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Kinoplakat: Der Moment der Wahrheit
Die beklemmende Geschichte über das
Ende des seriösen Nachrichtengeschäfts
Titel Der Moment der Wahrheit
(Truth)
Drehbuch James Vanderbilt
nach dem Buch „Truth and Duty: The Press, the President, and the Privilege of Power“ von Mary Mapes
Regie James Vanderbilt, Australien, USA 2015
Darsteller
Cate Blanchett, Robert Redford, Topher Grace, Dennis Quaid, Elisabeth Moss, Bruce Greenwood, Stacy Keach, John Benjamin Hickey, David Lyons, Dermot Mulroney, Rachael Blake, Andrew McFarlane, Natalie Saleeba, Noni Hazlehurst, Connor Burke u.a.
Genre Biographie, Drama
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
2. Juni 2016
Website sonyclassics.com/truth/
Inhalt

Mary Mapes engagiert im Jahr 2004 wegen Problemen mit ihrem Arbeitgeber, dem US-Sender CBS, einen Anwalt. Sie hatte mit ihrem Team recherchiert, wie der spätere US-Präsident George W. Bush in die Nationalgarde aufgenommen wurde, dort allerdings von seinen Vorgesetzten nicht beurteilt werden konnte, weil er über ein Jahr keinen Dienst geleistet hatte.

Ein Informant hatte Mary zwei Schreiben übergeben, die Dan Rather in der CBS-Sendung 60 Minutes als Beleg für Bushs Verfehlung präsentiert hatte. Bei der Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei stellte sich heraus, dass diese beiden Schreiben möglicherweise gefälscht waren.

Mary Mapes und Dan Rather wurden mit ihrem Team und den Vorgesetzten gefeuert. Mapes’ Karriere im US-Fernsehen endet abrupt …

Was zu sagen wäre

Der Film erzählt den Anfang vom Ende des modernen, seriösen TV-Journalismus‘. Er erzählt die Geschichte aus Sicht Mary Mapes’ als Rückblende, fußt auf Mapes‘ eigenem Tatsachenbericht und es ist also nicht auszuschließen, dass doch alles ganz anders war und sie doch unsauber gearbeitet hat – zu unsauber jedenfalls für ein News-Flaggschiff wie Dan Rathers „60 Minutes“, zu unsauber jedenfalls, wenn es darum geht, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ans Leder zu wollen. Diese Frage aber behandelt der Film von James Vanderbilt, der auch das Drehbuch schrieb, gar nicht.

Dieser Film beschreibt in beeindruckender Weise, wie Nachrichten heute aufgenommen, verarbeitet und manipuliert werden; er deutet Mächte an, mächtige Lobbyisten, die gesichtslos im Hintergrund Fäden ziehen, um Milliardenumsatz zu machen, Sendelizenzen nicht zu verlieren oder den Zugang zum Präsidenten. Der Film „Truth“ ist am Rande auch eine Verschwörungsgeschichte. Die ersten, die Mary Mapes‘ Geschichte über den Präsidenten kurz vor der Wiederwahl in Zweifel ziehen, sind Blogger.

Blogger sind damals, 2004, als diese Geschichte spielt, anonyme Nerds ohne journalistische Vernetzung, die sich auf die Echtheit der Dokumente stürzen und Behauptungen aufstellen, die die Seriosität der Recherche in Frage stellen. An dieser Stelle ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Es ist jetzt schon egal, dass alle Vorwürfe, die diese anonymen Nerds äußern, rasch widerlegt sind. Es schwillt ein riesiges Ballyhoo der Konkurrenzsender an, die begierig lauern, den „60 Minutes“ endlich an den Karren pinkeln zu können. In den jeweiligen News-Sendungen geben sich Fachleute die Klinke in die Hand, die die Echtheit der Dokumente belegen, bestreiten, anzweifeln, Mary Mapes‘ Privatleben wird ausgeleuchtet, Hater vergewissern sich in Foren gegenseitig ihres Hasses auf diese „linke Emanzenschlampe“. Dass die Geschichte um des Präsidenten faule militärische Vergangenheit im Kern stimmt, darüber redet niemand mehr, niemand will das wissen, alle Medien fallen übereinander her.

Wohlgemerkt: Die Zweifel an der Echtheit der seriös recherchierten Dokumente kamen nicht von ebenso seriösen Rechercheuren von der „New York Times“ oder der „Washington Post“. Im Jahr 2004, die News-Sendungen sind ungeliebte, Verlust bringende Pflichtveranstaltungen der TV-Sender, reichen ein paar Blogger, um alle hysterisch zu machen. Das ist bis heute nicht besser geworden. Der Begriff „Lügenpresse“ ist in den alltäglichen Sprachgebrauch eingezogen.

Es ist nicht so, das hysterische Medien nicht schon viel früher Kinogeschichte geschrieben haben. 1976 schon zeigte Sidney Lumet in Network, wohin es führt, wenn sich Fernsehnachrichten der Quote beugen müssen – damals war das noch mehr Fiktion als Fakten; James L. Brooks karikierte 1987 in „Broadcast News – Nachrichtenfieber“ die Erkenntnis, dass News-Anchor gut aussehen, aber nicht smart sein müssen, in „Schlagzeilen“ portraitierte Ron Howard 1994 den Kampf einer New Yorker Zeitung in wirtschaftlicher Schieflage um Wahrhaftigkeit, statt kreischender (aber falscher) Headline. Michael Mann erzählte 1999 in The Insider die Geschichte, wie die CBS-Sendung „60 Minutes“ erfolgreich unlautere Gebaren der Tabakfirmen enttarnte. Und allein im laufenden Jahr ist „Truth“ der dritte Film, der sich kritisch mit den Nachrichten auseinandersetzt – nach Spotlight und Money Monster, beide beeindruckend, aber „Truth“ ist bedrückender, weil er den aktuellen Stand beschreibt. Nie geht es um die Inhalte des Gemeldeten, immer darum, dass der jeweils andere lügt. Der Kreml – und damit sind wir wieder bei der Seriosität anonymer Bloger – soll eigene Abteilungen unterhalten, die die Sozialen Netzwerke mit gezielter Propaganda, mit Falschmeldungen und Nebelkerzen überschwemmen. Warum sollte das in Washington anders gehandhabt werden? Ist es ausgeschlossen, dass die Blogger, die anhand von Schriftbild, Type und hochgestelltem „th“ bei Ordnungszahlen die kopierten Dokumente als Fälschung bezeichneten, von interessierter Seite bezahlt und gelenkt wurden?

Aber wie ist denn eigentlich der Film? Spannend! Wenn man vom Fach ist. Wer sich einfach unterhalten möchte, sollte sich einen anderen der James-Vanderbilt-Filme anschauen.

Als Regisseur legt Vanderbilt hier seinen Erstling vor. Er ist eigentlich Autor und hat Erfahrung darin, Storys mit Thrill und Humor zu peppen (The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – 2014; White House Down – 2013; The Amazing Spider-Man – 2012; „Zodiac – Die Spur des Killers“ – 2007; „Welcome to the Jungle“ – 2003) und flott zu erzählen. Im vorliegenden Fall haut er uns in der ersten viertel Stunde Fakten um die Ohren – weniger um die Augen – und wir haben Schwierigkeit zu folgen. Das macht den Film da mühsam – wenn man sich nicht täglich mit dem Innenleben einer Redaktion auseinandersetzen muss; für uns, die wir das tun (müssen) ist schon dieser Einstieg spannend. Fahrt nimmt der Film auf, wenn die umstrittene „60 Minutes“-Sendung gelaufen ist und der Absturz beginnt. Vanderbilt beweist Gespür fürs Timing, stellt sich als keiner dieser One-Hit-Wonder vor, sondern als einer, der komplexe Geschichten, auch solche, die naturgemäß wortlastig sind, im Griff behält. Aber er hat vor der eleganten Kamera von Mandy Walker (u.a. „Spuren“ – 2013; „Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond – 2011; „Australia“ – 2008) auch wahnsinnig gute Unterstützung.

Cate Blanchett (Carol – 2015; Monuments Men – 2014; Wer ist Hanna? – 2011; Robin Hood – 2010; Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – 2008; Heaven – 2002; Schiffsmeldungen – 2001; Der Herr der Ringe – Die Gefährten – 2001; Elizabeth – 1998) wirkt in der Rolle der Mary Mapes, als habe sie sich diese Rolle übergestreift wie eine zweite Haut; hat sie sicher gerne gemacht, denn die Rolle gibt alles her, was eine A-Klasse-Schauspielerin verlangt – eine selbstbewusste, erfolgreiche Frau mit Vaterkomplex wird fallengelassen, muss Kindheitstrauma überwinden und wieder aufstehen; eine klassische Heldenreise nuancenreich, trittsicher und jederzeit glaubhaft gespielt. Das erinnert an ihre Leistung in Woody Allens Blue Jasmine (2013) und wird ihr wahrscheinlich eine neuerliche Oscar-Nominierung einbringen.

Robert Redford spielt Dan Rather, in den USA eine TV-Legende. Redford hat schon häufiger aufrechte, Nachrichten-Journalisten gespielt – und immer anders (Aus nächster Nähe – 1996; Die Unbestechlichen – 1976). Der einstige Sonnyboy mit schauspielerisch angereicherten Strahlemannqualitäten hat sich in seiner Karriere zum moralischen Kompass Hollywoods gemausert, an seiner Integrität, seinem Einsatz für Uwelt, Frieden und Filmkunst zweifelt niemand und mit dieser Autorität füllt er sein Alterswerk aus (Picknick mit Bären – 2015; Captain America: The Winter Soldier – 2014; All Is Lost – 2013; Die Akte Grant – 2012).

„Truth“ ist ein bemerkenswerter Film in dieser Kino-Zeit, in der uns so viele Special-Effects-Produktionen mit hohem Fantasy- und Green-Screen-Anteil begegnen. Er ist ruhig erzählt, elegant ausgestattet – er spielt in Manhattans Medientürmen unter lauter Medienmachern – er ist nicht gefällig-einfach erzählt, er verlangt den Kopf seines Zuschauers, der dafür mit klugen, wohl formulierten Dialogen belohnt wird. Außerdem ist er wunderbar und detailreich fotografiert.

Wertung: 7 von 8 €uro
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