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Kinoplakat: Jurassic Park
Spielberg treibt das Effekt-Kino
ins nächste Jahrtausend
Titel Jurassic Park
(Jurassic Park)
Drehbuch David Koepp + Michael Crichton
nach dem gleichnamigen Roman von Michael Crichton
Regie Steven Spielberg, USA 1993
Darsteller Sam Neill, Laura Dern, Jeff Goldblum, Richard Attenborough, Bob Peck, Martin Ferrero, B.D. Wong, Joseph Mazzello, Ariana Richards, Samuel L. Jackson, Wayne Knight, Gerald R. Molen, Miguel Sandoval, Cameron Thor, Christopher John Fields u.a.
Genre Science Fiction, Abenteuer
Filmlänge 127 Minuten
Deutschlandstart
2. September 1993
Inhalt

Dem Unternehmer John Hammond ist die wissenschaftliche Sensation gelungen: Seine Leute sind in der Lage, aus in Bernstein eingeschlossenen, Jahrmillionen alten Insekten Blut zu extrahieren und daraus Dinosaurier zu klonen. Auf einer einsamen Karibikinsel errichtet er „Jurassic Park”, ein Erlebnispark mit lebendigen Dinosauriern.

Bevor der Themenpark seine Pforten jedoch öffnen darf, inspizieren hochkarätige Wissenschaftler den neuartigen Zoo; man will versicherungstechnisch keine Probleme haben, will nicht, dass die Attraktion der sehr gut zahlenden Kundschaft eventuell zu nahe kommt. Hochmoderne Sicherheitsanlagen sollen dies gewährleisten, schirmen die Monster von der zahlungskräftigen Außenwelt ab. Das anfänglich begeisterte Staunen der Wissenschaftler weicht schnell großem Entsetzen.

Das angekündigte harmlose Wochenendvergnügen gerät zum Horrortrip, als ein Verräter den Strom abstellt. Jenen Strom, der auch die Sicherheitszäune des Parks durchfließt und die Saurier in Schach hält. Das Fressen beginnt.

Während ein Gewitter über der Insel niedergeht, begeben sich ein Tyrannosaurus Rex und verschiedene hungrige Velociraptoren auf die Jagd. Im Futternapf: ein schmieriger Versicherungsanwalt, ein Wissenschaftler, ein Mathematiker, eine Botanikerin, ein Großwildjäger, zwei Kinder und jede Menge pflanzenfressende Großreptilien …

Was zu sagen wäre

Als die Gefahr darußen in der stürmischen Nacht schon groß ist, schneidet Steven Spielberg plötzlich auf ein halb gefülltes Wasserglas, close, auf dem Armaturenbrett. Dann beginnt sich die Wasseroberfläche im Glas zu kräuseln. Man hört dumpfe Schläge, könnten Schritte sein, keine Musik. Und wir im Kinosessel wissen: Gleich beginnt die Kacke zu dampfen! Das ist Kinokunst. Spielberg macht hier mit einfachsten Mitteln, wie Spannungskino funktioniert. Und in der Folge dieser Szene setzt er noch einen und noch einen drauf, darüber wird noch zu rwden sein.

Dass Spielberg Nägelbeiß-Thriller kann, hat er ja schon 1975 bewiesen, als er mit Jaws seinen ersten Meilenstein im Kino setzte. „Jurassic Park“ nun, nach einem Roman von Bestseller-Autor – und Thriller-Regisseur – Michael Crichton (Coma – 1977; Westworld – 1973), wirkt so, als wolle er beweisen, dass er die Klaviatur des temporeichen Nägelbeißers immer noch beherrscht. Nach einer länglichen Einführung, in der alle Figuren vorgestellt, begründet und charakterisiert werden, und in der das Klonen erklärt werden muss – dies mit einem sehr hübschen Zeichentrickfilm in Hammonds Privatkino – gibt der Film Gas und tritt bis zum Abspann nur noch auf die Bremse, um wohlige Szenen mit Kindern und Pflanzenfressern zu zeigen (diese Szene gibt es auch im Buch und wirkt schon da wie für Spoielberg geschrieben), ansonsten bebt durchgängig die Leinwand – ja, Spielberg kann es noch. Er wollte nur eigentlich gar nicht.

Dinosaurier für den Juden-Retter

Mit „Jurassic Park“ rückt er die Rangordnung in Hollywood wieder gerade. Seit Die Farbe Lila (1986) war sein einziger Box-Office-Hit die zweite Fortsetzung eines sicheren Hits (Indiana Jones und der Letzte Kreuzzug). Spielberg hatte mit Das Reich der Sonne (1987) seinen Ruf als ernstzunehmender Geschichtenerzähler, mit Always (1989) seinen Ruf als hoffnungslos kitschiger Romantiker und mit Hook (1991) seinen Ruf als phantasievoller Kindskopf gefestigt – seine Zeit als König des Box Office und damit Chef im Hollywood-Ring schien indes zu Ende zu gehen. Das hat ihn motiviert.

Der wahre Grund für „Jurassic Park“ war indes „ein kleiner Schwarz-Weiß-Film“, den er unbedingt machen wollte und den ihm die Universal-Studios nur finanzieren wollten (kleine Schwarz-Filme haben an der 90er-Jahre-Kinokasse wenig Aussichten auf Erfolg), wenn Spielberg ihnen dafür einen sicheren Hit lieferte – ein Film über ausgebrochene Dinosaurier unter seiner Regie ist so ein sicherer Hit.

Der verspätete Oscar

Und während er also noch „Jurassic Park“ schnitt, drehte er schon den „kleinen Schwarz-Weiß-Film” über einen deutschen Unternehmer und Lebemann, der im Nazi-Regime über 1.100 Juden vor der Gaskammer bewahrt. Jener kleine Schwarz-Film, Schindlers Liste, bekam bei der 66. Oscar-Verleihung sieben von zwölf nominierten Oscars. Und wurde ein weltweiter Box-Office-Hit.

Spielbergs Timing ist smart: Das macht der die zentrale Szene des Films rund um den ersten Angriff des Tyrannosaurus Rex deutlich. Erst fällt er über die Kinder im Jeep her, kommt nicht an sie ran, weil sich unter glatten Glasdecke verschanzen, dann winkt der Paläontologe Alan Grant mit der Fackel, lenkt die Aufmerksamkeit des Sauriers auf sich, schmeißt die Fackel weg, der Dino ist verwirrt, rennt gegen eine Hütte, entdeckt den Anwalt, der sich auf dem Klo versteckt, den er von dort frisst, dann wittert er Grant und das Mädchen hinter dem Auto, sieht sie aber nicht, weil beide sich, „Don't move!“ nicht bewegen. Dann schubst der Dinosaurier das Auto samt Kindern und Alan Grant – der mit Kindern gar nichts anfangen kann – über die Klippe; Auto, Paläontologe und Kinder landen in einem Baum und während die Menschen versuchen, möglichst rasch aus dem Baum herauszukommen, bevor der T-Rex sie sieht, gerät plötzlich das Auto ins Rutschen, das über ihnen im Baum hängt – bevor der Saurier gefährlich wird, wird ein simples Auto gefährlich.

Dazwischen schneidet Spielberg in die Schaltzentrale, wo Muldoon und Ellie den Benziner nehmen, um die Kinder zu finden, dann folgt Samuel L. Jacksons Erkenntnis, dass ohne den verräterischen Nedry der Park nicht wieder online zu bringen ist und dann Schnitt auf Nedry, der auf den Dilophosaurus trifft – jenen Saurier, den die kleine Reisegruppe zu Beginn ihres Trips durch den Park nicht zu Gesicht bekommt, und man im Kinosessel noch denkt, dass wir nun auch nicht jeden Dino-Nebendarsteller selbst sehen müssen, von dem es zudem heißt, er spritze seinem Opfer lediglich eine giftige Säure ins Gesicht, statt es mit großen Zähnen zu zerfleischen. Tatsächlich aber baut Spielberg da elegant die nächste Bedrohung auf, die Nedry sehr schmerzhaft später am Tag am eigenen Körper  erleben wird. In einer anderen Szene müssen Grant und die Kinder über einen Zaun klettern, um sich vor den jagenden Sauriern in Sicherheit zu bringen. Der Zaun ist naturgemäß sehr hoch und während sie klettern, fahren die Menschen in der Schaltzentrale die Systeme des Parks wieder hoch – und setzen damit den Zaun unter Strom, während die drei daran hängen. Das sind Momente eines perfekt inszenierten Spannungskinos. Das ist ein sehr gekonnter Thriller-Ride, der mir nebenbei eine Geschichte über die Hybris den Menschen erzählt.

Über die Hybris des Mannes.

Beim zweiten Hingucken hat Spielberg einen feministischen Thriller gedreht, in der Laura Dern zunächst als eine Art intellektueller Lara Croft von Dinosaur-Island auftritt. Sie und Dr. Hammond sitzen abends allein zu Tisch. „Ich sollte eigentlich gehen.“, sagt Hammond und Ellie fragt „Warum?“ „Nun … ich bin ein … und Sie sind eine … äh… “ „Wir können nachher noch über Sexismus in Überlebenssituationen reden.“ Aber die schönste Erkenntnis hat sie angesichts fleischfressender Saurier, als Chaosforscher Ian Malcom formuliert: „Gott erschuf die Dinosaurier. Gott vernichteter die Dinosaurier. Gott erschuf Adam. Adam vernichtet Gott. Adam erschafft Dinosaurier.” Und Ellie ergänzt: „Dinosaurier frisst Adam. Eva besitzt die Erde.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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