Plakatmotiv: Detroit (2017)
Bigelows Drama gleicht mehr einer
TV-Reportage als einem Spielfilm
Titel Detroit
(Detroit)
Drehbuch Mark Boal
Regie Kathryn Bigelow, USA 2017
Darsteller John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, Jason Mitchell, John Krasinski, Anthony Mackie, Kaitlyn Dever, Samira Wiley, Hannah Murray, Jack Reynor, Jacob Latimore, Malcolm David Kelley, Laz Alonso, Nathan Davis Jr., Chris Coy, Gbenga Akinnagbe u.a.
Genre Drama
Filmlänge 143 Minuten
Deutschlandstart
23. November 2017
Inhalt

Detroit im Jahr 1967. Der Sommer in der US-amerikanischen Stadt ist von ausufernden Aufständen der Zivilbevölkerung gezeichnet. Nach einer Polizeirazzia kommt es zum gewaltsamen Widerstand und zu einem der größten Bürgeraufstände in der Geschichte der USA.

Auch der afroamerikanische Wachmann Melvin Dismukes war bei der Razzia beteiligt. Ungewollt geraten auch die Musiker der Soulband „The Dramatics“ in die Proteste, die sich in der Musikhalle auf einen Auftritt vorbereiten, der allerdings abgesagt werden muss. Nur mit Mühe können sich Sänger Larry Reed samt Kumpel Fred in das Algier Motel retten, doch als ein Gast mit einer Schreckschuss-Pistole hantiert, stürmt die Polizei das Gebäude, angeführt von dem aggressiven Weißen Philip Krauss.

In Folge kommen drei afroamerikanische Männer ums Leben und sieben weitere schwarze Männer und zwei weiße Frauen werden durch brutale Schläge schwer verletzt. Dismukes findet sich inmitten eines Straßenkrieges wieder …

Was zu sagen wäre

Als die drei weißen Polizisten am Ende vom Richter zu hören bekommen, man habe ihnen bei den Verhören die grundlegenden Menschenrechte verweigert, in dem man sie nicht auf ihr Recht, die Aussage zu verweigern oder auch, einen Anwalt hinzuzuziehen, aufmerksam gemacht habe, geht es höhnisches Husten durch den Kinosaal. Ah, Menschenrechte! Nachdem wir gerade zwei Stunden lang erlebt haben, wie eben diese Polizisten mehreren Unschuldigen – was, das sei fairerweise angehängt, vor allem die Zuschauer, weniger unbedingt die Polizisten wissen – nicht nur deren Menschenechte vorenthalten, sondern einigen von ihnen gleich auch ihr Menschenleben genommen haben. Detrooit glich in jenen Tagen einemKriegsschauplatz – Geschäfte wurden geplündert, Häuser brannten, Panzer patroullierten in den Straßen; eine gewisse Nervosität mag man den Polizeikräften da gar nicht vorhalten und wenn sie also einen Schuss hören, gleich „Heckenschütze“ denken – weil sie, anders als wir, nicht wissen können, dass dieser Schuss aus einer Schreckschusspistole kam – ist verständlich; nicht natürlich die Brutalität der drei im Zentrum der Handlung stehenden Polizisten, die offenbar weniger nervös sind, sondern grundsätzlich rassistisch und gerne auf „Neger“ schießen.

Kathryn Bigelow malt nicht schlicht schwarz-weiß, also hier sind nicht alle Weißen Arschlöcher und alle Schwarzen unschuldige Opfer. Genau genommen sind nur die drei weißen Cops Arschlöcher. Und Melvin Dismukes, der schwarze Wachmann, der andauernd so besonnen und deeskalierend auftritt, stellt sich als einer heraus, der einfach nur um jeden Preis keinen Ärger haben möchte und deshalb seinen Mund auch noch hält, als er reden sollte – und auch könnte. Bigelow hat einen wichtigen Film gedreht, der zwar 1967 spielt, aber als Situationsbeschreibung auch für die aktuelle Black-Lives-matter-Bewegung in den USA passt.Der Rassismus damals mag härter und direkter gewesen sein, weniger geworden ist er, denkt man an ich dauernd wiederholende Bilder in den Nachrichtensendungen, augenscheinlich nicht. An die verwackelte Asthetik solcher Bilder hat sich Bigelow auch in ihrem neuen Film wieder angelehnt, den sie mit ihrem Autor und Rechercheur Mark Boal so detailgenau wie irgend möglich nacherzählt hat.

Plakatmotiv: Detroit (2017)Der Film beginnt wie eine Reportage, die eine razzia begleitet, die in der Folge aus dem Ruder läuft. Lange gibt es gar keine klaren Figuren, denen der Zuschauer folgen kann – Steine fliegen, Fernseher hinter Schaufensterscheiben zeigen Luftaufnahmen einer Stadt in Qualm und Rauch, Politiker mahnen Gesetz und Ordnung an und die Afroamerikaner, die in engen Vierteln Detroits zusammengepfercht leben, gehen auf die Barrikaden. Bigelow erzählt mit wenig bekannten Schauspielern, was die Identifikation einer handelnden Hauptfigur zusätzlich erschwert. Irgendwann erkennt man in dem Wachmann Dismukes den Schauspieler John Boyega, den man wage noch aus einen der Helden aus der neuen Star Wars-Trilogie erkennt, am Rande taucht Anthony Mackie auf, den Superheldenfilmgucker als Falcon aus den Captain America-Filmen kennen, und schließlich bleibt die Kamera länger bei ein paar Musikern, deren Geschichte sie dann folgt; diese anfängliche Ziellosigkeit unterstreicht den Charakter des Films als Reportage. Reporter wissen, sie sollen über einen Bürgerkrieg berichten, haben aber zunächst auch keine Figur, mit der sie die Geschehnisse für den Zuschauer plastisch erzählen können.

Im Kino erweist sich diese Art zu erzählen als Rohrkrepierer. Ich baue keine Beziehung zu niemandem auf, folge wehrlos der vagen Dramaturgie, bin sprachlos, empört, erschreckt. Das Schicksal der Musiker, die in späteren Jahren als „The Dramatics“ Bekanntschaft erlangen sollen, geht mir lange nicht nahe – ihnen entgeht ein Auftritt, an den sie so große Hoffnungen hatten, das ist traurig und blöd, aber warum muss mich das interessieren? Die weißen Polizisten, unter denen Will Poulter charismatisch kalt den rassistischen Oberarsch spielt („War Machine“ – 2017; „Kids in Love“ – 2016; The Revenant – 2015; Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth – 2014; „Wir sind die Millers“ – 2013; „Wild Bill“ – 2011; „Die Chroniken von Narnia – Die Reise auf der Morgenröte“ – 2010), sind von Beginn an als Die Bösen gebrandmarkt. Wenn diese beiden Handlungs-Chraktere dann im Hotel aufeinandertreffen, beharken sich da für mich Leute, die mir leidlich egal sind (die Musiker) oder die ich von vorneherein nicht mögen soll (die Polizisten). Aber dann passiert doch noch etwas erstaunliches: Ich, der weiße Zuschauer im Kinosaal, bekomme eine sehr gute Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, als Schwarzer in den USA zu leben – auch ein bisschen, wie es sich anfühlt, als Frau in einer Männerwelt zu leben. Hier erweist sich Kathryn Bigelow als die begnadete Filmautorin, bei der die Kamera eine Waffe ist, mit der sie zielgenau Situationen, Gesellschaften, Gruppendynamiken aufspießt und den Zuschauer packt (Zero Dark Thirty – 2012; „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ – 2008; K-19 – Showdown in der Tiefe – 2002; Strange Days – 1995; „Gefährliche Brandung“ – 1991; „Blue Steel“ – 1989; „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ – 1987).

Als ihr Spielfilm endlich ganz Reportage sein darf, wird „Detroit“ richtig gut, aber zu dem Zeitpunkt ist der Film eben auch schon über eine Stunde lang.

Wertung: 5 von 8 €uro