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Plakatmotiv: Marriage Story (2019)

Die großartigen Adam Driver und Scarlett Johansson
in einem erschütternd klugen Scheidungsdrama

Titel Marriage Story
(Marriage Story)
Drehbuch Noah Baumbach
Regie Noah Baumbach, UK, USA 2019
Darsteller

Adam Driver, Scarlett Johansson, Julia Greer, Azhy Robertson, Wallace Shawn, Matthew Maher, Eric Berryman, Mickey Sumner, David Turner, Gideon Glick, Jasmine Cephas Jones, Motell Gyn Foster, Raymond J. Lee, Mary Wiseman, Pete Simpson u.a.

Genre Drama
Filmlänge 137 Minuten
Deutschlandstart
6. Dezember 2019
Inhalt

Regisseur Charlie und Schauspielerin Nicole waren zehn Jahre lang das Traumpaar der New Yorker Theaterszene, haben sich mittlerweile aber kaum mehr etwas zu sagen – es ist Zeit für die Trennung.

Nicole möchte zurück zu ihrer Familie nach Los Angeles ziehen und hat dort bereits eine Rolle in einer TV-Pilotfolge angenommen. Insbesondere ihrem kleinen Sohn Henry zuliebe wollen die beiden die Trennung friedlich über die Bühne bringen.

Plakatmotiv: Marriage Story (2019)Aber dann kommen doch Anwälte ins Spiel – und aus dem nett zurechtgelegten Konsens wird ein erbitterter Streit über die Frage, wo Henry in Zukunft leben soll …

Was zu sagen wäre

Eine Scheidung ist keine schöne Sache und manchmal braucht es von zahlreichen Liebeserklärungen zum finalen Türenknall nur fünf Minuten. Noah Baumbach beginnt seine Tragödie beim Mediator: Dort sollten Donna und Charlie aufschreiben, was sie jeweils am anderen so geliebt haben, als sie sich kennenlernten. Während die Sätze aus dem Off vorgelesen werden, sehen wir die dazu entsprechenden Szenen und es entfaltet sich ein wunderbaren Familienglück inklusive Schreierei und Zornesausbrüchen beim verloreneren Monopolyspiel – aber das rundet ein Familienglück eigentlich erst ab.

Zweieinviertel Stunde lang beobachtet Baumbach nun den Prozess der Entfremdung, ohne Position für sie oder ihn zu beziehen. Wir glauben Nicole, wenn sie sagt, ihr egoistischer Mann habe sie unterdrückt, ihre Wünsche, heim nach L.A. zu kehren ignoriert und immer nur sein Ding gemacht und sie, die, als sie sich kennenlernten, schon eine kleine Filmberühmtheit war, für seine Zwecke am Off-Broadway ausgenutzt.

Wir glauben aber auch Charlie, wenn er erzählt, sie hätten nie vereinbart, nach L.A. zu gehen. Und dass Nicole immer gesagt habe, sie sei glücklich mit ihrer kleinen Familie. Sie erzählen ihre Geschichte ihren Anwälten, unwidersprochen vom jeweils anderen. Eine Meinung müssen wir Zuschauer uns alleine, ohne den Film bilden – und mit ein paar Jahrzehnten Lebenserfahrung werden jede Zuschauerin, jeder Zuschauer der ein oder dem anderen zuneigen.

Auch die Schauspieler helfen nicht bei der Zuneigung. Beide spielen fantastisch. Nicoles ersten Besuch bei ihrer mondän wie schwesterlich auftretenden Anwältin Nora filmt Baumbach in einer mehrminütigen, ungeschnittenen Sequenz. Und Scarlett Johansson kann endlich mal wieder zeigen, was sie als Schauspielerin auszeichnet – umeitles, natürliches Schauspiel. Dass sie ursprünglich aus dem Independentkino kommt, vergisst man zwischen all ihren coolen Blockbuster- und formatierten Superheldinnenauftritten ja manchmal und damit auch, dass sie eine brillante Schauspielerin ist (Ghost in the Shell – 2017; Hail, Caesar! – 2016; Her – 2013; Vicky Cristina Barcelona – 2008; Die Schwester der Königin – 2008; Match Point – 2005; Lovesong für Bobby Long – 2004; Das Mädchen mit dem Perlenohrring – 2003; Lost in Translation – 2003; Ghost World – 2001; Der Pferdeflüsterer – 1998). In dieser langen Einstellung erzählt sie das Entstehen, Werden und Scheitern ihrer Beziehung zu Charlie und ich glaube ihr jedes Wort. Sie war für diese Rolle für einen Oscar nominiert und es ist zeitlich ein Zufall, künstlerisch aber sehr verständlich, dass sie bei derselben Oscar-Show auch als Supporting Actress nominiert ist (als Mutter in JoJo Rabbit).

Plakatmotiv: Marriage Story (2019)Dasselbe gilt für Adam Driver (BlacKkKlansman – 2018; Logan Lucky – 2017; Sieben verdammt lange Tage – 2014; Gefühlt Mitte Zwanzig – 2014; The F-Word – 2013; Spuren – 2013; Inside Llewyn Davis – 2013; Lincoln – 2012; "Frances Ha" – 2012; J. Edgar – 2011). Auch er Kind des Independentkinos, der breiten Zuschauerschaft bekannt geworden mit seiner Rolle als Kylo Ren in der jüngsten  Star Wars-Trilogie. Er spielt diesen zupackenden, entschlossenen Theaterregisseur und sensiblen Familienmenschen zwischen Ehe und Karriere als ein Mann, der erlebt, wenn Selbstverständlichkeiten, die er von Kind an inhaliert hat, ihn plötzlich schuldig sprechen; es ist das hochbrisante, nie zu lösende Streitthema, wie man in der Familie die Aufgaben verteilt, auf dass sich alle wohl fühlen und am Ende steht meistens Der Mann verdient mehr, Der Mann ist der wichtige Regisseur oder Der Mann kümmert sich ja auch so liebevoll – aber die Frau sieht sich hinten runtergefallen, missachtet, ihrer Wünsche beraubt. Die Klarheit, mit der Baumbach das in seiner nüchternen Objektivität erzählt, ist erschütternd.

Und als die Anwälte ins Spiel kommen, wird es wirklich hässlich. Dabei hatten sich Charlie und Nicole doch darauf verständigt, die Trennung in aller Freundschaft zu gestalten. Aber wenn etwas nicht funktioniert, auch das zeigt der Film in einer beklemmenden Streit-Brüll-Todessehnsüchte-ausspeien-Szene mit Johansson und Driver, dann, eine Trennung freundschaftlich zu gestalten. Hier hat Laura Dern als Nicoles Anwältin ihre großen Auftritte als sehr klar die Frauenseite verstehende Freundin, die der Zuschauer gleichzeitig hasst und bewundert. Baumbach spendiert ihr einen wunderbaren Auftritt, bei dem sie – Louboutin-Pumps an den Füßen, ein die schlanke Figur betonendes Wow-Kleid um den Körper, wallendes Blondhaar – gegen die unterschiedlichen Ansichten auf Mütter und Väter ätzen darf: „Ein unzureichender Vater wird akzeptiert.Die Idee eines guten Vaters gibt es erst seit 30 Jahren. Vorher wurde von Vätern erwartet, still, abwesend, unzuverlässig und egoistisch zu sein. Wir behaupten alle, wir wollen sie anders. Aber irgendwie akzeptieren wir sie. Wir lieben sie wegen ihrer Fehler, aber bei Müttern werden solche Mankos absolut nicht akzeptiert. Wir akzeptieren es weder strukturell noch spirituell. Denn die Grundlage unseres jüdisch-christlichen Wasauchimmer ist Maria, Jesus' Mutter, und die ist perfekt. Sie ist eine Jungfrau, die gebärt, unbeirrbar ihr Kind unterstützt und seine Leiche hält, wenn er tot ist. Der Vater ist nicht da, hat sich nicht mal ums Ficken gekümmert. Gott ist im Himmel. Gott ist der Vater und Gott hat sich nicht blicken lassen. Sie, Nicole, müssen perfekt sein. Charlie kann Scheiße bauen und es ist egal. Bei Ihnen wird immer eine höhere Messlatte angelegt.“ Nora Dern ist für diese Rolle mit dem Oscar als Supporting Actress ausgezeichnet worden, und auch Baumbachs Drehbuch mit diesem kleinen Monolog darin war nominiert. Was würden uns Männer wohl für Filme erwarten, wenn Hollywood Frauen ab 40 nicht mehr aussortieren würde? Auftritte wie die von Johansson und und der zornigen Laura Dern lassen Sarkastisches vermuten.

Die Qualität dieses Scheidungsdramas liegt darin, Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden und zu zeigen, dass Vertrautes zwischen zwei Menschen nicht von einem Tag auf den anderen vergessen ist. Baumbach baut mehrere Szenen ein, in denen Charlie und Nicole noch in der heftigsten Auseinandersetzung einander stützen, helfen oder einfach mal die Sandwichbestellung für den anderen übernehmen, wenn der gerade im anwaltlichen Streitgespräch überfordert ist. Baumbach verzichtet auf Angeberei durch protzige Einstellungen. Er verlässt sich auf sein Script und großartig engagierte Schauspielerinnen und Schauspieler.

Wertung: 8 von 8 €uro
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