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Plakatmotiv: Die Schwester der Königin (2008)

Emotionale Achterbahn mit
zwei großen Schauspielerinnen

Titel Die Schwester der Königin
(The other Boleyn Girl)
Drehbuch Peter Morgan
nach dem gleichnamigen Roman von Philippa Gregory
Regie Justin Chadwick, UK, USA 2008
Darsteller

Natalie Portman, Scarlett Johansson, Eric Bana, Jim Sturgess, Mark Rylance, Kristin Scott Thomas, David Morrissey, Benedict Cumberbatch, Oliver Coleman, Ana Torrent, Eddie Redmayne, Tom Cox, Michael Smiley, Montserrat Roig de Puig, Juno Temple u.a.

Genre Biografie, Drama
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
6. März 2008
Inhalt

Mary Boleyn heiratet 1520 William Carey. Kurz nach der Hochzeit wird ihrer Schwester Anne Boleyn von den Eltern berichtet, dass bald der König von England, Henry VIII., bei ihnen im Haus erscheinen wird. Anne soll ihn verführen und seine Mätresse werden, denn das würde der Familie mehr Anerkennung und Anne eine Vermählung mit einem Herzog oder Markgrafen einbringen. Des Königs Frau, Katharina von Aragon, hat gerade ein Kind verloren, und dem Königspaar ist nur eine Tochter geblieben. Deswegen wäre es jetzt besonders günstig, eine Mätresse zu werden. Doch als der König sich beim Jagen mit Anne eine Verletzung zuzieht, richtet er seine Augen auf Annes bereits verheiratete Schwester Mary. Anne ist wütend.

Mary wird zum Hof geladen, um zusammen mit Anne eine Hofdame Katharinas zu werden. Insgeheim wird Mary die neue Mätresse von Henry. Anne heiratet unterdessen einen Herzog, der aber schon einer anderen versprochen wurde. Die Ehe wird aufgelöst, und Anne wird nach Frankreich geschickt, um dort zu lernen. Kurze Zeit später erwartet Mary ihr erstes Kind und wird bettlägerig wegen der mangelnden Gesundheit. Jetzt wird Anne an den Hof geschickt, um den König zu unterhalten – und ihn stets an Mary zu erinnern. Sie entwickelt jedoch einen grausamen Plan: Sie will Henry wieder für sich erobern und Mary und ihr Kind aufs Land schicken. Als Marys Sohn geboren wird, wendet sich Henry aufgrund seiner Liebe zu Anne von Mary ab. Mary wird mit ihrem Kind fortgeschickt und soll nicht wieder zurückkommen.

Plakatmotiv: Die Schwester der Königin (2008)Anne weigert sich mit Henry zu schlafen, bis er sich von seiner Frau trennt. Doch dies ist in der katholischen Kirche schwer möglich. Deswegen wendet er sich vom Papst ab und trennt England von Rom. Er wird letztlich exkommuniziert, Katharina wird weggeschickt. Anne erwartet ein Kind, doch statt eines erhofften Jungen wird ein Mädchen geboren, das Elizabeth genannt wird. Henry wendet sich langsam von Anne ab. Sie holt ihre Schwester wieder an den Hof, sie soll ihr jetzt behilflich sein. Anne wird noch einmal schwanger, doch sie verliert das Kind nach kurzer Zeit. Sie ist verzweifelt und bittet ihren Bruder George Boleyn, mit ihr zu schlafen, damit sie noch einmal schwanger werde …

Was zu sagen wäre

Das Drama der Anne Boleyn ist eines der großen in der englischen Geschichte. Sie wollte sich dem König nicht als Mätresse überlassen, die diesem einen männlichen „Bastard, aber potenziellen Erben werfen sollte. Henry VIII. ließ sich scheiden von seiner ersten Frau, Katharina von Aragon. Das war die Geburtsstunde der Anglikanischen Kirche durch Trennung der Kirche Englands von Rom. Annes Tochter Elisabeth I. wurde im November 1585 Königin – The Virgin Queen –  und damit eine der bedeutendsten und am längsten regierenden Königinnen Englands.

Der Stoff ist mehrfach verfilmt worden, besonders farbenfroh 1969 mit Richard Burton als Henry und Geneviève Bujold als Anne in Königin für tausend Tage. Jetzt, in der 2008er-Version wechselt die Geschichte ihre Perspektive, gleich mehrfach. Neu ist die Geschichte der Mary Boleyn, im Film Annes jüngere Schwester – wiewohl Historiker die Auffassung vertreten, Mary sei die ältere Schwester gewesen. Das Drehbuch nimmt sich einige solcher historischen Freiheiten, weil es keine Geschichtsstunde halten möchte, sondern den Blick öffnen möchte für eine von Männern absolut dominierte Welt.

Zwar stehen die beiden Frauen, Anne und Mary, dauernd im Mittelpunkt. Aber nur als Machtinstrument für ihren raffgierigen Vater und ihrem nach Macht strebenden Onkel, dem Duke of Norfolk. „Töchter“, sagt Thomas Boleyn, der Vater, zu Beginn aus dem Off, „konnten einem Haus hohen Stand und Ehre bringen“, wenn man sie nur richtig verheiratete. Ungerührt wird Mary an einen vermögenden Kaufmann verschachert, der eigentlich Anne ehelichen wollte, für die Thomas aber höhere Ziele sieht. Wenig später ist dieses Ziel: Anne soll Mätresse des Königs werden. Das gäbe der Familie Boleyn Reichtum und Einfluss bei Hofe und ihr, Anne, später sicher einen Grafen oder Fürsten als Mann. Mark Rylance spielt diesen Vater mit gütiger Leichenbittermine, die um Verständnis hechelt.

Sein moralischer Widerpart ist seine Ehefrau, die unter Stand geheiratet und für ihn „aus echter Liebe“ auf Vermögen und Stellung verzichtet hat. Kristin Scott Thomas (Gosford Park – 2001; Begegnung des Schicksals – 1999; Der Pferdeflüsterer – 1998; Mission: Impossible – 1996; Vier Hochzeiten und ein Todesfall – 1994; Bitter Moon – 1992) interpretiert sie als stumm empörte Dulderin widerlicher Unabänderlichkeit, die ihrem Mann aber klar die Meinung geigt.

Vor zehn Jahren trat Thomas neben Robert Redford in dessen elegischem Pferdeflüsterer auf. Damals als Mutter der 14-jährigen Scarlett Johansson. Die ist mittlerweile 24, spielt wieder Thomas' Tochter, Mary Boleyn. Die einzige Frau bei Hofe, die da gar nicht sein will, dort keine Ambitionen hegt und am Ende zumindest körperlich unversehrt aus der Sache rauskommt. Johansson legt eine große Performance hin, spielt, als wäre sie neu vor der Kamera und könne ihre Schüchternheit dort nicht ganz verbergen. Dabei ist sie seit 13 Jahren im Geschäft (Nanny Diaries – 2007; Prestige - Die Meister der Magie – 2006; Black Dahlia – 2006; Scoop - Der Knüller – 2006; Die Insel 2005; Match Point – 2005; "Reine Chefsache" – 2004; Lovesong für Bobby Long – 2004; Das Mädchen mit dem Perlenohrring – 2003; Lost in Translation – 2003; Arac Attack – 2002; Ghost World – 2001; The Man Who Wasn't There – 2001; Der Pferdeflüsterer – 1998; "Wenn Lucy springt" – 1996; "Im Sumpf des Verbrechens" – 1995). Ihre Mary ist eine glaubwürdig ehrliche Haut, die mit jeder Wunde, die Männer ihr zufügen, etwas stärker wird.

Ihren raffinierten Gegenpart, die ältere Schwester Anne, spielt souverän Natalie Portman (Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith – 2005; "Hautnah" – 2004; Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger – 2002; Zoolander – 2001; Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung – 1999; Mars Attacks! – 1996; Alle sagen: I love you – 1996; Heat – 1995; Léon: Der Profi – 1994). Portland Anne ist strebsam, folgsam und etwas naiv. Bis sie ins Exil an Frankreichs Hof geschickt wird, wo sie schnell lernt, was ihre Mutter ihr vergebens beizubringen versuchte: „Männer glauben, sie hätten alle Macht. Weil wir Frauen sie das glauben lassen.“ Zur Mitte des Films verlässt die Kamera das einzige Mal die Enge der Mauern, die Düsternis der Kammern und zeigt uns eine Reiterschar, die unter blauem Himmel in weiter Ferne die Küste heraufkommt. Im Gegenlicht wirken die Reiter wie Raubritter. Es ist Anne und ihr Gefolge, die aus Frankreich heimkehrt – und gelernt hat. Jedes Beben, jedes naive Hoffen ist aus Portland Gesicht verschwunden. Kalt mustert sie die Situation, spielt Männer gegeneinander aus und holt sich, was ihr ihrer Ansicht nach zusteht. Was für eine Veränderung gegenüber der ersten Filmhälfte.

Zwischen den beiden Schwester steht die Fleisch gewordene Macht – König Henry VIII. Das Drehbuch schildert ihn zwar als Durchgreifer mit harter Hand. Aber weil der Fokus auf den beiden Schwestern liegt, ist das Brutale in dieser Macht auf wenige Szenen zurückgeschnitten. Da bleibt Eric Bana nicht mehr viel Spielraum ("München" – 2005; Troja – 2004; Hulk – 2003; Black Hawk Down – 2001). Sein König bleibt blass. Aber in prachtvollem Kostüm.

Hier punktet das große Drama in großem Stil: Pompöse Ausstattung und verschwenderisch gestaltete Kostüme. Die plus die beiden groß aufspielenden Frauen machen aus dem üppigen Kostümdrama ein Highlight.

Wertung: 6 von 7 €uro
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