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Plakatmotiv: Late Night (2019)

Kluge Beobachtungen, smarte Dialoge,
und zwei wunderbare Schauspieler

Titel Late Night
(Late Night)
Drehbuch Mindy Kaling
Regie Nisha Ganatra, USA 2019
Darsteller

Emma Thompson, Mindy Kaling, John Lithgow, Hugh Dancy, Reid Scott, Denis O'Hare, Max Casella, Paul Walter Hauser, John Early, Jia Patel, Luke Slattery, Ike Barinholtz, Marc Kudisch, Amy Ryan, Megalyn Echikunwoke u.a.

Genre Komödie, Drama
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
29. August 2019
Website latenight.movie
Inhalt

Katherine Newbury ist eine Ikone, ein Star der Late Night. Sie ist ein Unikum. Sie ist nämlich die einzige Frau in einer Late Night TV-Show. Und das seit 28 Jahren. Sie ist auch ein Aushängeschild ihres Senders. Das aber mehr aus Höflichkeit. Seit Monaten sinken ihre Quoten.

Ihre Witze gelten als abgehoben, sind dem Fernsehvolk entfremdet. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sie in ihrer Redaktion abgehoben residiert: Sie pflegt eine Kultur des Hire & Fire, bleibt auf Distanz zu ihren Gagschreibern, das Studio dürfen die meisten von ihnen gar nicht betreten. Kommt ein Mitarbeiter und bittet um eine Gehaltserhöhung, weil seine Frau ein Kind bekommen hat und daher beruflich kürzer treten muss, wirft Katherine ihm vor, der Mann wolle nicht mehr Geld, weil er bessere Arbeit abliefert als andere, sondern weil er sein Privatleben verändert habe; diese Begründung klinge wie bei einem Junkie, der mehr Geld für seinen Stoff braucht.

Katherine, Star der witzigen Late Night Show, ist nicht beliebt. Eher gefürchtet. In einem Team, das aus lauter weißen Männern besteht, die zwischen zehn und 30 Jahre jünger sind als sie. Im Autorenteam hat man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt, um Katherines gefürchteten Zornausbrüchen zu entgehen. Weil gerade wieder ein Platz im Team frei geworden ist – siehe oben: Frau, Kind, kürzertreten, undtschüss – lässt sich Katherine auf Rat ihres Showrunners auf Revolutionäres ein: Sie holt eine Frau ins Team. Eine Frau noch dazu mit indischen Wurzeln (hierzulande würde man sagen Frau mit Migrationshintergrund).

Sie heißt Molly, liebt Katherines Show – obwohl sie sie schon lange nicht mehr relevant oder gar lustig findet, was sie ihr auch gleich vor versammelter Mannschaft sagt – hat im Fernsehgeschehen null Erfahrung, aber macht manchmal Witze in der Chemiefabrik, in der sie für die Lautsprecherdurchsagen verantwortlich ist, die sie dann würzt mit sowas wie „Und wenn Ihr ein Problem habt, fragt eine Chemikerin. Die haben für alles eine Lösung.

Molly soll im Team von Katherine eine Doppelquote erfüllen. Aber sie ist so besessen davon, alles richtig zu machen, dass sie im Übereifer alles falsch macht. Sie kann nicht den Mund halten, und wenn die anderen ihre Gefühle verletzen, bricht sie in Tränen aus. Die anderen wissen nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen. Es sind alles Männer. Aber Mollys Besessenheit ist ansteckend, und Katherine ist dann doch die Erste, die versteht, was sie von ihr lernen kann …

Was zu sagen wäre

Ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Film. Erstens: Er schaut ins Innenleben einer TV-Redaktion, erzählt aber nicht vom menschenverachtenden Zynismus ihrer Redakteure und Produzenten. Zweitens: Er erzählt eine Außenseitergeschichte, findet aber einen eigenen, den Kitsch im Großen und Ganzen umschiffenden Tonfall. Drittens erzählt der Film aus den Fernsehverrückten USA über eine Fantasyswelt in den Fernsehverrückten USA – ein Sender mit einer Frau als Chefin und einer Gastgeberin. Die Late Night Shows, die es in den USA gibt, werden allesamt von Männern geleitet. Hierzulande erinnert man sich, dass Anke Engelke einst versuchte, den Sendeplatz von Harald Schmidt zu übernehmen, was, um es höflich zu umschreiben, nicht von Erfolg gekrönt war. Darin liegt, und das ist ein Teil der Erklärung für Punkt Zwei, ein Teil der Spannung.

Diese sonst von Männern dominierte Welt, die sich hier zwei Frauen teilen, garantiert nicht schon deswegen eine irgendwie gleichberechtigtere Gesellschaft; die Hackordnung ist hier genauso rabiat, wie unter Männern. Und als Molly in diese Gesellschaft stößt, bekommt sie es mit einer stutenbissigen Chefin zu tun und Kollegen, die sie ablehnen, weil sie „den Job nur wegen der Quote hat“.  So gerät das über viele Jahre einstudierte Konstrukt dieser Redaktion ins Wanken. Und das in einem Augenblick, in dem der Show das endgültige Aus droht. Die Senderchefin will Katherine gegen einen jüngeren, tätowierten Host ersetzen, der mit Zoten Erfolg hat. Die etablierte Redaktion sucht also schon nach Veränderung, findet aber nur ein paar YouTube-Stars als Gäste für die Show, mit denen kein fröhlicher Talk gelingt, schon deshalb nicht, weil Katherine ihr blankes Desinteresse nicht verbirgt. Dann kommt die vorlaute Frau mit den indischen Wurzeln, die sich an keine eingewachsene Redaktions-Etikette hält und bald liegen sich alle in den Haaren – oder miteinander im Bett. Diese Irritation ist aber die Lösung, um die Routine zu unterbrechen. Was ja, Überraschung, diese gerade so oft gefeierte Diversifizierung erzeugen soll - es ein wenig anders zu machen.

Lässt man die sexistischen Übergriffe mal außen vor, die #MeToo erst zu einem weltweiten Thema gemacht haben, bei dem dann bald aber auch der alltägliche Sexismus im Büro durch dekliniert wurde, dann ist "Late Night" in mancher Hinsicht ein #MeToo-Film. Und die Anmachversuche eines der Gagschreiber sind – jedenfalls aus männlicher Perspektive – auch ohne #MeToo-Hintergund schon peinlich. Das Drehbuch geschrieben hat die Komikerin Mindy Kaling (Ocean's Eight – 2018; Freundschaft Plus – 2011), die auch die Molly spielt, und es steht zu befürchten, dass sie die Hälfte der Bösartigkeiten im Film am eigenen Leib erlebt hat. Daran wunderbar ist, wie sie das in ihrem Drehbuch in fein ziselierte Dialoge und Situationen gegossen hat, die dem Film jede plumpe Schuldzuweisung nimmt. Im Kinosaal in Mainz haben Männer und Frauen an denselben Stellen gelacht.

Plakatmotiv (US): Late Night (2019)Katherine Newbury ist eine Traumrolle für Emma Thompson (Men in Black: International – 2019; Johnny English – Man lebt nur dreimal – 2018; Picknick mit Bären – 2015; Saving Mr. Banks – 2013; Harry Potter und der Gefangene von Askaban – 2004; Tatsächlich… Liebe – 2003; Mit aller Macht – 1998; Junior – 1994; "Viel Lärm um nichts" – 1993; Peter's Friends – 1992; Schatten der Vergangenheit – 1991; "Heinrich V." – 1989). Thompson, selbst eine Rampensau auf jeder Bühne dieser Welt, lotet die Zickereien, Grausamkeiten und moralischen Durchhänger dieser Figur mit großer Lust aus. Die Konstellation aus unschuldiger Anfängerin und professionellem Biest erinnert schon wegen Thompsons weißer Haare an eine ähnliche Konstellation aus dem Jahr 2006, als Anne Hathaway und Meryl Streep sie durchspielten in "Der Teufel trägt Prada". Auch heute ist, schaut man Thompsons wohl dosiertem Spiel zu, in dem jede Gesichtsfalte ihrem Kommando gehorcht, kaum vorstellbar, dass sie nicht ganz entschieden an ihrer Rolle im Script mit geformt und geschrieben hat. Eine Oscar-Nominierung sollte eigentlich gesetzt sein für diese Frau, die schon Oscars für Hauptrolle (Wiedersehen in Howards End – 1992) und Drehbuch (Sinn und Sinnlichkeit – 1995) im Schrank stehen hat.

Und weil ich gerade großzügig beim Oscar verleihen bin: Den Ehemann von Katherine Newbury spielt John Lithgow, altgedienter Schauspieler, häufig dann gerufen, wenn ein menschliches Monster porträtiert werden muss (Friedhof der Kuscheltiere – 2019;  Die Erfindung der Wahrheit – 2016; "The Accountant" – 2016; Interstellar – 2014; Planet der Affen: Prevolution – 2011; Cliffhanger – Nur die Starken überleben – 1993; Mein Bruder Kain – 1992; Ricochet – Der Aufprall – 1991; L.A. Story – 1991; Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension – 1984; "Footloose" – 1984; Unheimliche Schattenlichter – 1983; Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren – 1981; Schwarzer Engel – 1976). Hier hat er nur wenige Szenen als an Parkinson erkrankter ehemaliger Star-Pianist. Immer wenn er auf der Leinwand erscheint, kehrt Ruhe ein, eine Ruhe, die für alle, Katherine, Molly und die Zuschauer ein Segen ist. Weil sie so selten geworden ist in dieser hysterischen Welt. Vielleicht … könnte eine Nominierung für einen Supporting-Actor-Oscar der Lohn sein?

Es bleibt nicht aus, dass ein Film dieser Art, der in einem Umfeld aus lauter Green-Screen-Actionspektakelfilmen seine Nische finden muss, manchmal die Gefühle gallopieren, ach was: durchgehen lassen muss. Zu Außenseitergeschichten gehören diese Momente der Wahrheit, wenn die Hauptfiguren ihre Innenleben offenbaren müssen – vor der Angebeteten, vor einem Millionenpublikum. Da läuft es klugen Autorinnen – zu denen ich Mindy Kaling zähle – wahrscheinlich kalt den Rücken runter, weil sie genau wissen, dass, egal was sie schreiben, immer auf die Zyniker im Publikum treffen. Also hat ihre Regisseurin Nisha Ganatra dieses Momente gleich noch mit Pianogeklimper auf dem Score verzuckert. Das kann man zuviel des Guten finden. Aber die Kritik daran bei diesem Umfeld von Film ist dann auch wohlfeil.

"Late Night" ist ein Film, der einen daran erinnert, warum die gerade angesagten Serien doch meist nicht so toll sind. Die meisten Serien gehen immer weiter, bis ihre einstige Schönheit zu Tode gefilmt ist. In "Late Night" sitzen wir und finden es traurig, dass der Film bald zu Ende ist, weil er so schön ist.

Wertung: 8 von 8 €uro
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