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Kinoplakat: Philadelphia
Zeitgenössisches Emotions-Kino,
das meistens den Ton trifft
Titel Philadelphia
(Philadelphia)
Drehbuch Ron Nyswaner
Regie Jonathan Demme, USA 1993
Darsteller
Tom Hanks, Denzel Washington, Antonio Banderas, Joanne Woodward, Jason Robards, Mary Steenburgen, Charles Napier, Roger Corman, Roberta Maxwell, Buzz Kilman, Karen Finley, Daniel Chapman, Mark Sorensen Jr., Jeffrey Williamson, Charles Glenn, Ron Vawter, Anna Deavere Smith, Stephanie Roth Haberle, Lisa Talerico, Robert Ridgely, Ford Wheeler, Paul Lazar, Bradley Whitford, Lisa Summerour, Bill Rowe, Glen Hartell, Ann Dowd, Katie Lintner, Peg French, Ann Howard, Meghan Tepas, John Bedford Lloyd, Robert W. Castle, Molly Hickok, Dan Olmstead, Elizabeth Roby, Adam LeFevre, Daniel von Bargen u.a.
Genre Drama
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
24. Februar 1994
Inhalt

Andrew Beckett ist der Star unter den jungen Anwälten in Philadelphias größter Lawfirm. Er hat Aids. Niemand dort weiß das, aber dann wird Andrew von heute auf sofort gefeuert – angeblich wegen einer groben Fahrlässigkeit. Andrew indes glaubt, Charles Wheeler, leitender Partner der Kanzlei sei dahinter gekommen, dass er Aids hat und habe ihn deshalb gefeuert. Deshalb will er seinen alten Arbeitgeber verklagen.Doch findet er niemanden, der ihn vor Gericht vertreten will.

Erst Joe Miller nimmt sich trotz seiner Homophobie des Falls an. Und während Andrew von Tag zu Tag mehr an Kraft verliert, setzt sich Joe verbissen für seinen Mandanten ein, um den Prozess zu gewinnen …

Was zu sagen wäre

Es gibt eine Szene in diesem Film, mit der Jonathan Demme die Fallhöhe seines Dramas sehr anschaulich macht. Andrew sagt Joe Miller, dass er Aids hat. Daraufhin zieht sich die Kamera in eine Ecke der Zimmerdecke im Büro zurück und sieht zu, wie swich Joe so weit wie möglich von seinem Klinenten entfernt und im Folgenden ängstlich darauf achtet, was der kränklich aussehende Mann vor ihm alles anfasst. Die Szene übernimmt das, was die meisten Menschen im Kinosaal denken: Oh, der Mann tut mir leid. Er ist todkrank. Aber ist er nicht auch gefährlich? Aids ist doch ansteckend? Denzel Washington, der die Kunst beherrscht, mit nur einem Gesichtsausdruck verschiedene Gefühlszustände zu spielen („Die Akte“ – 1993; „Viel Lärm um nichts“ – 1993; „Malcolm X“ – 1992; „Ricochet – Der Aufprall“ – 1991;„Glory“ – 1989), kommt diese Fähigkeit hier – und in vielen anderen Szenen dieses Films – zugute.

Dieses Stilmittel der enervierend unauffällig deutlichenen Ablehnung nutzt Jonathan Demme (Das Schweigen der Lämmer – 1991; Die Mafiosi-Braut – 1988; „Gefährliche Freundin“ – 1986; „Stop Making Sense“ – 1984) mehrfach, lässt seine Protagonisten immer wieder in die Kamera sprechen, als wäre der Zuschauer im Saal der eigentliche Gesprächspartner. Immer, wenn er Positionen deutlich machen will. Lange Kameraeinstellungen folgen den Protagonisten, hart gegen Close-Ups ängstlicher, liebender, stoischer Gesichter. Feines Handwerk verhindert, dass sensible Situationen in Kitsch abdriften. Leider hatte Howard Shore zu viel Gelegenheit, die Bilder in seinem Soundtrack zu ertränken.

Der Film „Philadelphia“ ist ein Kind seiner Zeit. Aids ist immer noch in allen Köpfen, spukt nach wie vor als ewine Art Pest durch unsere Köpfe. Jonathan Demme und sein Autor Ron Nyswaner wollen Aufklärung leisten, eine Lanze brechen für die Betroffenen. Das machen sie so gut, dass der Film an manchen Stellen wirkt wie ein Aufklärungsvideo der Aids-Stiftung. Alle gucken stets ernst und betroffen, wenn es darum geht, das Teuflische der Krankheit abzugrenzen von einem eingebildeten – schwulen – Liebesleben, wenn deutlich gemacht werden soll/muss, dass der Homosexuelle nicht krank ist („hier bloß keinen Fehler machen“, scheint da im Script als Regiehilfe zu stehen).

Die Familie des infizierten Andrew – Mutter, Vater, Brüder, Schwestern, Schwägerinnen und die deren Kinder – ist geradezu ein Ausbund liberaler Ostküstengesinnung und wenn Andrew und sein Lebensgefährte Miguel einen letzten Maskenball schmeißen, ist das schicke Loft angefüllt mit fröhlichen, unglaublich normalen Menschen bei Livemusik. Der Film endet mit einem verkratzten Super-8-Film, der den kleinen Andrew zeigt, der dem vor ihm liegenden Leben „Jetzt bin ich dran!“ entgegen lacht. Am Ende verliert Jonathan Demme den Faden, vergisst, ob er ein Gerichtsdrama, ein Nicht-der-Aids-Infizierte-ist-pervers-sondern-die-Gesellschaft-die-ihn-ausstößt-Drama oder die Lebensgeschichte eines Aids-Infizierten erzählen wollte.

Im Gerichtssaal kommt so gut, wie keine Spannung auf. Zeugen werden befragt, Einspruch erhoben, der grauhaarige, kernige Richter steht erkennbar nicht auf der Seite des Aids-Infizierten, die Anwältin der Gegenseite hasst ihren Job, weil sie den Aids-Infizierten sexuell als verantwortlungslosen Schwulen brandmarken muss und die Geschworenen sind so einhellig auf Seiten des Guten, wie es sich für die Einwohner der Stadt ziemt, in der die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung verkündet und die Verfassung der Vereinigten Staaten beschlossen wurde

Ein erstklassig gefilmtes, vor allem von Tom Hanks großartig gespieltes Drama (Schlaflos in Seattle – 1993; Joe gegen den Vulkan – 1990; Meine teuflischen Nachbarn – 1989; big – 1988; Schlappe Bullen beißen nicht – 1987; Nothing in Common – 1986; Alles hört auf mein Kommando – 1985; Der Verrückte mit dem Geigenkasten – 1985; Bachelor Party – 1984; Splash – Jungfrau am Haken – 1984), das viel verdeutlicht, ein Schicksal nahe bringt. Weniger aufdringliche Message aber wäre mehr gewesen.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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