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Plakatmotiv: Einer flog über das Kuckucksnest (1975)
Ein Horrorfilm mit einer
Schwester als Monster
Titel Einer flog über das Kuckucksnest
(One Flew Over the Cuckoo's Nest)
Drehbuch Lawrence Hauben + Bo Goldman
nach dem gleichnamigen Roman von Ken Kesey und dem darauf basierdenden Bühnenstück von Dale Wasserman
Regie Milos Forman, USA 1975
Darsteller Jack Nicholson, Louise Fletcher, Brad Dourif, Danny DeVito, Christopher Lloyd, Vincent Schiavelli, Will Sampson, William Redfield, Dean R. Brooks, Scatman Crothers, Lan Fendors, Sydney Lassick, Josip Elic, William Duell, Peter Brocco, Nathan George, Michael Berryman u.a.
Genre Drama
Filmlänge 133 Minuten
Deutschlandstart
18. März 1976
Inhalt

Um eine Gefängnisstrafe auf bequeme Weise abzusitzen, täuscht der wegen Verführung einer Minderjährigen verurteilte Randle Patrick (R.P.) McMurphy eine psychische Erkrankung vor. Er wird in eine Anstalt verbracht, in der sein Geisteszustand überprüft werden soll. Auf der Station befinden sich 18 Patienten unter der Aufsicht der strengen Oberschwester Ratched. Die Behandlung besteht in der Ausgabe von Medikamenten und für neun Patienten, die dazu fähig sind, in Sitzungen in Gruppentherapie.

McMurphy will sich der Routine in der Anstalt nicht anpassen. Er organisiert Geldspiele und Wetten. Unter anderem scheitert er mit der Wette, einen schweren Waschtisch hochzuheben und durch das vergitterte Fenster zu werfen. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihm und dem Indianer „Chief“ Bromden, welcher als taubstumm gilt. McMurphy gelingt es, ihn aus seiner Lethargie zu reißen. Auch die anderen Insassen lernen von ihm nach und nach, ihren Willen zu äußern. Nachdem Schwester Ratched trotz Abstimmung den Insassen den Wunsch verweigert hat, die Baseballendspiele im Fernsehen anzuschauen, entführt McMurphy bei einem Ausflug für die Insassen, die freiwillig auf der Station sind, den Ausflugsbus sowie ein Boot, mit dem die Gruppe erfolgreich zum Hochseeangeln ausfährt.

Bei einer weiteren Gruppensitzung kommt es zu einer Schlägerei McMurphys mit einem Aufseher, bei der ihm „Chief“ Bromden zu Hilfe kommt. Beide werden samt einem dritten Insassen mit Elektroschocks bestraft. Der Chief, der sich nur taubstumm gestellt hat, spricht mit McMurphy über eine Flucht nach Kanada und über seine Angst, ein freies Leben zu wagen.

Die Gutachter stufen McMurphy als nicht krank, aber gefährlich ein. Schwester Ratched setzt sich für seinen Verbleib auf der Station ein. McMurphy muss auf unbestimmte Zeit dort bleiben, obwohl seine Strafzeit verbüßt ist. Am Tag der geplanten Flucht holt McMurphy seine Freundin Candy und deren Freundin Rose auf die Station, indem er den Nachtwächter besticht. Sie betrinken sich und feiern Abschied. Der Abend eskaliert, der Alkohol fließt – und R.P. möchte dem jungen, stotternden Billy mit Candy sein erstes Mal schenken. Das würde ja nicht lange dauern, ist Murphy überzeugt.

Billy erweist sich als sehr ausdauernd. Als am nächsten Morgen Schwester Ratched im Raum steht, liegen die Insassen betrunken am Boden oder in ihren Betten, Murphy und der Häuptling liegen betrunken unter dem offenen Fenster. Und Billy liegt noch immer bei Candy. Schwester Ratched greift, um ihre Autorität zu wahren, hart durch …

Was zu sagen wäre

Als die Patienten während der finalen Party zwischen Rum und Mädels ausgelassen zu der Musik tanzen, die sie den ganzen Tag in die Ohren gedudelt bekommen, um sie ruhig zu halten, wird dem Zuschauer erst klar, was da eigentlich abgeht in dieser Anstalt. Wir haben sie betreten mit Murphy, einem fragwürdigen Charakter, der sich vor dem Gefängnis drücken will und sich hier eine leichte Zeit erhofft. Dieser Unsympath wird gespielt von Jack Nicholson, der hier ganz auf seine zwischen diabolisch und wahnsinnig oszillierende Physiognomie setzen kann (Chinatown – 1974; „Das letzte Kommando“ – 1973; Easy Rider – 1969; Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der  Zauberer – 1963). Damit führt er uns unter der souveränen Regie Milos Formans in die Irre.

Die Anstalt, in der wir uns befinden, ist geschlossen, die Insassen hier – von einigen wird gesagt, sie seien freiwillig hier und könnten jederzeit gehen – unterstehen einem Regiment einer Oberschwester in weißem Kittel und gestärktem Häubchen. Einmal täglich gibt es einen Stuhlkreis, in dem diejenigen, die des Sprechens noch fähig sind, sich über ihre Gefühle austauschen sollen – unter sanftem Druck der Oberschwester. Weil unter den Patienten nun der verschlagen grinsende Jack Nicholson Platz genommen hat, halten wir das für irgendwie normal, dass die Patienten hier eingesperrt sind. Noch dazu, wo sich alle Angestellten in den weißen Klamotten so nett um sie kümmern. Erst mit der Partyszene mit Alkohl, Mädchen und dem ausgelassenen Tanz reibt Forman dem Zuschauer unter die Nase, dass die Patienten zwar möglicherweise einer gewissen Aufsicht und Pflege bedürfen, aber keine rechtlosen Gefangenen sind, die sich in oberschwesterlicher Umarmung ergeben müssen.

Forman in in der Tschechoslowakai geboren, verlor beide eltern in den Konzentrastionslagern der Nazis und studierte später an der Prager Filmhochschule. Forman kennt sich aus mit dem Unterdrückungsstaat, daher dürfen wir seinen Film durchaus als Metapher auf einen solchen sehen. Wir schreiben das Jahr 1975, die 68er, die Flowerpower treiben Blüten, der Vietnamkrieg ist vorbei, Nixon gestürzt, die USA, Formans neue Heimat, haben ihre Unschuld verloren; für den Regisseur der richtige Zeitpunkt, an die Mechanismen fürsorglicher Staatsgewalt zu erinnern. Die Insassen hier, sagt Murphy mal, seien auch nicht verrückter, als die Menschen da draußen, was in etwa sogar hinkommt; einige bedürfen der Hilfe, aber andere sind etwas rasch auf 180, aber sympathisch sind sie alle; sie könnten hier ein glückliches Leben führen. Gäge es da nicht die Parallelgesellschaft; jene menschen, die Anzug tragen und eine Hornbrille auf der Nase.

Die Herren im Anzug verkörpern die Welt da draußen, unerreichbar für den Durchschnittstypen. Die Herren im Anzu entscheiden allmächtig, wer verrückt ist und wer nicht, wer also sein Leben selbst in die Hand nehmen darf und wer nicht. Oberschwester Ratched ist die Aufseherin der Mächtigen, Gestapo und KZ-Wächterin in Personalunion, was erst mit der Zeit deutlich wird, wenn sich ihr hartes Gesicht immer mehr zu einer kalt starrenden Reptilienfratze wandelt. Louise Fletcher spielt sie, und sie braucht keine Nicholson'sche Physiognomie, um diabolischer zu wirken, als der freie Radikale, der ihr da ins Lage gefallen ist.

Auch darin nämlich täuschen wir uns: Jack Nicholson spielt diesen McMurphy von Himmelhochjauchzend bis zu Tode getrübt, von Dur bis Moll gekonnt durch alle Nuancen. Der Charakter mag draußen ein fragwürdiger Typ sein, der bestraft gehört. Aber hier in der Welt der unfreiwillig Wehrlosen sorgt er für Aufbruchstimmung, für einen Schimmer Hoffnung und Glauben in den Augen der Insassen; er bringt sie dazu sich zu bewegen, eigenständig zu entscheiden. Das ist natürlich für ein totalitätes Regime tödlich und muss also unterbunden werden. Deshalb hat Milos Forman, der sich mit seiner leidvollen Familiengeschichte mit totalitären Regimen auskennt, natürlich auch kein Happy End für seine Zuschauer; zumindest nicht für die vermeindliche Hauptfigur, deren Ende dem geschockten Zuschauer noch lange nachhallt.

Aber dann schwillt mit einem Mal Musik an. Nicht die sedierende Dudelmusik von Schwester Ratcheds Plattenspieler, sondern ein echter Score von Filmkomponist Jack Nitsche, der sonst für diesen Film nicht viel zu tunm hatte. Dieser Score begleitet einen der Insassen, der mit gewaltigem Kraftaufwand eines der vergitterten Fenster zerschlägt, in die Freiheit. Forman zeigt seinem eben noch schockierten Zuschauer zwei weiße Hosenbeine, die sich sanft im Dunkel des Waldes verlieren. Diesen Hoffnungsschimmer gönnt Forman seinen Patienten im Zuschauerraum.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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