Kinoplakat: The Hateful 8
Filmzitate-Raten mit Quentin in
einem absurd schlechten Film
Titel The Hateful 8
(The Hateful Eight)
Drehbuch Quentin Tarantino
Regie Quentin Tarantino, USA 2015
Darsteller
Kurt Russell, Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Demián Bichir, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern, James Parks, Dana Gourrier, Zoë Bell, Lee Horsley, Gene Jones, Keith Jefferson, Craig Stark u.a.
Genre Western
Filmlänge 169 Minuten
Deutschlandstart
28. Januar 2016
Website thehatefuleight.com
Inhalt
Irgendwo im verschneiten Wyoming, einige Jahre nach dem Bürgerkrieg: Eine Postkutsche kämpft sich auf dem Weg zum Städtchen Red Rock durch die Landschaft. An Bord sind der Kopfgeldjäger John Ruth, seine Gefangene Daisy Domergue und zwei erst auf dem Weg zugestiegene Passagiere: der Ex-Soldat und nun ebenfalls als Kopfgeldjäger tätige Marquis Warren sowie Chris Mannix, der angibt, der neue Sheriff von Red Rock zu sein

Aufgrund eines heftigen Schneesturms sind sie dazu gezwungen, in einer Hütte Zuflucht zu suchen. Dort verstecken sich bereits der Mexikaner Bob, der undurchsichtige Oswaldo Mobray, der Cowboy Joe Gage und der in die Jahre gekommene Südstaaten-General Sanford Smithers vor dem Wetter.

Schnell nehmen die Spannungen in der Gruppe von misstrauischen Raubeinen zu, nachdem man sich anfangs noch bestens unterhalten hat. Und bald wird klar, dass hier nicht jeder der ist, der er zu sein vorgibt und auch längst nicht jeder von ihnen die Hütte lebend verlassen wird …

Was zu sagen wäre

Nach 105 Minuten nimmt der Film Fahrt auf. Bis dahin ist meine Vorfreude auf den neuen Quentin-Tarantino-Film sehr schnell sehr konsequent sehr großer Langeweile gewichen. Ich werde mich später noch weiter sehr langweilen, aber das weiß ich in dem Moment noch nicht. Nach 105 Minuten – bei normalen Filmen läuft da der Abspann – bekommt die Story einen Twist, der verheißungsvoll wirkt. Das tut er für etwa zehn Minuten; danach dauert aber der Film noch weitere 50 Minuten.

Bei Tarantino zählt das Handwerk – und das ist hier schlecht

Tarantino, der das Leben über Hunderte Filme aus der Videothek, in der er einst arbeitete, kennenlernte – wo er auch seine einzigartige Kinohandschrift entwickelte – hat hier zwei große Vorbilder des Western-Genres verarbeitet. Bei Tarantino ist das wichtig zu sagen: Er hat noch keinen Film über das selbst erlebte Leben gedreht; stets hat er für seine Filme Kinovorbilder zitiert, zertrümmert, neu zusammengesetzt und damit geniale Kinomomente geschaffen. Diese unbedingte, ausschließlich der Visualität verpflichtete Künstlichkeit macht seine Filme so reizvoll. Also: Will man sich nicht auf den einfachen „Tarantinos Film ist ein sarkastischer Kommentar auf die Ausweglosigkeit des Lebens voller hässlicher, verlogener Arschlöcher“ beschränken, das für jeden seiner Filme Gültigkeit hat und in der wenig subtilen Aussage gipfelt Life sucks und wir werden alle sterben, dann muss man seine Filme in Beziehung zu den jeweils zitierten Vorbildern setzen – bei Tarantino mehr als bei anderen Regisseuren ist das Handwerk ausschlaggebend, das des Erzählens in Schreiben und Regie.

Seine Messages, die es durchaus gibt, sind gesellschaftspolitische Allgemeinplätze, die als Statement so aufgeklärt klingen wie sie aufgesetzt sind; sowas führt dann mal zu dem Umstand, dass sein Django Unchained (2012) zum schärfsten und beklemmensten Kommentar zur Sklaverei in den Vereinigten Staaten gerät, der in zehn Jahren auf die Leinwand kam. Aber das ist eher Zufall. Niemand mag ernsthaft behaupten, Inglourious Basterds (2009) sei ein kritischer Kommentar zu Diktatur und Faschismus; es ist ein blutiger Fun-Film.

Vorbilder gesucht, Verbeugung vergeigt

Im vorliegenden Film baut er die Dramaturgie von John Fords „Stagecoach“ in die verschneite Kulisse des Italo-Western Leichen pflastern seinen Weg von Sergio Corbucci. Diesen Vergleichen hält Tarantinos Film lediglich bei der exzellenten Fotografie seines Dauer-Kameramannes Robert Richardsons stand, der in den 1990er Jahren schon die manischen Ego-Trips Oliver Stones zu großem Kino verdichtet hat (U-Turn – Kein Weg zurück – 1997; Nixon – 1995; Natural Born Killers – 1994; Zwischen Himmel und Hölle – 1993; JFK – Tatort Dallas – 1991; The Doors – 1991; Geboren am 4. Juli – 1989; „Talk Radio“ – 1988; Wall Street – 1987; Platoon – 1986; „Salvador“ – 1986) und auch Martin Scorsese seit Casino (1995) unterstützt.

Richardsons Bilder der verschneiten Berglandschaft sind wunderschöne Gemälde, denen ich mich gerne und ausdauernd hingebe – wenn bloß nicht diese Typen wären, die ununterbrochen dummes Zeug quatschen und dabei wirken, wie Jungs, die im Sandkasten zum Schwanzvergleich blank ziehen. Von John Fords poetischem, psychologisch vielschichtigem „Stagecoach“ ist die Anzahl der Protagonisten und die räumlich begrenzte Situation der Kutsche und der Station(en) übrig geblieben.

In seinem über dreistündigen Film verheddert sich Tarantino zwischen diesen Vorbildern und seiner eigenen Fähigkeit, Dialoge zu schreiben. Der Film funktioniert weder in stilistischer noch in erzählerischer Kunst – und auf der Meta-Ebene scheitert er auch. Fangen wir mit der letzten an: Sergio Corbuccis Italo-Western haben immer auch eine biblische Komponente, seine Helden erleben neutestamentarische Qualen. Tarantino beginnt seinen Schnee-Western mit dem Schmerzensmann. Ein Kruzifix irgendwo in den Bergen Wyomings – es reicht nicht das Kreuz als solches, das „es wird Tote geben“ signalisiert, der Schmerzensmann muss schon dran hängen an diesem Kreuz. Tarantino behält dieses Motiv in einer langen – grandiosen – Einstellung bei, in die sich langsam erst die Kutsche drängt, in der die Story sitzt, die dann erzählt wird. Der Schmerzensmann am Kreuz taucht später im Film wieder auf, an anderer Stelle bekreuzigt sich einer der Männer, ein anderer klimpert „Stille Nacht, heilige Nacht“, während Kaffee vergiftet wird. Diese Motive legen eine religiöse Komponente für den Film nahe.

Ein bisschen Bibel, viel Geschwätz

Gleich im Vorspann heißt es „Die Weinstein Company präsentiert Quentin Tarantinos 8. Film The Hateful 8“. Die „8“ also … die erste Zahl außerhalb der 7-tägigen Schöpfungsgeschichte. Findet nicht die Beschneidung am 8. Tag statt? 8 Seelen wurden gerettet auf der Arche Noah. Ein Mann wird nackt durch den Schnee zu Tode getrieben – auch so ein Schmerzensmann, nur nicht am Kreuz, dessen Qual grausam ist, nur niemanden erlöst; nicht einmal ihn selbst. Und während ich also gerade anfange zu überlegen, ob nicht selbst der Schauplatz sich biblisch überhöhen lässt – da ist der Miederwarenladen, der Stall und das Scheißhaus – Dreifaltigkeit? – da hat Tarantino all diese Hinweise im Bild schon vergessen und konzentriert sich wieder auf Geschwätz. Statt einer Erlösergeschichte reiht er plumpe, nur sich selbst genügende Szenen aneinander, die nicht zu einem Ganzen finden.

„The Hateful 8“ ist ein unglaublich geschwätziger Film und sehr schnell denke ich sehnsüchtig an den klassischen Tarantino-Dialog zurück, wenn in Pulp Fiction Vince Jules erzählt, dass der Viertelpfünder mit Käse in Paris „Royal Cheese“ heißt. Ein kurzer Dialog für die Ewigkeit, eine wunderbare Miniatur in einem Film voller wunderbarer Miniaturen, der so viel über die beiden Figuren erzählt, die ihn sprechen. Von dieser Qualität ist im vorliegenden Film nichts zu finden. Die Männer sprechen Poser-Sätze, die nichts über ihren Charakter erzählen, sondern höchstens davon, dass der Autor dieser Sätze – Tarantino – die Tinte nicht halten konnte. Wer hat wann wieviele umgelegt und warum wird „die Schlampe“ (in Russells Obhut) nicht gleich gekillt und bist Du nicht der berühmte Soundso und so weiter und so fort.

Bewahrt Tarantino vor dem Final Cut!

In der Eingangssequenz verquasseln sich Kurt Russell und der unvermeidliche Samuel L. Jackson in einem endlosen Dialog über Kopfgeldjäger, Misstrauen, Prämien, Tod-oder-lebendig, über Frauen – also kurz: über alles. Dann taucht ein dritter Mann auf und dann reden sie mit ihm über all diese Dinge und irgendwann, da mag der Film 30, 40 Minuten lang sein, aber immer noch nirgendwohin gekommen, verliere ich im Kinosessel den Faden – war ich eine Sekunde unaufmerksam? Es ist schlimmer: All diese Macho-Sentenzen, die Tarantino seinen Kerlen ins Script geschrieben hat, bleiben ohne Bedeutung, ohne Folgen. Sie sind einfach da, sind weder witzig, noch charakterisierend, noch ikonographisch, sind einfach nichts von dem, was der „Royal Cheese“-Dialog war. Und das geht drei Stunden so; man hätte Tarantino den Final Cut verweigern müssen, um ihn vor sich selbst zu schützen. Er spinnt lauter Fäden, die er im Moment des Entstehens ausfransen lässt ins Nichts. Hier hängt nichts mit nichts zusammen.

Nach 105 Minten beginnt dann das Sterben. Da kotzen sich Vergiftete das Blut aus den Eingeweiden, werden Hoden zertrümmert, Gesichter weggeschossen, Gehirnmasse über Leute verteilt, die dann den Rest des Films blutige Matsche und Splitter der Schädeldecke im Gesicht kleben haben und alles ist tarantinoesk iggelig und schmuddelig – und belanglos. Trotz der elaborierten, wenn auch gar nicht spaßigen sondern nur redundanten Dialoge habe ich die Figuren immer noch nicht kennengelernt. Sie alle bleiben reine Funktionsträger, um eine Splatterkaskade loszutreten. Zu dieser Zeit hat sich Tarantinos Film, bis auf wenige Ausnahmen, auf den einen Schauplatz des Miederwarenladens reduziert.

Was andere Regisseure jetzt für eine reizvolle Film-Übung nutzen – es sei an Hitchcocks „Lifeboat“ (1943 – ein Drama an Bord eines Rettungsbootes auf hoher See) erinnert oder auch an Joel Schumachers furiosen Nicht auflegen (2002 – ein Drama in einer Telefonzelle in Manhattan) – verkommt bei Tarantino zum abgefilmten Theater mit (wieder) reduntanten Kamera-Einstellungen. Als hätte er plötzlich alles verlernt, was er an Kunst beherrscht. In Reservoir Dogs hatten wir – wie hier – das Konstrukt der Männer auf begrenztem Raum, die (im Bild) weit weniger blutig, (im Kopf des Zuschauers) aber viel erschreckender als hier sind (schon, weil Tarantinos Machart 1990 noch neu und frisch wirkte) – und, ebenfalls, grandiose Dialoge sprechenen. Pulp Fiction eröffnete mit seinen komplexen Zeitsprüngen eine Form des Erzählens, die im Kino über Jahrzehnte als billig verschrieen war (und grandiose Dialoge hatte). Kill Bill ist die – zweite – Antwort auf die Frage, warum Film im englischen Movie heißt* – selten war ein Film bewegender und bewegter (und er hatte Uma Thurman mit den erotischen Zehen).

Leere Rollen, gespielt von Schauspielern als Zitate ihrer selbst

„The Hateful 8“ hat gelangweilte Wiederholungen: der ewige Samuel L. Jackson, dazu Kurt Russell aus Tarantinos Death Proof, Michael Madsen, der hier uninspiriert seine Rolle aus Tarantinos Kill Bill kopiert, Bruce Dern aus Tarantinos Django Unchained, und Tim Roth aus Tarantinos Pulp Fiction versucht sich erfolglos in der Christoph-Waltz-Rolle des exaltieten Verrückten.

Auf dem American Film Market (AFM) sagte Tarantino 2015: „Regieführen ist eine Sache für junge Männer. Ich möchte aussteigen, solange ich noch gut bin.“ Möglicherweise hat er diesen Moment schon überschritten. Von seinen belanglosen Filmen ist „The Hatefull 8“ der schlimmste – der ist auch noch langweilig.

Wertung: 2 von 8 €uro