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Plakatmotiv: Coriolanus (2011)
Dieser Shakespeare hat nichts
von seiner Aktualität verloren
Titel Coriolanus
(Coriolanus)
Drehbuch John Logan
nach dem gleichnamigen Bühnenstück von William Shakespeare
Regie Ralph Fiennes, UK 2011
Darsteller Ralph Fiennes, Gerard Butler, Brian Cox, Vanessa Redgrave, James Nesbitt, Paul Jesson, Jessica Chastain, Lubna Azabal, Ashraf Barhom, John Kani, Dan Tana, Miodrag Milovanov, Dragan Micanovic, Radoslav 'Rale' Milenkovic, Radomir Nikolic, Zoran Pajic, Harry Fenn, Elizabeta Djorevska, Dusan Janicijevic, Jon Snow, David Yelland, Nikki Amuka-Bird, Zoran Cica, Milos Dabic, Nicolas Isia, Zoran Miljkovic, Marija Mogbolu, Milan Perovic, Nenad Ristic, Lawrence Stevenson, Marko Stojanovic, Tamara Krcunovic, Zu Yu Hua u.a.
Genre Drama
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
20. Januar 2012
Inhalt

In Rom gibt es Unruhen, weil den Bürgern Getreidevorräte vorenthalten werden. Zudem halten die Konflikte mit den Volskern an. Der Unmut der Demonstranten richtet sich vor allem gegen den römischen General Caius Martius, den sie für die Probleme verantwortlich machen. Martius hingegen hält es mit Menenius, dem Patrizier, der bei solchen Gelegenheiten Gleichnis des Magens anführt, der für den ganzen Körper tätig sei; genau so sammelten auch die Patrizier Getreide und verteilten es dann in der ganzen Stadt. Kurz: Martius treibt die Bürger mit Polizeigewalt auseinander.

Der Kommandant der volskischen Armee, Tullus Aufidius, der einige Male gegen Martius kämpfte, sieht ihn als Todfeind und will ihn in der nächsten Schlacht um jeden Preis besiegen. Martius fährt einen Angriff gegen die volskische Stadt Corioli. Nach erbittertem Kampf werden die meisten seiner Männer von einer Sprengfalle getötet. In Rom spricht unterdessen Martius' Mutter Volumnia mit dessen Frau Virgilia. Virgilia ist besorgt, dass Coriolanus verletzt werden könnte. Volumnia erklärt jedoch, dass diese Wunden Ehrenmale seien und dass sie, falls sie ein dutzend Söhne hätte, lieber elf sterben sehen würde, als nur einen müßig leben zu sehen.

In Corioli stürmt Martius alleine vorwärts und tötet etliche Gegner. Blutbeschmiert trifft er auf weitere römische Soldaten, die ihn für tot hielten. Trotz seiner Verletzungen will Martius den Angriff fortsetzen. Zunächst will ihm keiner folgen, doch nachdem Martius die zögerlichen Soldaten verspottet, folgen sie ihm. Martius und Aufidius treffen aufeinander und beginnen einen Zweikampf mit Messern. Beide werden verwundet. Aufidius wird schließlich von seinen Soldaten gerettet.

Martius kehrt ruhmreich nach Rom zurück und erhält von General Cominius den Beinamen „Coriolanus“. Bereits im Senat zeigt sich Martius gerade zu zwanghaft bescheiden und würgt eine Lobesrede von Cominius ab. Seine klaffenden Wunden seien nichts als Kratzer und nicht würdig bewundert zu werden. Seine Mutter Volumnia ermutigt ihren Sohn, Konsul im Römischen Senat zu werden. Coriolanus zögert, entspricht jedoch schließlich dem Wunsch seiner Mutter.

Die beiden Volkstribune Brutus und Sicinius sehen seinen Eintritt in die Politik jedoch kritisch, da sie um ihre eigene Macht fürchten. Wie es der Brasuch verlangt, zeigt sich Coriolanus dem Volk, um dessen Zustimmung zu erhalten. Traditionsgemäß zeigen die Nominierten dem Volk ihre Narben, um zu beweisen, dass sie im Krieg würdig gekämpft haben. Coriolanus weigert sich jedoch, wieder aus Bescheidenheit. Neben diesem Affront ist Coriolanus unfreundlich und linkisch. Allerdings ist er auch ehrlich, so dass die Menge ihn schließlich nominiert. Die anwesenden Volkstribunen hetzen die Menge jedoch auf, sodass diese Coriolanus schließlich beinahe lyncht. Seine verärgerten und unwirschen Antworten machen die Sache nicht besser.

Trotzdem beschließt der Senat, über Coriolanus als Konsul abzustimmen. Die Tribunen agitieren jedoch unter den Plebejern, sodass diese in einer wütenden Meute den Senat belagern. Coriolanus tritt vor die Tür und wird von einem Tribun des Verrats beschuldigt. Außer sich vor Wut stürzt sich Coriolanus auf den Tribun und kann nur knapp zurückgehalten werden. Die Tribunen sind jedoch per Gesetz unverletzlich, jeder Angriff auf sie ist Hochverrat. Die Tribunen fordern die Todesstrafe. Mit Mühe und Not schafft es ein Coriolanus freundlich gesinnter Senator, die Strafe in Verbannung zu ändern.

Coriolanus sucht daraufhin Aufidius in der volskischen Stadt Antium auf. Er bietet ihm seine Hilfe für einen Angriff auf Rom an …

Was zu sagen wäre

Manchmal braucht es Shakespeare, den alten Recken, um uns Neuländern die Abartigkeit unseres Seins zu offenbaren. 1564 geboren, also im 16. Jahrhundert, hat er Zustände beschrieben, die geradezu prophetisch das Hic et Nunc des 21. Jahrhunderts beschreiben. 1608 veröffentlichte er sein Römerdrama „Coriolanus“, worin er beschreibt, wie der Adel sich nimmt, was er glaubt, es stehe ihm als Verwalter des Volkes zu, während dieses Volk gleichzeitig hungert. Er beschreibt einen standesbewussten Römer, einen Feldherrn, der für die herrschende Ordnung einsteht, streng Opfer einfordert, auf dass es allen gereiche, sich jedoch dem Volk als Showman mit heroischen Narben und Wunden verweigert. Das Volk beschreibt er gleichzeitig als formbare Masse (1698!), das verführbar ist, wie Weiden im Wind, das eben noch Hosianna ruft und im nächsten Augenblick Kreuziget ihn!

Ralph Fiennes verlagert dieses Drama aus dem frühen 17. ins 21. Jahrhundert, in eine Art Heute. Aber er belässt Shakespeares Rythmus und Sprache. Das ist gleichzeitig Fluch und Glück seines Films. Glück, weil es uns Zuschauern ein Leichtes ist, zu erkennen, wie sich die menschliche Gesellschaft so überhaupt gar nicht entwickelt hat, in Massen genauso verführbar ist wie vor 400 Jahren – wer nicht Brot und Spiele, respektive Tanz-Shows und Kreuzfahrten für alle versprechen kann, sei des Todes, oder wenigstens verbannt. Und, by the way: Recht hat schon damals der, der am lautesten schreit. Gänsehaut fröstelt über den Rücken des beschämten Zuschauers, wenn er erkennt, dass schon damals diese Regel galt. Wenn sich der Titelheld denn weigert, seinen Ehren-Namen nicht auszusprechen, wenn er überhaupt jeden Namen verweigert, weil sein Volk ihn verstoßen hat, dann findet sich darin die Verbitterung des eitlen Führers, der vom Populismus des Augenblicks medialer Aufmerksamkeit überrollt wurde. Dieser Martius Coriolanus hat es mit Macht und Stand versucht bei Menschen, die Schmeichelei und Spiele wollen. Nun kommt er mit Armeen und Stahl, um dem Volk die Möglichkeit des Überlebens zu geben – und läuft dem Verrat ins Messer.

Plakatmotiv (UK): Coriolanus (2011)Fluch ist, Shakespeares Sprache im 21. Jahrhundert-Drama beizubehalten, weil sie Redundanzen erzeugen, die in heutiger Dramaturgie als Bremser gebranntmarkt sind, weil sie Ehrbegriffe voraussetzt, die in Wahrheit nicht mehr gelten heute – „Ich wollt, die Götter hätten anders nichts zu tun, als meine Flüche zu erfüllen. Könnt ich nur einmal sie am Tag antreffen, es würd' mein Herz von schwerer Last befreien.“ Das ist schöne Sprache, von souveränen Schauspielern präsentiert, hinter der das visuelle zurückfällt, ähnlich wie in einem Musicclip, in dem die Bilder auch nur Transportmedium für den Youtube-Channel sind. Fluch auch in der deutschen Synchronfassung, weil nur im Original die ganze Wucht der Sprache, gesprochen aus berufenem Munde, die Wucht des Dramas deutlich wird, welche nicht einmal durch die Untertitel aufgefangen werden kann, die in ihrer bemüht vershaften Form schwer lesbar sind; in synchronisierter Fassung verliert der Film, weil professionelle Synchronsprecher versuchen, Shakespeares Kraft lippensynchron aufzulegen.

Den Schauspielern gefällt's. Vanessa Redgrave als Martius' dünkelhafte Mutter Volumina ist der personifizierte Shakespeare-Vers (Abbitte – 2007; Das Versprechen – 2001; Durchgeknallt – 1999; Deep Impact – 1998; „Mrs Dalloway“ – 1997; Fräulein Smillas Gespür für Schnee – 1997; Mission: Impossible – 1996; Das Geisterhaus – 1993; „Wiedersehen in Howards End“ – 1992; „Bäreninsel in der Hölle der Arktis“ – 1979; Mord im Orient-Express – 1974), Jessica Chastain als Marius' Gattin Virginia ist bezaubernd, spielt befreit auf zwischen der Taffness einer Frau, die den Kriegshelden einst freite, und dem Charme des kleinen Mädchens, das sie war, als sie dem Helden versprochen ward. Ralph Fiennes (Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – 2010; Kampf der Titanen – 2010; „Der Vorleser“ – 2008; „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ – 2008; Roter Drache – 2002; Mit Schirm, Charme und Melone – 1998; Der englische Patient – 1996; Strange Days – 1995; „Quiz Show“ – 1994; Schindlers Liste – 1993) unter eigener Regie badet seinen Coriolanus in Stahl, Blutbad und Stolz und bei Gerard Butler stört einen dessen deutlich schottischer Akzent nicht lange (Der Kautions-Cop – 2010; Gamer – 2009; „P.S. Ich Liebe Dich“ – 2007; „300“ – 2006; „Timeline“ – 2003; Die Herrschaft des Feuers – 2002) – vielleicht ist es ja der Akzent eines Volskers.

Von seiner Brisanz, seiner Aktualität jedenfalls hat dieser Shakespeare nichts verloren.

Wertung: 5 von 7 €uro
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