Kinoplakat: Le Weekend
Ein paar wunderbar verpackte
unangenehme Wahrheiten
Titel Le Weekend
(Le Week-End)
Drehbuch Hanif Kureishi
Regie Roger Michell, UK 2013
Darsteller

Jim Broadbent, Lindsay Duncan, Jeff Goldblum, Olly Alexander, Brice Beaugier, Xavier De Guillebon, Lee Michelsen, Nicolas Carpentier, Marie-France Alvarez, Charlotte Léo, Denis Sebbah u.a.

Genre Drama, Komödie
Filmlänge 93 Minuten
Deutschlandstart
6. Februar 2014
Inhalt

Nick und Meg sind 30 Jahre verheiratet. Sie wiederholen ihre Hochzeitsreise nach Paris. Aber 30 Jahre sind eine lange Zeit und nicht nur Nick und Meg und ihre Ehe haben sich im Laufe dieser Zeit verändert, auch Paris und das kleine Hotel, in dem sie damals wohnten ist irgendwie … anders. Meg ist schon genervt. Nick will mal wieder kein Geld ausgeben, lieber in dieser Klitsche absteigen, statt in einem ordentlichen Hotel, nur weil das Bad so viel kostet, das sie erneuern wollen. Kurzerhand packt sie ihre Sachen und bezieht eine suite im Grand Hotel und Nick beibt nichts anderes übrig, als ihr zu folgen: „Das neue Bad können wir uns dann ja wohl abschminken.“

Eigentlich soll der Paris-Trip ja ihre Ehe ein wenig auffrischen, aber ein gemeinsamer Urlaub vom Eheleben daheim ist auch nur das Eheleben unterwegs und also kreiseln die beiden auch in Paris, dessen Ruf als „Stadt der Liebe“ auch schon länger verblasst ist, um ihre kleinen und großen Krisen, um zu wenig Sex und zu wenig Aufmerksamkeit, um „Nur Du allein“ und „Ich war Dir immer treu“ und um das französischste Restaurant und kleine Abenteuer im Alltag – Zeche prellen nach dem sündhaft teuren Austern essen. Dann treffen sie Morgan.

Morgan ist ein Studienfreund Nicks, der ihn und Meg gleich zu einer kleinen Gesellschaft „morgen Abend“ zu sich einlädt. Das sorgt für neue Probleme. Morgan war sowas wie ein Zögling Nicks auf dem College und während der es nur zu einer Philosophieprofessur an einem College in Birmingham gebracht hat, wurde Morgan ein gefeierter Autor mehrerer Bücher. Entsprechen fremd fühlen sich Nick und Meg auf dieser Gesellschaft unter Schriftstellern, Architekten und Musikern der gehobenen Pariser Bohème. Auf diesem Empfang wird sich manches klären. Ein Anfang, ein Ende, ein Neuanfang ..?

Was zu sagen wäre

Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Das Eheleben schon gar – und immer weniger, je länger es dauert. Wenigstens diese Sicherheit nehmen Nick und Meg mit nach Paris, wenn sie sich sonst schon in allem zueinander unsicher sind. Sie kommen nach Paris. Und Paris ist wie ihr gemeinsames Leben - rau, unübersichtlich, steil und verwinkelt; man kommt schnell außer Atem. Auf Paris als Stadt der Liebe in Zuckerguss, Eiffelturm und Tuilerien verzichtet Regisseur Roger Michell (Morning Glory – 2010; „Venus“ – 2006; „Enduring Love“ – 2004; Spurwechsel – 2002; Notting Hill – 1999). Und sein Autor Hanif Kureishi („Venus“ – 2006; „Die Mutter – The Mother“ – 2003; „Sammy und Rosie tun es“ – 1987; „Mein wunderbarer Waschsalon“ – 1985) ist nun auch nicht bekannt für ein Abarbeiten an romantischem Klischeepudding.

Kureishi und Michell haben ein Zwei-Personen-Stück inszeniert, in dem ein paar Statisten als Hotelangestellte eine Rolle spielen, aber unwichtig bleiben. Der immer wieder großartige Jeff Goldblum („Zambezia – In jedem steckt ein kleiner Held“ – 2012; Morning Glory – 2010; Umständlich verliebt – 2010; „Ein Leben für ein Leben – Adam Resurrected“ – 2008; „Die Tiefseetaucher“ – 2004; Independence Day – 1996; Jurassic Park – 1993) übernimmt so etwas wie eine Katalysator-Rolle, über den endlich ein paar Wahrheiten ans Tageslicht brechen, die da nach 30 Jahren Ehe dringend hingehören: Jobverlust, Versagensängste, Enttäuschungen über verpasste Möglichkeiten.

Kinoplakat (UK): Le Week-End

Sehr fein und mit spitzer Feder hat Hanif Kureishi hingehört und aufgeschrieben, was er über das alt werden weiß, was er über das alt sein erfahren hat und Roger Michell hat nicht nur die richtigen Kameraeinstellungen für die jeweiligen Aggregatzustände des alten Paares gefunden. Er hat vor allem in Jim Broadbent und in Lindsay Duncan zwei großartige Schauspieler gefunden. Bei Jim Broadbent, Garant großer Schauspielkunst („Unter Beobachtung“ – 2013; Cloud Atlas – 2012; Die Eiserne Lady – 2011; „Another Year“ – 2010; Harry Potter und der Halbblutprinz – 2009; „Tintenherz“ – 2008; Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels – 2008), mag das nicht so überraschen, aber Lindsay Duncan (City Hall – 1996), die sich vor allem im Fernsehen einen Namen gemacht hat und im Kino jetzt gerade in Mutterrollen („Alles eine Frage der Zeit“ – 2013) reüssiert, ist das eine schöne Überraschung – zumal sie Broadbent in mehreren Szenen mit einem kleinen Blick an die Wand spielt.

Wo geht die Reise hin, der wir hier zuschauen? Klar: Das Wochenende in Paris ist endlich, aber worauf wollen Kureishi und Michell eigentlich hinaus? Diese Frage wabert manchmal etwas ziellos zwischen den Kameraeinstellungen einher; da gibt es hübsche Schmunzler, wenn Nick und Meg hinter einem kaum älteren Paar hergehen und Nick bemerkt, dass sie selbst in zehn Jahren wohl auch so wären wie die da – die kleine Selbstverleugnung im täglichen Allerlei zwischen Schmerzen beim aufstehen und Pillen zum abführen. Je tiefer der Film geht, desto klarer wird, wie bedrückend seit langem die Perspekteve für unsere beiden Hauptdarsteller ist. Und in Deutschland wäre der Film hier zu Ende (deshalb ist das deutsche Kinoplakat auch grau und schmutzig-rosa, während das britische Plakat in bunten Farben strahlt – siehe links).

Roger Michell, der mit Notting Hill eines der schönsten romantischen Kinomärchen inszeniert hat, lässt auch hier – very british – noch ein märchenhaft anmutendes Ende in einer kleinen Patisserie folgen, wenn Nick Geld in die Juke Box wirft und zu tanzen beginnt, weil ihm klar geworden ist, dass alte Menschen keine Angst vor der Zukunft mehr haben müssen.

Wertung: 6 von 7 €uro