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Kinoplakat: 9 ½ Wochen
Eine Provokation. Ein Neon-Kunstwerk.
Zwei Ikonen für das zeitgenössische Kino.
Titel 9 1/2 Wochen
(Nine 1/2 Weeks)
Drehbuch Sarah Kernochan + Zalman King + Patricia Louisianna Knop
nach dem gleichnamigen Roman von Elizabeth McNeill
Regie Adrian Lyne, USA 1986
Darsteller

Kim Basinger, Mickey Rourke, Margaret Whitton, David Margulies, Christine Baranski, Karen Young, William De Acutis, Dwight Weist, Roderick Cook, Victor Truro, Justine Johnston, Cintia Cruz, Kim Chan, Lee Lai Sing, Rudolph Willrich u.a.

Genre Drama, Romantik
Filmlänge 117 Minuten
Deutschlandstart
17. April 1986
Inhalt

New York City: Börsenmakler John begegnet in China Town der Kunstgaleristin Elizabeth, die in SoHo arbeitet. Nach einem kurzen Flirt begegnen sie sich kurze Zeit später im Greenwich Village wieder, wo John ihr spontan ein teures Designertuch schenkt.

Beide lernen sich kennen und lassen sich auf eine Beziehung ein, in der sie immer neue Sexspielarten praktizieren, bis hin zu solchen mit sadomasochistischer Natur. Der dominante John testet neue Grenzen aus, kann bzw. will sich aber nicht auf eine emotionale Beziehung einlassen.

Als Elizabeth auf Wunsch und Anregung von John mit verbundenen Augen von einer Prostituierten verwöhnt werden soll, überschreitet das Elizabeths Grenze …

Was zu sagen wäre

Junge trifft Mädchen. Sie lieben sich neun Wochen lang. Und trennen sich. Mädchen trug gern weiße Wäsche, am Ende trägt sie schwarze Wäsche. Sie ist nicht mehr das kleine hihihi-Mädchen. Sie weiß jetzt was sie will. Eine Frau weiß, was sie will – der Sündenfall im Männerauge: schwarze Wäsche.

Adrian Lynes Film ist stylish – optisch, akustisch, erzählerisch. Er ist ein Angriff auf jede Schwester-im-Geiste von Alice Schwarzer, er ist ein Jungs-Traum. Boy meets Girl. Boy loses Girl. Das passiert so oft, bis Boy Girl nicht mehr verliert. „9 1/2 Wochen“ ist eine der Geschichten, wo sie sich am Ende wieder verlieren und daran gereift sind. Ein Happy End ohne Glück. Adrian Lynes Film hat eine Ikone des zeitgenössischen Kinos geschaffen: die Verführung vor dem offenen Kühlschrank, der sich der Zuschauer entweder hingibt, oder sich fragt, wie lange die die Kühlschranktür nun noch offen stehen lassen wollen.

Dieser Film ist eine Provokation, er beunruhigt. Da ist diese Galeristin aus SoHo, die einerseits Soiréen hat mit intellektuellen Freunden, die aber andererseits sich benimmt, wie ein kleines Mädchen; sie hat eine dreijährige Ehe hinter sich mit einem Vollbart-Mann (Merke: Männer tragen Vollbart, wenn sie Dir nicht offen gegenüber treten wollen oder können) und nun gerät sie an diesen Master-of-the-Universe. Und sie lässt sich gehen, lässt sich darauf ein; und hat ihren Spaß. Beunruhigend: Haben wir nicht gerade in 15-jähriger Zeigefinger-NeinNein-Lehrstunde gelernt, dass Frauen kein Objekt sind? Dass Frauen anders sind, als in den sexuellen Phantasien pervertierter Männer?

Kinoplakat: 9 ½ Wochen

Und jetzt? Jetzt legt Kim Basinger, dieser Fleisch gewordene feuchte Traum, als gebildete Galeristin einen Striptease hin für diesen Macho; seit dieser Szene – zweite Ikone des zeitgenössischen Films aus derselben Quelle – kann man „You can leave Your Hat on“ nicht mehr ohne Kim Basinger im Kopf hören. Und jetzt? Jetzt ficken Elizabeth und John auf einer nächtlichen Kellertreppe in strömendem Regen bei apartem Gegenlicht. Und jetzt? Jetzt masturbiert sie ihn in der Bar, umgeben von lauter ahnungslosen, armseligen Halb-Masters of the Universe. Und jetzt? Jetzt haben die beiden all das, was uns der moderne Feminismus seit 15 Jahren ausreden will, eine Trial-and-Error-Beziehung, die schief geht, aber sexuell für beide Seiten befriedigend war.

Die Moral von der Geschicht‘, wenn der Pulverdampf verraucht ist: Er braucht nicht mehr als das, sie schon. Adrian Lynes beunruhigender Film ist ein kluger Film.

Und Kim Basinger ist großartig („Fool for Love“ – 1985; „Der Unbeugsame“ – 1984; James Bond 007 – Sag niemals nie – 1983). Die piepsig-schüchterne Elizabeth vom Anfang wandelt sich glaubhaft in eine selbstbewusste Frau, auch das ein beunruhigendes Moment: Die Frau entwickelt sich erst, als der Mann ins Spiel kommt. Ist im Umkehrschluss die Frau ohne den Mann nichts? Nein. Dennoch definiert sich manche Frau ja tatsächlich erst über ihren Mann (vielleicht sollte man besser sagen den Mann an ihrer Seite), über dessen Job, über dessen Position. Und der Mann? Zeigt gerne seine Trophywife herum.

Kim Basinger hat später gesagt, die Dreharbeiten seien anstrengend gewesen, weil Mickey Rourke zu küssen (Im Jahr des Drachen – 1985; „Der Pate von Greenwich Village“ – 1984; Rumble Fish – 1983; American Diner – 1982; „Heißblütig – Kaltblütig“ – 1981; „Heaven's Gate“ – 1980; „1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood“ – 1979) sei ein Gefühl gewesen, wie einen Aschenbecher auszulecken. Im Film merkt man davon nichts. Die Chemie zwischen den beiden funktioniert, bis zum Schluss.

Natürlich sind die expliziten Sexszenen, die Lyne („Flashdance“ – 1983) mit Verve, Sound und Gegenlicht inszeniert, Situationen am Rande der Lächerlichkeit. Aber haben wir nicht alle – insgeheim, ohne es jemals jemanden sagen zu wollen – von dieser Art over-the-Edge-Sex geträumt; und sei es nur, weil das Kino uns diese Bilder seit Anbeginn in immer neuer Phantasie vorkaut? Und ist nicht Kino genau dafür da, damit wir unsere Träume ausleben – im dunklen Kinosaal? Und soll ein Kunstwerk nicht verstören, aufrütteln, hinterfragen?

So gesehen ist diese Rhapsody in Neon ein großes Werk.

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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