Kinoplakat: Paranoia – Riskantes Spiel

Elegant aufgebaut, dann
furchtbar abgeraucht

Titel Paranoia – Riskantes Spiel
(Paranoia)
Drehbuch Jason Dean Hall + Barry L. Levy
nach einem Roman von Joseph Finder
Regie Robert Luketic, USA, Frankreich 2013
Darsteller

Liam Hemsworth, Gary Oldman, Amber Heard, Harrison Ford, Lucas Till, Embeth Davidtz, Julian McMahon, Josh Holloway, Richard Dreyfuss, Angela Sarafyan, William Peltz, Haley Finnegan, Kevin Kilner, Christine Marzano, Charlie Hofheimer u.a.

Genre Thriller
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
19. September 2013
Inhalt

Adam Cassidy steht kurz vor seinem beruflichen Aufstieg. Jahrelang hat er ambitioniert auf eine erfolgreiche Karriere im Wyatt-Telekommunikations-Unternehmen hingearbeitet, einer der führenden Firmen in der Mobilfunkindustrie. Aber dann versaut er eine Präsentation, wird gefeuert und veruntreut Firmengelder – für eine Megasause im angesagten Nachtclub. Das war ein Fehler – nicht nur hat er horrende Schulden, auch ist sein herzkranker Vater nicht krankenversichert; kurz: Er ist erpressbar – wegen der Veruntreuung, weil seine Freunde durch seinen Fehler ihren Job los sind, weil er Geld für seinen Vater braucht. Und Nicholas Watt erpresst ihn.

Adam soll in die Konkurrenz-Firma Eikon Systems von Jock Goddard wechseln und dort für Wyatt Industrie-Spionage betreiben. Der Coup hat Erfolg und Adam steigt bei Eikon Systems ein.

Doch die Geschichte hat auch ihre Schattenseiten für den jungen Mann: Er lebt nun zwar seinen Traum von Reichtum, Geld, dem Herz der schönen Emma und schnellen Autos, ist jedoch nur eine Schachfigur im perfiden Spiel von Konzern-Chef Wyatt. Und nicht nur in dessen Spiel, wie sich bald zeigen wird.

Bald erkennt er, dass er schnell einen Weg aus den Griffen seines skrupellosen Chefs finden muss, bevor es zu spät ist. Denn Wyatt geht für Milliarden-Gewinne auch über Leichen …

Was zu sagen wäre

Ach herrjeh: 40 Minuten war ich gefesselt. Hochglanzbilder, High-Tech-Spielzeug, schöne Menschen, Manhattan und ein ordentlicher Thriller. Also … kein Wall Street (1987), aber doch was Ordentliches, Hochglanziges, um einen veregneten Samstagnachmittag im Kino zu verbringen. Und dann raucht der Film Minute um Minute ab und am Ende war's halt ganz nett … hat ja auch so‘n hübsches Happy End – sogar mit lächelndem Händchenhalten und einer Höllenfahrt der Antagonisten und dann habe ich auch mal Amber Heard in einer Rolle gesehen, in der es nicht auf die Kürze ihrer Jeans ankommt, sondern sie die verliebte Betrogene im Business-Kostüm geben darf, die zurück gewonnen werden muss.

Ab Minute 40 fällt der Film in sich zusammen

Was da alles schief geht ab der 40. Minute? Harrison Ford, der mit kurz geschorenem Schädel einen Steve-Jobs-Klon gibt, der bei Projekten vor den Technikern immer erst die Designer ruft und der mit den Ideen eines Techniknerds (Gary Oldman als Bill Gates ohne Brille) Gebraucher schmeichelnde Engeräte gebaut hat und damit beeindruckend reich wurde, erzählt dem frisch eingekauften Adam tragische Familiengeschichten, als wäre Adam ein enger Freund, der lange verschollen war – wer findet denn so etwas glaubhaft? Anschließend sitzt er im mondänen Garten auf der Hollywoodschaukel neben Emma, der attraktiven Marketingchefin.

Beide eint ein One-Night-Stand. Seitdem schneidet Emma ihn, weil er nicht aus ihren Kreisen kommt. Aber plötzlich, auf der Hollywoodschaukel, tauschen sie intime Familiengeschichten aus? Und landen umgehend – „Ich habe vor, mich ganz nach oben zu schlafen”, sprücheklopft Adam auf der Schaukel. „Sind Sie dabei?” – wieder im Bett! Na klar, es muss ja voran gehen.

Richard Dreyfuss macht das beste aus … nichts

Adam, der ununterbrochen an seine Freunde denkt, die mit ihm den Job verloren haben und für die er überhaupt diese ganzen Probleme auf sich nimmt, denkt im entscheidenden Moment nicht an seine Freunde, was denen Gelegenheit gibt, böse enttäuscht zu sein von ihrem Yuppie-Arschloch-Freund? Nicht allzu lange natürlich, weil zum Ende hin ja deren Whiz-Kid-Brillanz gefragt ist, gegen die die Technik der NSA irgendwie alt wirkt. Überhaupt die Technik: Da erfinden Adam und seine Freunde eine super-duper-top-tolle Software zum Leute-verfolgen. An Telefon, SMS und im geschenkten Apartement aber benimmt sich Adam so offenherzig, als habe er noch nie von Überwachungsmöglichkeiten gehört.

Kinoplakat: Paranoia – Riskantes Spiel

Richard Dreyfuss … der große Richard Dreyfuss („Very Good Girls“ – 2013; My Big Fat Greek Summer – 2009; „W.“ – 2008; Poseidon – 2006; Mr. Holland's Opus – 1995; Hallo, Mr. President – 1995; „Was ist mit Bob?“ – 1991; Always – 1989; „Stakeout – Die Nacht hat viele Augen“ – 1987; Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers – 1986; Unheimliche Begegnung der dritten Art – 1977; Der weiße Hai – 1975) … spielt Adams Vater und wirkt zu Beginn einfach wie die Gastrolle, der Mentor, der Adams Motivation personifizieren soll – „Ich will nicht so enden, wie Du“, rotzt Adam ihm bei einer Gelegenheit vor die Füße. Aber dann bleibt Dreyfuss einfach da, ist der Mann, der seit 32 Jahren denselben Job in einer Sicherheitsfirma macht, ist der kauzige Daddy und ist all die Daddy-Karikaturen, die Hollywood im Portfolio hat, wenn sie einen Daddy brauchen. Aber Dreyfuss macht aus diesem Drehbuch-Nichts wenigstens was Charmantes.

Drehbuch und Regie halten sich raus

Dann gibt es die üblichen Finstermänner, die Unfälle verursachen, in den Straßen Manhattans herumballern dürfen, ohne dass ein Polizist des Weges käme und dass Julian McMahon den Oberkiller gibt, macht deutlich, wo der Hase in diesem Film lang läuft. Julian McMahon (R.E.D.: Älter. Härter. Besser. – 2010; Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer – 2007; Nip/Tuk – TV-Serie 2003-2010) spielt immer den Oberfiesling, wenn die Regie ein aalglattes Gesicht für eine Rolle braucht, die im Drehbuch nur oberflächlich angelegt ist. Julian McMahon kann zwar nicht schauspielern, aber er sieht aus wie sich die Hänschen Kleins in aller Welt vorstellen, dass aalglatte Arschlöcher aussehen.

Auf dem Regiestuhl hat Robert Luketic Platz genommen. Luketic ist Gebrauchs-Regisseur, Handwerker, kein Geschichten-erzählen-Woller, ein Weg-Filmer. Der dreht heute eine Romantic Comedy, wie „Die nackte Wahrheit“ (2009), morgen Natürlich blond (2001) und übermorgen eben einen Thriller. Szenenaufbau kann er – der Jogger, der ein Whiz-Kid ist, das in den Maßanzug wächst; Bilder inszenieren kann er – die Skyline von Manhattan schwebt souverän glitzernd über den Abgründen, wohingegen in Brooklyn die Farbe zuhause ist; Gefühle wecken kann er nicht.

Nach 16 Jahren bekämpfen sich Harrison Ford und Gary Oldman wieder

Wären nicht Harrison Ford und Gary Oldman, würde der Film gar keinen Spaß machen. Nicht, dass die beiden Haudegen des 80er/90er-Jahre-Kinos – immerhin stehen sich hier Han Solo und Indiana Jones auf der einen Seite und „Graf Dracula“ und Sirius Black auf der anderen Seite gegenüber – sich von ihren Rollen sonderlich herausgefordert fühlten, aber es macht doch Spaß, den beiden zuzugucken, wenn sie wieder aufeinander losgelassen werden – als sie das das letzte Mal taten, waren sie noch US-Präsident und Terrorist an Bord der Air Force One (1997). Ihre Antagonie ist in der Tat entfernt angelehnt an Jobs vs. Gates und auch daraus kann man etwas Nektar saugen, vor allem, weil alle andauernd auf Apple-Rechnern arbeiten. Und wenn sie nicht abgehört werden wollen bei ihren geheimen Gesprächen, nehmen sie aus normalen Handys den Akku raus und das iPhone schmeißen sie ins Wasserglas. Ach so, die Technik. Auch so ein Thema. Tolle Gimmicks, die sie andauernd entwerfen. Und ich soll allen Ernstes glauben, dass eine 3D-Handy-Ortung der letzte Schrei ist, um den sich Apple und Microsoft – oder deren Lookalikes im Film – sich mörderisch balgen würden? Das ist wahrscheinlich egal, denn am Ende ist ja sowieso alles ganz anders und wussten alle alles schon vorher viel besser.

Aber handwerklich, als Szenenaufbau und so, ist der Film ordentlich. Und Liam Hemsworth („Empire State“ – 2013; The Expendables 2 – 2012; Die Tribute von Panem – The Hunger Games – 2012), der kleine Bruder von Chris (Thor – 2013) wird immer der kleine Bruder bleiben, Amber Heard (Drive Angry – 2011; The Ward – Die Station – 2010; Zombieland – 2009; All the Boys love Mandy Lane – 2006) ist lecker und Harrison Ford mit Drei-Tage-Frisur ist köstlich.

Wertung: 3 von 7 €uro