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Plakatmotiv: Die Wiege der Sonne (1993)
Gut erzählter Wirtschaftsthriller
mit etwas fragwürdiger Haltung
Titel Die Wiege der Sonne
(Rising Sun)
Drehbuch Philip Kaufman + Michael Crichton + Michael Backes
nach dem Roman „Rising Sun – Nippon Connection“ von Michael Crichton
Regie Philip Kaufman, USA 1993
Darsteller Sean Connery, Wesley Snipes, Harvey Keitel, Cary-Hiroyuki Tagawa, Kevin Anderson, Mako, Ray Wise, Stan Egi, Stan Shaw, Tia Carrere, Steve Buscemi, Tatjana Patitz, Peter Crombie, Sam Lloyd, Alexandra Powers u.a.
Genre Thriller, Crime
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
11. November 1993
Inhalt

Es sieht aus wie ein ganz normaler Mord: Auf der Party eines japanischen Konzerns wird eine junge Frau tot aufgefunden. Eigentlich ein Fall wie jeder andere – wenn nicht das Unternehmen eines der mächtigsten japanischen Kartelle wäre, wenn der Schauplatz der Verbrechen nicht in Amerikas High-Tech-Hauptstadt läge und, wenn nicht die Interessen der grossen Rüstungsfirmen betroffen wären.

Für die beiden Sondereinsatz-Detektive der Polizei, der Japan-erfahrene John Connor und Lt. Webster Smith, stellt sich sehr schnell heraus: Hier herrscht brutaler, erbarmungsloser Krieg. Hinter den feinen Stoffen der edlen Herren wird ein Spiel gespielt, das dreckiger ist als die Kämpfe in den Slums der Straßen. Ein Krieg, der alle Waffen einsetzt: von der ausgefeiltesten Elektronik bis hin zum einfachen Messer.

Vom Angestellten Ishihara erhalten Connor und Smith eine Disc, auf der die Tat scheinbar zweifelsfrei festgehalten wurde. Man kann das Gesicht von Eddie Sakamura erkennen. Als die Polizei noch in der Nacht Eddies Haus stürmt, um ihn festzunehmen, flüchtet dieser mit einem Sportwagen. Auf der Flucht verunglückt der Wagen und explodiert, die Leiche verbrennt darin bis zur Unkenntlichkeit.

Connor ist aufgrund der scheinbar einfachen Lösung des Falles misstrauisch geworden und hat die Bilder der Disc in der Zwischenzeit von Experten überprüfen lassen. Die Bildbearbeitungsexpertin Jingo Asakuma findet heraus, dass das Video manipuliert wurde. Durch digitale Nachbearbeitung wurde das Gesicht des Würgers durch das von Eddie ersetzt und die tatsächlichen Bilder von Eddie, wie er Zeuge des Vorgangs wurde, herausgelöscht.

Plakatmotiv (US): Die Wiege der Sonne (1993)Da sich der Mord um 20:30 Uhr ereignete und sie die Disc fünf Stunden später erhielten, versuchen sie herauszufinden, wo eine solch hochwertige Manipulation in der kurzen Zeit möglich gewesen wäre. Die Spur führt in die Labore von Jim Donaldson, die vor kurzem von der Firma Hamaguri aufgekauft wurden. Dort möchte man nicht offiziell über seine Kunden sprechen, zudem wäre die Firma Hamaguri ein Konkurrent der Firma Nakamoto …

Was zu sagen wäre

Sie leben im falschen Jahrhundert“, schnauzt Lt. Web Smith den Mann an, der ihn gerade mit einem Bell Boy verwechselt hat, der Autos vorfährt – aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe. Dabei lebt der Mann, der sich geirrt hat, schon im richtigen Jahrhundert, er diskriminiert nur die falsche Ethnie. In der Welt dieses Films sind Japaner die neuen Schwarzen. Die Schwarzen verachtet er als minderbegabte Nachfahren von Sklaven. Die Japaner diskriminiert er, weil die sich wie die Herren der Welt aufführen, die ihre US-Heimat aufkaufen. Und die Japaner selbst? Halten die Amerikaner für schwach, dumm und korrupt.

Geschäft ist Krieg“ heißt es im japanischen Konzern Nakamoto. Und das ist wörtlich zu verstehen. Denn im Krieg ist alles erlaubt. Philip Kaufmans Verfilmung des Romans von Michael Crichton ist vordergründig ein solider Thriller. Dahinter blickt er tief in die Verwerfungen durch Vorurteile und Ängste dem Fremden gegenüber. Japaner warfen Kaufman prompt vor, sein Film sei rassistisch, bediene das Vorurteil des gierigen, verschlagenen Japaners. Dabei hat sich Kaufman alle Mühe gegeben, Crichtons Romanvorlage, der man diesen Vorwurf begründeter machen konnte, zu entschärfen, die Seiten auszubalancieren. Crichton hat das Filmprojekt deshalb im Unfrieden verlassen. Der Film sage nicht mehr, was sein Buch sage: Aus dem weißen Cop Smith wurde der schwarze Cop, aus einer Japanerin eine afroamerikanische Japanerin; auch der vermeindliche Mörder hat die Nationalität gewechselt.

Dennoch bleibt der diffuse Eindruck im Film, dass Japan gerade dabei ist, sich durch Betrügereien und Intrigen US-amerikanische Schlüsseltechnologie anzueignen, wogegen die armen unschuldigen US-Konzerne machtlos bleiben – zur Not kaufen die Japaner halt einen Senator. Das ist angesichts der us-amerikanischen Hegemonialgeschichte ein wenig naiv, so, als hätten diese US-Konzerne ihre Macht, ihren Reichtum nicht auf der Vertreibung der Ureinwohner, vulgo Indianer, nicht auf Sklaverei, nicht auf der Ausbeutung chinesischer Arbeiter beim Eisenbahnbau gegründet. Da wirkt der korrupte Cop, den Harvey Keitel ganz vorzüglich ekelhaft spielt, fast wie eine Entschuldigung, ebenso wie die Tatsache, dass am Ende des Films der japanische Nakamoto-Konzern mit ganz reiner Weste dazustehen scheint.

Das ist ärgerlich, weil es so plump geschieht.

Dabei ist „Die Wiege der Sonne“ ein famoser Thriller, wunderbar erzählt, elegant fotografiert und großartig besetzt. Sean Connery spielt den Japan-Versteher im Armani-Anzug wunderbar autoritär, ohne laut zu werden, ohne den Snob zu geben. Sein John Connor scheint stets auf den Ausgleich bedacht und bekommt durch das Zwischen-den-Zeilen-Gesagte, was er haben will. Das Studio schenkt ihm im Showdown auch eine Prügelszene, aber es steht dem mittlerweile 63-Jährigen einfach besser, wenn er den Weisen Mann spielen kann, der sein gegenüber mit kleinen Gesten und zuckender Augenbraue steuert („Medicine Man“ – 1992; Das Russland-Haus – 1990; Jagd auf Roter Oktober – 1990; Family Business – 1989; Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – 1989; „Presidio“ – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; „Der Name der Rose“ – 1986; Highlander – 1986; Camelot – Der Fluch des Goldenen Schwertes – 1984; James Bond 007 – Sag niemals nie – 1983; Flammen am Horizont – 1982; Outland – Planet der Verdammten – 1981; Robin und Marian – 1976; „Der Mann, der König sein wollte“ – 1975; „Der Wind und der Löwe“ – 1975; Die Uhr läuft ab – 1975; Mord im Orient-Express – 1974; „Zardoz“ – 1974; James Bond 007 – Diamantenfieber – 1971; „Der Anderson Clan“ – 1971; Marnie – 1964; Die Strohpuppe – 1964; James Bond 007 jagt Dr. No – 1962).

Den Hitzkopf-Part spielt Wesley Snipes (Passagier 57 – 1992; „Weiße Jungs bringen's nicht“ – 1992; „New Jack City“ – 1991; „Die Indianer von Cleveland“ – 1989), kampferprobter Actionstar, der hier den Cop mit Vergangenheit und Köpfchen spielt und sich bescheiden von Connery führen lässt; was nicht heißt, dass er nicht zwischendurch Hitzkopf sein darf. Beide, Connery und Snipes ergänzen sich prächtig. Es macht Spaß, den beiden zuzusehen, während sie uns, wenn auch oberflächlich, in die japanische Kultur einführen.

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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