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Kinoplakat: Mary Shelley’s Frankenstein
Die Hybris des Mannes in
Wissenschaft und in Regie
Titel Mary Shelley’s Frankenstein
(Frankenstein)
Drehbuch Steph Lady + Frank Darabont
nach dem Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley
Regie Kenneth Branagh, USA, Japan 1994
Darsteller

Robert De Niro, Kenneth Branagh, Tom Hulce, Helena Bonham Carter, Aidan Quinn, Ian Holm, Richard Briers, John Cleese, Robert Hardy, Cherie Lunghi, Celia Imrie, Trevyn McDowell, Gerard Horan, Mark Hadfield, Joanna Roth u.a.

Genre Horror, Drama, Romantik
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
5. Januar 1995
Inhalt

Ende des 18. Jahrhunderts gelingt es dem Schweizer Arzt und Forscher Victor Frankenstein in seinem Laboratorium in Ingolstadt aus Leichenteilen ein künstliches Geschöpf zu erschaffen. Als er jedoch die Kreatur vor sich sieht, bekommt er Zweifel an seinem Tun.

Am darauffolgenden Morgen ist die Kreatur aus dem Labor verschwunden. Da zur gleichen Zeit eine Choleraepidemie wütet, hofft Frankenstein, dass die Kreatur dieser zum Opfer fällt. Das Geschöpf hingegen sucht seinerseits nach seinem Schöpfer. Es findet Frankenstein schließlich und sorgt dafür, dass das Kindermädchen der Frankensteins gelyncht wird. Danach fordert die Kreatur, dass Frankenstein aus der Leiche des Kindermädchens eine Braut erschafft …

Was zu sagen wäre

Die Hybris des Menschen ist meistens von Übel – mit Ausnahme in der Kunst, wo sie zu großen Werken verleitet, verleitet sie in der Wissenschaft meist zu Tod und Verderben. Von beidem handelt dieser Film, der ähnlich, wie zwei Jahre zuvor Francis Coppola mit Bram Stoker‘s Dracula, versucht, die originalgetreue Verflimung zu liefern (Coppola und sein damaliger Autor Jamey V. Hart fungieren hier als Produzenten) und dabei zum Stilmittel der farbenprächtig bluttriefenden Oper greift.

Kenneth Branagh ist kein zurückhaltender Zeitgenosse. Er hat sich die Vorlage der Schauermär von Mary Shelley genommen, sie hier und da ein wenig … entstaubt und dann mit der ganzen Wucht seiner shakespearschen Vorbildung in ein heißblütiges, bluttriefendes Gruselstück gepackt mit wuchtigem Soundtrack (großartig: Patrick Doyle), anheimelnd schmuddlig mittelalterlicher Cholera-Kulisse (von Tim Harvey – großartig auch das Innere des Schlosses derer zu Frankenstein; eine Empfangshalle, der der Verfall von Anbeginn an innewohnt) und großartigen Spielern.

Robert De Niro als Kreatur ist einzigartig; sein vernarbter Körper, seine geistlose Emotionalität (sein „Because I am so very ugly, and they are so very beautiful“ erfasst das Herz), seine ungebändigte Kraft, sein Zorn finden allen Raum, den diese verzweifelte Kreatur benötigt („You gave me these emotions. But You didn't tell me how to use them.“). Wunderbar, dass De Niro dieses Experiment gewagt und eine Figur gespielt hat, die ganz anders ist, als all die vielen Variationen einer De-Niro-Figur, die er seit einigen Jahren hauptsächlich spielt („In den Straßen der Bronx“ – 1993; Kap der Angst – 1991; Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen – 1991; „Schuldig bei Verdacht“ – 1991; „Zeit des Erwachens“ – 1990; GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht“ – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; Der letzte Tycoon – 1976; „Taxi Driver“ – 1976; Der Pate II – 1974).

Kenneth Branagh („Viel Lärm um nichts“ – 1993; „Peter's Friends“ – 1992; „Schatten der Vergangenheit“ – 1991; „Heinrich V.“ – 1989) gibt seinem Frankenstein alles an Drama, was er finden kann, von beiden Seiten: Auf dem Regiestuhl dirigiert er ein Heer an Emotionen, als Viktor Frankenstein ist er andauernd knapp over the edge – sein bevorzugter Blick ist der aus gesenktem Haupt nach oben an der Kamera vorbei, mit möglichst viel Weiß im Auge. Da bin ich dankbar, dass Helena Bonham Carter („Wiedersehen in Howards End“ – 1992; „Engel und Narren“ – 1991), im Privatleben die Muse des Exzentrikers Tim Burton, hier eine wunderbar geerdete, hollywoodromantisch verliebte Jungfrau spielt und Tom Hulce („Fearless“ – 1993; „Dominick und Eugene“ – 1988; „Echo Park“ – 1986), der einst den wahnsinnigen Mozart gab, hier nicht mehr ist als ein netter Kumpel am Leichentisch.

Einen feinen kleinen Auftritt hat John Cleese („Ein Fisch namens Wanda“ – 1988; „Clockwise“ – 1986; „Der Sinn des Lebens“ – 1983; „Das Leben des Brian“ – 1979) als Frankensteins Mentor Professor Waldman, fein, weil auch Cleese einen wunderbar geerdeten Mann spielt. Bei all diesen sympathischen Normalos tobt sich der Wahnsinn der beiden Antagonisten Victor und die Kreatur umso mehr aus.

Eine Stunde und zwanzig Minuten lang baut Branagh ein gänsehautiges Drama auf, wie es diese so oft verfilmte Kreatur noch nie geschenkt bekam. Aber dann, wenn der Zwiespalt zwischen Schöpfer und Geschöpf unausweichlich wird,  bröselt es doch in Episoden des Zerfalls – des körperlichen, des geistigen, des moralischen Zerfalls.

Branagh hat seiner Lust an opernhafter Inszenierung hier die Sporen gegeben und ein Werk geschaffen, das seinen Jahrgang weit überdauert. Fuck Realism, let‘s make Movies.

Wertung: 9 von 10 D-Mark
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