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Plakatmotiv: Downton Abbey (2019)

Ein Märchen aus Little Britain
dargereicht als Opium fürs Volk

Titel Downton Abbey
(Downton Abbey)
Drehbuch Julian Fellowes
Regie Michael Engler, UK, USA 2019
Darsteller

Hugh Bonneville, Michelle Dockery, Laura Carmichael, Allen Leech, Elizabeth McGovern, Maggie Smith, Penelope Wilton, Imelda Staunton, Tuppence Middleton, Matthew Goode, Harry Hadden-Paton, Douglas Reith, Stephen Campbell Mooren, Jim Carter, Raquel Cassidy, Brendan Coyle, Kevin Doyle, Michael C. Fox, Joanne Froggatt, Robert James-Collier, Phyllis Logan, Sophie McShera, Lesley Nicol, Geraldine James, Simon Jones, Kate Phillips, Mark Addy, Max Brown, Richenda Carey, David Haig, Andrew Havill, Susan Lynch, Philippe Spall u.a.

Genre Drama
Filmlänge 122 Minuten
Deutschlandstart
19. September 2019
Inhalt

England 1927: Robert Crawley, der Earl of Grantham, erhält einen Brief aus dem Buckingham Palace mit der Ankündigung, dass König Georg und Queen Mary im Rahmen einer königlichen Reise durch das Land nach Downton Abbey kommen werden. Als Violet Crawley, Gräfinwitwe von Grantham, diese Nachricht hört, ist sie beunruhigt darüber, dass auch die Hofdame von Queen Mary, Lady Maud Bagshaw, Roberts entfernte Cousine, mit der sich die Familie wegen einer Erbschaftsfrage zerstritten hat, nach Downton kommen wird.

Als die königlichen Bediensteten ankommen, sind die Dienstboten des Hauses über deren Arroganz empört. Lady Mary, Robert Crawley Tochter und Erbin von Downton, glaubt, dass Thomas Barrow, der Butler von Downton Abbey, dem königlichen Anlass nicht gerecht werden wird. Sie bittet daher Mr. Carson, Downtons pensionierten Butler, seine früheren Pflichten vorübergehend wieder aufzunehmen.

Tom, der irisch-stämmige, verwitwete Schwiegersohn Robert Crawleys, hat in der Zwischenzeit Lady Bagshaws Dienstmädchen Lucy Smith getroffen, zu der er sich sofort hingezogen fühlt.

Der Haushalt wird vollständig von den königlichen Besuchern und deren Gefolge übernommen. Anna und John Bates wollen den Haushalt zurückerobern und Downtons Ehre wiederherstellen …

Was zu sagen wäre

Es mutet grotesk an, in einer Zeit, in der die Schere zwischen Arm und Reich den Inneren Frieden bedrohende Ausmaße angenommen hat, in der Paketboten von der untersten Sprosse der Einkommensleiter von "Juicern" verdrängt werden – das sind Leute, die nachts für einen Hungerlohn die in der ganzen Stadt verstreuten E-Scooter einsammeln und daheim wieder aufladen – während gleichzeitig findige Banker und Anwälte den Staat mit Cum-Ex-Deals um Milliarden von Euro betrügen, im Kino eine friedliche Welt zwischen edlen Lords und stolz untertänigen 24/7-Dienern aus dem Jahr 1927 aufzuführen – einem Jahr also, als das britische Empire und der dazugehörige Lebensstil in den letzten Zügen lag. Letzteres immerhin deutet der Film kurz an, wenn er Lady Mary über die Größe des Hauses, die schwierige Suche nach geeignetem Personal und die Kosten für die Instandsetzung des Daches stöhnen lässt. In den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lief den Lords das Personal davon – lieber wollte es in den Fabriken schuften, als sich für Hungerlöhne im Haushalt ausbeuten zu lassen. In den Fabriken immerhin gab es einen Feierabend.

Als Ende der 20er Jahre die ersten jüdischen Frauen nach England flüchteten, bekamen zig tausende von ihnen die Genehmigung zur Einreise nur unter der Auflage, sich für mehrere Jahre zu verpflichten, als Dienstmädchen in einem Haushalt zu leben. Kurz: Die Haus-am-Eaton-Place-Seligkeit, die "Downton Abbey“ schon in den sechs Staffeln der TV-Serie verströmt hat, war schon immer nur gut erfunden; mehr Märchen als Zustandsbeschreibung. Die TV-Serie hatte aber wenigstens Charme und Witz und kluge Wendungen. Da konnte der gerne auch mal intelligente Zuschauer zwischen den Zeilen lesen und dort die wahren Zustände mitdenken.

Im Kinofilm nun ist das alles weg. Dafür entfalten die Bilder auf der Leinwand mehr Pracht. Der Landsitz protzt mit Weite und Größe, mit englischem Rasen. Kristallgläsern und Silber. Und Zofe Anna belehrt die ob der teuer zu erhaltenden Pracht zweifelnden Lady Mary, dass das alles schon seine Ordnung habe, „Downton Abbey ist das Herz dieser Gemeinde“, ohne die Herrschaften seien doch die Pächter in Downton Village verloren – schön, dass es noch Dienende gibt, die wissen, wo ihr Platz ist. In schweren Zeiten alternativloser Globalisierung nennt man so einen Film Opium fürs Volk.

Der Film zur Serie erinnert an einen der prunkvollen Bälle, die die Serie durchziehen: glänzende Oberfläche, darunter erstarrte Konvention. Um dem ganzen etwas Drive zu geben, hat sich Serienerfinder Julian Fellowes diverse Prunkbauscharmützel einfallen lassen. Intrigen, Spannungsbögelchen, die sich nach dem Schema der üblichen Seriendramaturgie auflösen – in Lächeln, Vergebung und huldvollem Handkuss. Julian Fellowes sitzt mittlerweile als Lord Fellowes of West Stafford im britischen Oberhaus und hat wohl nicht so viel Zeit fürs Schreiben erübrigen können. Es gibt eine Eifersüchtelei zwischen zwei Verlobten in der Küche, eine zurückhaltende wie rätselhafte Zofe, eine kleine Drift in ein homosexuelles Drama, eine dreimonatige Reise nach Afrika mit dem Prince of Wales, die einer Schwangerschaft im Weg steht, eine diebische Elster, ein Ballkleidproblem und ein Diener, der unerlaubt vor versammelter Festmannschaft den König anspricht.

Das fließt alles so über die Leinwand, ohne mich im Kinosessel über Gebühr zu belästigen. Die Rahmenhandlung, in der das Königspaar zu Besuch kommt, ist nicht mehr als eben dies: ein Rahmen. Die eleganten Kostüme und verschwenderischen Blumen- und Geschirr-Arrangements können über die Dürftigkeit des Erzählten nicht hinweg täuschen. Ein Kinofilm braucht mehr, als überdimensionierte Hüte und Problemchen kleiner und nicht so kleiner Leben in großem Hause. Hinzu kommt: Wer mit den Figuren der Serie nicht vertraut ist, kommt in der ersten halben Stunde, in der die wissenden Zuschauer Glückstränenreiches Wiedersehen mit ihren Lieblingen feiern sollen, nicht mit. Zwar hat das Wissen um die Verwandtschaftsverhältnisse der Protagonisten nicht Top-Priorität, aber automatisch frage ich, der nur Staffel 1 und 2 kennt, mich dauernd, wer da nochmal mit wem wie verwandt ist, was ja zumindest in der kleinen Erbaschaftsintrige, die die wie immer wunderbar boshaft zischelnde Maggie Smith aufführt, von gewisser Bedeutung ist.

Natürlich kann man die große Leinwand als guten Grund für den Kinobesuch anbieten. Aber ich fürchte, ihren mäßigen Charme entfacht auch diese Downton-Abbey-Episode erst auf dem kleineren heimischen Bildschirm – bei Tee und etwas Gebäck im Kreise der BFfs.

Wertung: 3 von 8 €uro
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