene das Schreiben, das Lesen nicht übersetzter russischer Literatur und das Pizzabacken unter einen Hut bekommen hat, und kann gar nicht verstehen, dass ihn sein Sender dafür rauswirft.

Mit viel Wut im Bauch begibt sich Jean-Michel auf kreative Spurensuche. Wer war Henri Pick? Könnte er wirklich der gefeierte Autor gewesen sein? Oder ist in Wahrheit ein anderer Bewohner aus dem beschaulichen bretagnischen Dörfchen der Autor?

Bei seinen Recherchen trifft er auf die belesene Tochter von Monsieur Pick, Joséphine Pick, die ihm bei den Nachforschungen hilft …

Was zu sagen wäre

Es gibt sie noch, die Kleinode cineastischer Erzählkunst, die aktuelle gesellschaftliche Debatten in leichtfüßige Geschichten übersetzen können, die in eleganten Bildern und flirrenden Dialogen verpackt sind.

Plakatmotiv (Fr.): Le mystère Henri Pick – Der geheime Roman des Monsieur Pick (2019)Was ist das Problem mit Frankreich? Mehr Autoren als Leser“, stöhnt im Film eine Verlegerin ob all der unverlangt eingesandten Manuskripte, in denen auch schon mal die Menopause von Gummipuppen behandelt werden. Lauter potenzielle Stars und viel zu wenig Publikum. Dieses Problem haben der Literatur- und – by the way – der Kinobetrieb nicht mehr exklusiv, spätestens seit es den inflationär verbreiteten Typus des Influencers auf Social Media gibt.

Der Film spielt mit den beiden Polen Kunst und Marketing und spielt sie gegeneinander aus. Er taucht ein in den Kosmos der Pariser Literaturagenten, Lektoren und Verlagsleiter und schubst seinen Protagonisten dann ins Finisterre – „ans Ende der Welt“ – in die Bretagne in ein schönes Küstenstädtchen mit einfachen Leuten, einer putzigen Bibliothek und einem literarischen Geheimnis. Hier geht der gestrenge Literaturpapst, der im Zuge seines öffentlich geäußerten Zweifels seinen Job und gleich auch noch seine Ehefrau verliert, die ihm literarisch elegant unterreibt, dass man doch eine gefühlvoll elegante Trennung hinbekommen sollte angesichts der Tatsache, dass man sich ohnehin seit jähren nicht mehr liebe, auf Spurensuche.

Hier verwandelt sich der Film, dem ein bisschen weniger Score gut getan hätte, was aber fast auch das einzige ist, was ich gegen ihn vorbringen kann, in einen Krimi nach Agatha-Christie-Muster: Whudunnit?

Tatsächlich entdeckt der Literaturkenner allerlei Spuren, die den gefeierten wie verblichenen Autor als Fake diskreditieren könnten, aber keine stichhaltigen Beweise. Es ist einer der zauberhaften Momente des Films, dass der ungelernte Kriminalist seinen Fall nicht mit dem detektivischen Handwerk der Ermittlung lösen kann, sondern am Ende dann eben doch über die Erfahrung aus seiner kulturellen Bildung, die ihn uns zu Beginn des Films noch als standesbewussten, schnoddrig-schnöseligen Literaturschwätzer hat erscheinen lassen.

Der standesbewusste, schnoddrig-schnöselige Literaturschwätzer ist er am Ende des Films, als er das Rätsel gelöst hat, natürlich nicht mehr. Denn dazwischen hat er Josephine kennengelernt, die Tochter des Monsieur Pick, die ihm ordentlich Contra gibt – „Hören Sie auch mal auf, mir zu widersprechen?“ „Ich sehe keinen Grund, mich um dieses Vergnügen zu bringen!“. Fabrice Luchini und Camille Cottin werfen sich mit Lust ihre streitgeprägten Dialoge um die Ohren.

Ob sie ein Liebespaar werden, behandelt der Film außerhalb seiner 100 Minuten, beide Schauspieler trennen 27 Jahre. Aber dies ist Frankreich. Da gelten für potenzielle Romanzen andere Regeln.

Rémi Bezançon konzentriert sich auf seine literarische Spurensuche und formt eine wunderbar organische Auflösung. Denn das Leben liefert ja dauernd Geschichten für große Romane. Aber leider nimmt das Leben so selten eine Rücksicht darauf, wie diese Geschichten verkauft werden können.

Wertung: 7 von 8 €uro
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