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Plakatmotiv: Passengers
Schöne Menschen in schönem Design in
einem Film, der nicht hält, was er verspricht
Titel Passengers
(Passengers)
Drehbuch Jon Spaihts
Regie Morten Tyldum, USA 2016
Darsteller Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne sowie Andy Garcia, Vince Foster, Kara Flowers, Conor Brophy, Julee Cerda, Aurora Perrineau, Lauren Farmer, Emerald Mayne, Kristin Brock, Tom Ferrari, Quansae Rutledge u.a.
Genre Science Fiction
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
5. Januar 2017
Inhalt

Auf dem Raumschiff „Avalon“, das sich auf dem Weg zur Kolonie Homestead II auf einem weit entfernten Planeten befindet, kommt es während der eigentlich 120 Jahre dauernden Reise beim Durchflug eines Kometenfeldes zu einer Störung einer der vielen dort untergebrachten Stasiskammern. Im Jahr 2350 wird der Passagier Jim Preston, ein Maschinenbauingenieur aus Denver, 90 Jahre zu früh geweckt. Er kann seine Stasiskammer nicht reaktivieren.

Anfangs ist Jim der einzige Passagier, der sich wach, jedoch sehr einsam auf dem riesigen Raumschiff bewegt. Lediglich im Roboterbarkeeper Arthur findet er einen Gesprächspartner. Auf einem seiner Streifzüge durch das gigantische Schiff hat er in einer der Stasiskammern eine bildschöne junge Frau entdeckt – Aurora, eine Journalistin aus New York. Er sammelt alls Informationen, die er in den Borddateien über sie finden kann und verliebt sich in sie; nach einem Jahr der Einsamkeit weckt er sie aus ihrem Kälteschlaf. Er erzählt ihr nicht, dass sie durch ihn geweckt wurde.

Beide stellen sich darauf ein, den Rest ihres Lebens auf dem Raumschiff zu verbringen; sie haben ein Kino, Restaurants, einen Swimmingpool und diverse Sporteinrichtungen ganz für sich alleine und Arthur steht ausschließlich ihnen zur Verfügung. Nach einiger Zeit werden sie ein Paar. Bis Aurora durch Arthur den Grund ihres Erwachens erfährt. Sie bricht zusammen, ist wütend und trennt sich von Jim, versucht, soweit möglich, jeden Kontakt zu vermeiden.

In dieser Zeit laufen im Kontrollraum des Schiffs immer mehr Alarme auf. Jim erkennt ein Problem im Fusionsreaktor …

Was zu sagen wäre

Okay: Vergessen wir für einen Augenblick mal, dass der ganze Film aus lauter Zufällen besteht – ein Raumschiff hat Fehlfunktionen, ausgerechnet ein Techniker wacht auf; dieser Robinson und seine Freitag kommen sicht weiter, da wacht auch der Chefmechaniker auf, gibt lebensnotwendige Codes frei und stirbt dann rasch wieder usw.. Manchmal müssen wir uns zum Thema Zufall und Logik Alfred Hitchcock in Erinnerung rufen, der sagte: „Die Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mit etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt, hat keine Phantasie.“ (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht – 1966). Hitchcock war ja nicht irgendwer. Tun wir also so, als spielten Logik und Wahrscheinlichkeit im Kino noch immer keine Rolle und schauen uns den Film nochmal an.

Spoiler-Gefahr

Er erzählt eine Robinsonade in futuristischem Desdign. Und dieses Design ist wirklich schick: das Raumschiff elegant geschwungen, die Interieurs mondän – hier und da mit dem frivolen Touch eines südhessischen Bettenhauses – die Maschinenräume mit wunderbaren Steckplätzen und Glas-Tableaus, der Weltraum sternenreich. Und das Schwimmbad an Bord ist wirklich eine Augenweide. Da ist es gut, dass auch der zufällig aus dem Hyperschlaf geweckte Techniker mit dem All American Name Jim ein gut aussehender, charmanter Teddybär ist – und nicht etwa einer der handelsüblichen Sorte mit Arschgeweih. Clever manipuliert das Drehbuch unser Zeitempfinden. Jim wächst in wenigen Minuten ein ordentlicher Bart und bald ist ein Jahr rum, ohne, dass dem erwartungsfreudigen Zuschauer langweilig geworden wäre. Diese Erwartungsfreude ist ordentlich.

Zum einen erwarten wir ja noch Jennifer Lawrence (Joy: Alles außer gewöhnlich – 2015; Serena – 2014; American Hustle – 2013; „House at the End of the Street“ – 2012; Silver Linings – 2012; Die Tribute von Panem – The Hunger Games – 2012; X-Men: Erste Entscheidung – 2011; Winter's Bone – 2010). Zum anderen verspricht das Plakat auch noch, dass es einen Grund gebe, „warum sie aufgewacht sind“; auch im Trailer wurde ein großes Geheimnis angedeutet. Das riecht mindestens nach einer mittelschweren politischen oder industriellen Verschwörung. Aber: Es gibt keinen Grund. Es gibt keine Verschwörung. Es ist Zufall, dass Jim aufwacht. Es hätte auch einen Kindergärtner erwischen können. Für die 5000 schlafenden Passagiere ist es Schicksal – ein gutes Schicksal und also „ein Grund“, aber als der Film soweit fortgeschritten ist, hat er mich längst verloren; und von Schicksal, von einer etwaig Höheren macht ist auch im ganzen Film nicht die Rede.

Plakatmotiv: PassengersJon Spaihts (Buch – Doctor Strange, Prometheus) und Morten Tyldum (Regie) wollen die große philosophische Runde drehen, emotional aufgeheizt mit den Allwetter-Themen Liebe, Verrat und Aufopferung. Die erste Einstellung ihres Films – das durchs All gleitende Raumschiff Avalon und die durch die leeren Räume schwebende Kamera – sagt Wir machen hier mindestens Alien. Bei den süßen Staubsauger-Roboter grüßen deren Paten aus Silent Running aus der Kulisse. Bei den immer freundlichen Computerstimmen und ein wie ein Hamsterrad gestalteter Kommandotrackt sagt der Film Eigentlich machen wir sogar 2001 – Odyssee im Weltraum. Wenn dann der film wenigstens mal Silent wäre.

Tyldum, dessen The Imitation Game 2015 für den Regie- und den Best-Picture-Oscar nominiert war, verlässt sich nicht auf sein Sujet – die Einsamkeit in der Leere des Alls – und unterlegt den kompletten Film mit einem tranigen Soundtrack, der ebenso 08/15 ist, wie der Popsong, der gleich nach der tragisch-schönen Auflösung des Films aus den Boxen klingt. Thomas Newman (Spectre, WALL-EDie Eiserne Lady oder American Beauty) ist für den Score verantwortlich und wahrscheinlich war die Maßgabe aus der Marketingabteilung des produzierenden SONY-Studios die, dass der Soundtrack des 12-fach Oscar-Nominierten so umfangreich sein muss, dass man damit eine CD für die Supermarktregale und Downloadportale füllen kann.

Kommen wir also zurück zu den unmöglichen Zufällen an Bord, die wohl irgendwie die Hand Gottes symbolisieren sollen und dennoch stören. Auch, wenn wir den Störfaktor Zufall aber außen vor lassen, gewinnt der Film nichts. Er ist jederzeit hübsch anzuschauen, Chris Pratt spielt seinen Teddybärcharakter, wie er ihn immer spielt – mit dieser jungenhaften Nonchalance, der man nie wirklich böse sein kann (Die glorreichen Sieben – 2016; Jurassic World – 2015; Guardians of the Galaxy – 2014; Der Lieferheld – 2013; Her – 2013; Zero Dark Thirty – 2012; Moneyball – 2011; Jennifer's Body – 2009).

Michael Sheen (Nocturnal Animals – 2016; Midnight in Paris – 2011; Tron – 2010; Unthinkable – Der Preis der Wahrheit – 2010; „Frost/Nixon“ – 2008) als Barkeeper-Android ist superb in seinem Minimalismus und dann kommt ja immer noch La Lawrence, deren Rolle zwischen Leidenschaft, Verzweiflung und heiligem Zorn ordentlich Leben in die Bude bringt und die andauernd im knappen Badeanzug durch den erwähnten sehr schönen Pool taucht oder nackt in einen Raumanzug steigt oder elegante Kleider trägt. Lawrence kann nichts dafür, dass auch ihre Rolle letztlich Funktionsträger-Charakter hat und nicht in die Tiefe geht. Sie passt sich der Schönheit ihrter Umgebung nahtlos an.

„Passengers“ reiht sich nahtlos ein in das blutleere Oberflächenkino, dass die Studios in Hollywood mittlerweile im Schlaf beherrschen. Er ist reines Geschäft, ohne künstlerischen Anspruch. Wäre er der große Film geworden, den die Ausgangsidee durchaus zulässt (siehe unten) – mit all ihren philosophischen, existenziellen Menschheitsfragen – wäre er nach den Maßgaben der Kinoindustrie wohl zu kompliziert für das Massenpublikum geworden. Das riskiert in Tinseltown keiner mehr und wirtschaftlich hat sich das gelohnt: Den 110 Millionen Dollar Produktionskosten stehen knapp 300 Millionen US-Dollar am internationalen Box Office gegenüber. Wer interessiert sich da noch für Logik, Zufälle oder ein durchdachtes Drehbuch?

Sogar eine Fortsetzung ist noch drin. Es wird zwar nicht explizit gesagt. Aber wäre es nicht ein (nochmal) blöder Zufall, wenn die zwei voll im Saft stehenden Menschen, die da einsam an Bord durch die Jahrzehnte treiben, nicht noch Kinder gezeugt hätten? Einen Jungen und ein Mädchen? Die wären, als das Schiff sein Ziel erreicht, ungefähr im Alter von Jenniffer Lawrence und Chris Pratt. Die Pläne liegen bestimmt längst in der Schublade der SONY-Leute.

Ein Gedankenspiel

Nur mal so gedacht: Der Film ist erzählt aus der Perspektive (PoV – Point of View) von Chris Pratt. Wir wachen mit ihm auf, lernen ein wenig über seine Einsamkeit, sehen, dass er schließlich Jennifer Lawrence weckt, sie verlieben sich, La lawrence erfährt, dass Pratt sie geweckt hat, sie ist – vorhersehbar – stinkwütendenttäuschtverletztverraten, er furchtbar es-tut-mir-so-leid-traurig und von hier aus gibt es nur noch zwei Möglichkeiten, wie sich der Film entwickelt: Pratt stirbt als Held und sie vergibt ihm. Er stirbt nicht, sie verlieben sich wieder – und sie vergibt ihm.

So kommt es dann ja auch.

Nun erzählen wir den Film mal aus ihrer Perspektive: Sie wacht auf, trifft auf pratt und mit ihr erleben wir das, was pratt ihr über sein jahr allein auf der Avalon erzählt; ob er lügt oder die Wahrheit nsagt? Pratt kann neben dem schmusigen Teddybär durchaus den Geheimnisvollen, dem nicht so recht zu trauen ist, spielen. Die Leere, durch die er aktuelle Film treibt, nachdem Lawrence – erwartungsgemäß – die Wahrheit erfahren hat, wäre durch Spannung, Rätsel, Lidebe und Verrat gefüllt, die den zuschauer bei der Stange hielten. Und er hätte bis zum Schluss noch eine weitere finale Szene im Köcher. Pratt stirbt, sie bleibt allein zurück und in der letzten Einstellung sehen wir sie verzweifelt über eine der gläsernen Schlafkammern gebeugt – in der ein schöner Mann (noch) schläft.

Es bräuchte für diese Fassung gar keine neuen Aufnahmen. Eigentlich müsste man nur den ersten und den zweiten der insgesamt fünf Storyteile (1. Pratt wacht auf, erkundet neue Welt; 2. JLaw wird geweckt, man verliebt sich; 3. JLaw erfährt die Wahrheit und die Macken der Avalon nehmen überhand; 5. die Rettung der Avalon und der Liebesgeschichte) austauschen und hinten ein paar Bilder anders montieren.

Aber Chris Pratt als rätselhafter Vielleicht-Schurke mit Heldentod? In einem 110-Millionen-Dollar-Film? Das war dem SONY-Studio wohl zu gefährlich.

ist ja auch nur so ein gedanke.

Wertung: 2 von 8 €uro
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