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Kinoplakat: Mystic River
Drei Kinder und das Universum
menschlicher Fehlbarkeiten
Titel Mystic River
(Mystic River)
Drehbuch Brian Helgeland
nach dem Roman „Die Spur der Wölfe” von Dennis Lehane
Regie Clint Eastwood, USA 2003
Darsteller Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Marcia Gay Harden, Laura Linney, Laurence Fishburne, Kevin Chapman, Adam Nelson, Tom Guiry, Emmy Rossum, Spencer Treat Clark, Matty Blake, Andrew Blesser, Douglass Bowen Flynn, Jonathan Togo u.a.
Genre Drama
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
27. November 2003
Inhalt

Als sie elf waren, waren sie gute Freunde. Jimmy, Sean und Dave. Aber an diesem Tag war Dave verschleppt worden. Von zwei Männern in einem dunklen Auto. Nach vier Tagen tauchte Dave wieder auf. Die beiden Männer mussten ihm Schlimmes angetan haben, jedenfalls wurde der eine erschossen, der andere erhängte sich später in seiner Gefängniszelle.

Nur Dave wurde nie wieder normal. Er bewegt sich mit gebeugtem Gang durch das Arbeiterviertel Bostons, aus dem er nie raus gekommen ist; lebt dort mit Frau und Sohn. Auch Jimmy ist immer noch hier. Hat hier einen kleinen Laden, eine Frau und drei Töchter. Die älteste ist 19, wird gerade flügge und ist die Frucht aus Jimmys erster Ehe. Seine damalige Frau starb, da saß er gerade wegen Raubmord im Knast – zwei Jahre.

Sean hat die Gegend verlassen, lebt jetzt auf der anderen Seite des Flusses. Er ist Cop im großen Boston. Jetzt muss er hier ermitteln, unter seinen ehemaligen Buddies. Denn irgendein Arschloch hat Jimmys 19-jährige Tochter ermordet. „Bestialisch” werden die Zeitungen schreiben, aber ist nicht jeder Mord bestialisch? Die Ermittlungen kommen nur zäh voran. Zu dick sind trotz der vielen Jahre immer noch die Bande zwischen den Freunden, trüben womöglich den Blick für Zusammenhänge. Jedenfalls ist es dann Seans Sergeant, der meint, in Daves Verhalten Auffälligkeiten zu entdecken; und liegt das nicht auch nahe – „als Junge missbraucht”?

Das kriegen dann auch Jimmys Kumpel mit, dass die Bullen Dave in die Mangel nehmen. Außerdem ist Daves Frau eben mit dem gemeinsamen Sohn ins Motel gezogen, will sich trennen von dem Mann, der „in letzter Zeit so anders ist”.

Jimmy glaubt, es sei an der Zeit, zu handeln …

Was zu sagen wäre

Clint Eastwood dürfte den Zenit seiner Kunst erreicht haben. Souverän führt er Regie in diesem zu Beginn so simpel scheinenden Drama, das zunehemd dämonische Züge annimmt. Jede Haut, die von der Zwiebel fällt, offenbart neue Zusammenhänge, erzählt neue Geschichten, die die anderen nicht verdrängen, sondern bestens ergänzen.

Als der Zeitsprung kommt zwischen damals und heute, da braucht Eastwood keine Jahreszahlen, kein „zwanzig Jahre später”, keine fliegenden Kalenderblätter. Eastwood braucht nur einen simplen Bildschnitt. Dann sind die Farben etwas anders und Tim Robbins erzählt seinem Jungen nach 60 Sekunden von dem Gulli, den der Zuschauer zu Beginn gesehen hat. Okay: Offenbar sind einige Jahre ins Land gegangen!

Unter der Regie dieses unsterblichen Kerls haben Sean Penn (Hauptrolle) und Tim Robbins (Nebenrolle) jeweils den Oscar bekommen. Das sagt eigentlich schon alles. Kein Männerfilm, aber ein Film über Männer von Männern. Kein modisches Weicheier-Gequatsche um die Frau im besseren Mann. Anders: Hier sind die Frauen diejenigen, die ihre Männer im entscheidenden Moment nicht verstehen und das Drama in Gang setzen. Kühl seziert Eastwood das Porträt einer Frau und Mutter, die von ihrem Mann verlassen wurde. Das zugrunde liegende Drama wird später noch weit reichende Dimensionen annehmen, aber zu Beginn reicht das, was wir sehen: Eine alte, Zigaretten qualmende Vettel im Nachtgewand mitten am Tag, der die Unfähigkeit zur Liebe aus jeder übergroßen Pore sprießt; politisch höchst unkorrekt. Aber Eastwood steht drüber.

Dass der schwarze Sergeant (Laurence Fishburne, Matrix – 1999) ausgerechnet „Whitey” heißt, ist auch so ein Ding – „Lasst mich bloß mit Eurer Bigotterie in Ruhe”, scheint Eastwood zu sagen und schaut lieber einfach hin auf dieses Arbeiterviertel von Boston jenseits des Flusses – des titelgebenden Mystic River –, in dem die Klauen der Gentrifizierung erste Risse hinterlassen haben. „Eine Verbrechenswelle täte uns ganz gut“, sagt einer zu den Cops. „Dann würden die Reichen nicht mehr herkommen!“ Was man halt so sagt, wenn man unter sich ist. Wandel heißt dieser Welt, die Eastwoods Kamermann Tom Stern in kalte Farben taucht, Niedergang und ist nicht aufzuhalten.

Natürlich haben Penn (Sweet and Lowdown – 1999; Der schmale Grat – The Thin Red Line – 1998; The Game – Das Geschenk seines Lebens – 1997; U-Turn - Kein Weg zurück – 1997) und Robbins (Startup – 2001; High Fidelity – 2000; Mission to Mars – 2000; Arlington Road – 1999; „Prêt-à-Porter” – 1994; „Die Verurteilten” – 1994; „Hudsucker” – 1994; Short Cuts – 1993; „Bob Roberts“ – 1993; The Player – 1992) ihre Oscars verdient. Dass Bill Murray mit Lost in Translation (2003) dabei am 29. Februar 2004 im Kodak Theater zurück stehen musste, macht den Schmerz über Ungerechtigkeiten in der Welt innerhalb dieses Films eher noch größer.

Kevin Bacon, der als Sean preistechnisch leer ausging, ist in seiner bekannten, unbeholfenen Steifheit ein wunderbarer Polizist (Hollow Man – 2000; Wild Things – 1998; Sleepers – 1996; Apollo 13 – 1995; Am wilden Fluss – 1994; Eine Frage der Ehre – 1992; JFK – Tatort Dallas – 1991; „Flatliners“ – 1990; „Im Land der Raketen-Würmer“ – 1990; „Footloose“ – 1984; American Diner – 1982; Freitag, der 13. – 1980). Laura Linney, die mir seit ihrer Rolle als Ehefrau von Jim Carrey in Die Truman Show (1998) nicht aus dem Kopf geht, liefert hier eine neue Facette ihres Rollenspektrums. Ihr gehört der letzte Monolog in diesem Film von Männern über Männer. Und das ist kein Zufall: Männerrituale werden erst durch Frauen möglich, die hinterher aufräumen.

Je länger der Film, für den, wie schon zu Eastwoods Blood Work, Brian Helgeland das Buch schrieb, seinen feinen Rythmus variiert, die Montage den Film zum Schweben bringt, desto vibrierender die Unruhe, die er verbreitet. Hier hat ein Jeder Schuld auf sich geladen, die einen schuldig, die anderen unschuldig. Sie haben gehandelt anstatt zu sprechen, schlimmer noch: Sie haben gehandelt und dann versäumt, miteinander zu sprechen.

Auf ein Happy End warten wir vergebens. „Mystic River” gehört in die Riege jener Filme, die es nach Marketing-Gesichtspunkten gar nicht mehr gibt, ein schweres Drama, das in Zeiten, in denen Filmstudios um die Gunst der Teenager buhlen, aufmerksame, erwachsene Zuschauer verlangt, um zu erkennen, wozu das Erzählkino eigentlich in der Lage ist. Aber Clint Eastwood ist ja auch der Mann, den man dem Filmbusiness stricken müsste, wenn es ihn nicht dankenswerterweise einfach schon gäbe.

Wertung: 6 von 6 €uro
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