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Plakatmotiv: Das Milliarden-Dollar-Gehirn (1967)
Der spezielle Geheimagent
wird ziemlich gewöhnlich
Titel Das Milliarden-Dollar-Gehirn
(Billion Dollar Brain)
Drehbuch John McGrath
nach dem gleichnamigen Roman von Len Deighton
Regie Ken Russell, UK 1967
Darsteller Michael Caine, Karl Malden, Ed Begley, Oskar Homolka, Françoise Dorléac, Guy Doleman, Vladek Sheybal, Milo Sperber, Janos Kurutz, Alexei Jawdokimov, Paul Tamarin, Iza Teller, Mark Elwes, Stanley Caine, Gregg Palmer u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
31. Oktober 1968
Inhalt

Harry Palmer hat seinen Dienst beim britischen Geheimdienst quittiert und schlägt sich als Privatdetektiv durch – mehr schlecht als recht, aber gut genug, um wiederholte Avancen seines ehemaligen Chefs, Colonel Ross, zu ignorieren.

Plakatmotiv (US): Billion Dollar Brain – Das Milliarden-Dollar-Gehirn (1967)Nun kontaktiert ihn Leo Newbigen. Der schickt Harry nach Skandinavien, wo er verhindern soll, dass mit Viren verseuchte Eier des texanischen Kommunistenhassers, General Midwinter, in die Sowjetunion gelangen. Mit seiner Privatarmee will der Texananer dem Riesenstaat zu Leibe rücken.

Seine Computer haben einen exakten Aufstandsplan für Lettland ausgearbeitet, leider aber mit falschen Daten, denn die dortige Untergrundbewegung existiert – abgesehen von ein paar Einzelgängern – nur im Hirn eines geldgierigen Mitarbeiters, der die Unterstützungen in die eigene Tasche fließen lässt.

Außerdem ist der sowjetische Geheimdienst (KGB) längst informiert …

Was zu sagen wäre

Jetzt haben augenscheinlich alle auffälligen Namen der Kino-James-Bond-Familie die Harry-Palmer-Serie verlassen, und jetzt sieht schon der Vorspann des Films aus wie ein liebevolles Zitat des Geheimagenten Ihrer Majestät. Kein Wunder: Einen Bond-Veteran gibt es noch – die Titelsequenz kreierte Maurice Binder, Erfinder des berühmten James-Bond-Openings, in dem James Bond von rechts kommend auf der Leinwand erscheint und dann in Richtung Publikum schießt.

Jetzt eröffnet Binders Grafik-Vorspann dieses dritte Palmer-Abenteuer. Der Agent ist kein Agent mehr. Er ist jetzt Privatdetektiv. Und wir Kinogänger wissen: Privatdetektive im Kinofilm, die einen Auftrag übernehmen, verstricken sich in riesige Verschwörungen. In den 40er Jahren kreiste so eine Verschwörung um Alkohol, Glücksspiel, Frauen und korrupte Bullen.

Heutzutage geht es um radioaktive Eier, internationale Spionage, verrückte Millionäre und bürokratische Hindernisse wie Formblatt L141 mit CV30-Code-Verschlüsselung in der Besoldungsgruppe C3 mit – für Palmer – 300 Pfund zusätzlich.

Plakatmotiv (UK): Billion Dollar Brain – Das Milliarden-Dollar-Gehirn (1967)Die Harry-Palmer-Serie hat ihren unschuldigen Charme verloren. Die Ausgangssituation ist so wild, dass wir im Kinosessel gar nicht erst anfangen zu folgen. Wir ergeben uns dem Spaß da oben auf der Leinwand, konstatieren, dass Michael Caine seinen Harry Palmer ein wenig lebendiger anlegt als in den beiden Vorgänger-Filmen – aber durchaus einer Charakter-Entwicklung folgend – und folgen einem pseudopolitischen Reißer, der zwischen Ernst und Persiflage schwankt.

Er trifft auf einen Gegenspieler, der an die kommunistische Lebenssäfte-Vergiftungs-Verschwörung von General Buck Turgidson aus Stanley Kubricks Dr. Seltsam, oder wie ich lernte die Bombe zu lieben (1964) erinnert: „Hören Sie es auch so gerne, wenn die Kugel knallt? In meinen Ohren ist das Musik!“ Der Typ ist witzig, verquer – aber eben nicht neu: „Wissen Sie zum Beispiel, dass die Luft an der Ostküste von den Russen verseucht worden ist? Ja, da schauen Sie, mein Junge, was? Aber ich weiß es genau, das können Sie mir glauben! Und ich weiß auch genau, dass die Luft in Texas die einzig unverseuchte Luft in der Welt ist.

Dieser General Midwinter schwört auf die bedingunglose Liebe zu den Menschen, steht dabei unter einem nur leicht verfremdeten Reichsadler, während draußen im Land die Menschen dazu getrieben sind, in dieser Liebe zu den Menschen Hexen zu verbrennen, zu brandschatzen und zu morden. Und Midwinter, der Drahtzieher, ein seniler Fantast schreitet, Hassparolen deklamierend, durch einen Ken-Adam-artigen Megabunker – das titelgebende Milliarden-Dollar-Gehirn.

Das, was Harry Palmer mal besonders gemacht hat, ist weg. Wir folgen Palmer durch manch wirres Abenteuer, weil wir ihn halt kennen und seine allgemeine Unbeindrucktheit schätzen, aber in diesem dritten Abenteuer haben Verschwörung, Politik und allgemeine Weltverbesserungspläne die charmante Eigenbrödlerei des Origanls überrollt.

Jetzt ist Harry Palmer einfach der lahmere James Bond mit melancholischer Note.

<Nachtrag 2016>Die russische Doppelagentin Anya spielt Françoise Dorléac, die ältere Schwester von Catherine Deneuve. Sie drehte in ihrer kurzen Filmkarriere insgesamt 16 Filme (Krimis, Abenteuerfilme, aber auch Komödien) und avancierte zu einer der beliebtesten jungen Schauspielerinnen des französischen Films.</Nachtrag 2016>

Wertung: 4 von 8 D-Mark
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