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Plakatmotiv: Jurassic World – Das gefallene Königreich (2018)
Dinosaurier-Filme
The Greatest Hits
Titel Jurassic World – Das gefallene Königreich
(Jurassic World: Fallen Kingdom)
Drehbuch Colin Trevorrow + Derek Connolly
mit Charakteren von Michael Crichton
Regie J.A. Bayona, USA, Spanien 2018
Darsteller

Bryce Dallas Howard, Chris Pratt, Ted Levine, Jeff Goldblum, Toby Jones, James Cromwell, BD Wong, Rafe Spall, Daniella Pineda, Justice Smith, Geraldine Chaplin, Kamil Lemieszewski, Daniel Stisen, Peter Jason, Michael Papajohn u.a.

Genre Abenteuer, Action
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
6. Juni 2018
Website jurassicworld.de
Inhalt

Drei Jahre sind seit den Ereignissen in Jurassic World vergangen, Jahre, in denen die Dinosaurier ungestört auf der Isla Nublar leben konnten. Als der Vulkan der Isla Nublar aktiv wird, muss sich die Menschheit die Frage stellen, ob sie die Tiere retten oder sterben lassen will.

Claire Dearing, die frühere Parkmanagerin, hat in der Zwischenzeit die Dinosaur Protection Group (DPG) gegründet, eine Organisation, die hilft die Dinosaurier zu beschützen, mit dieser Organisation möchte sie das Aussterben der Dinosaurier verhindern. Dabei ist sie jedoch auf Hilfe angewiesen. Neben Benjamin Lockwood, der die Aktion finanziert, einen sicheren Ort für die Dinosaurier schaffen möchte und darüber hinaus Truppen stellt, die diese Expedition begleiten, engagiert sie Owen Grady, den ehemaligen Dinosauriertrainer, mit dem sie mal liiert war und der beim Park gearbeitet hatte, um ihr zu helfen die verbliebenen Dinosaurier von der Insel zu retten.

Owen will Blue ausfindig machen, die letzte Überlebende der vier Raptoren, die er einst trainiert und großgezogen hat. Das Vorhaben, die Tiere zu retten, misslingt. Dearing und Grady werden Opfer einer Verschwörung: Tatsächlich sollen gewissen Spezies von der Insel geholt werden, um sie an die Meistbietenden zu verkaufen – als Waffe, als Jäger, als was auch immer.

Aber auch diese Dino-Händler haben die beiden Sätze des Chaos-Forschers Dr. Ian Malcom nicht beherzigt. Erstens: „Das Leben findet einen Weg.“, und zweitens: „Uuh, Ah, so geht das immer los. Aber später wird gerannt und gebrüllt!“

Als die Geschäftsleute die Saurier in Kalifornien an Land bringen, sind die Tiere so begeistert, dauert es nicht lange, da ist bricht das erste aus seinem Käfig aus …

Was zu sagen wäre
Dieser Film ist eine – sehr unterhaltsame – Metapher auf die Blödheit des Menschen; darauf, dass er nicht in der Lage ist einmal Gelerntes zu verstehen, zu vertiefen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Seit 1993 weiß die Menschheit, dass es keine gute Idee ist, ausgestorbenen Lebewesen durch die Klontechnik zu neuem Leben zu verhelfen. Seit 1997 weiß die Menschheit, dass auch die Idee, Saurier von der Insel zu holen, um sie in San Diego zahlungskräftigem Volk zur Schau zu stellen, blöd ist. Seit 2001 spätestens weiß man, dass eine mit Dinosauriern bevölkerte Insel auch keine gute Idee für einen Abenteuertrip ist. Trotzdem wurde 2015 ein neuer Park aufgemacht. Und die Menschen darin wurden wieder zu Dinofutter. Und jetzt, drei Jahre später kommt wieder einer auf die Idee, ein paar Saurier aufs kalifornische Festland zu holen.

Das ist eine gute Idee. Also nicht so sehr für die Leute, die die Saurier betäuben, einkerken und meistbietend verhökern. Und auch nicht, wie sich am Ende andeutet, für die Menschen in Kalifornien, Nevada und die angrenzenden US-Bundesstaaten. Aber für die Zuschauer, die sich das Spektakel, das der Idee folgt, auf der Leinwand angucken.

Diese Dinosaurier drücken mich in den Sessel

Der Film macht Spaß. Mehrfach drückt er mich in den Kinosessel, weil J.A. Bayona mit den Sauriern umgehen kann, weil er versteht, das gefräßige Saurier nicht einfach aus einem Hinterhalt springen und zubeißen können – klassische Bildfolge dort: Menschen gehen durch Urwald, Bildschnitt auf sich öffnendes Dinoauge, Bildschnitt auf die Menschen, „Ich glaube, wir haben's geschafft“, Bildschnitt, Dino springt aus Hinterhalt, Kreischen, Brüllen, die Fetzen fliegen oder Dino springt aus Deckung und beißt in Großaufnahme zu oder zerrt Opfer schnell aus dem Bild  oder – in Teil III hing plötzlich ein ebgefressenes Skelett in einem Flugdrachen und sorgte für lautes Gekreische; so geht Horror im Allgemeinen in diesen Monsterfilmen. Diese Schockmoment-Art ist nicht Bayonas Art.

Bayona lässt Mensch und Tier länger miteinander, nun ja, ringen, lässt den Sauriern länger Spaß bei der Jagd und den Opfern mehr Zeit, in Todesangst zu laufen und schreien und zu wissen, dass es eh vergebens ist. Anders ausgedrückt: Bayona gibt den Dinosauriern ihren wahren Schrecken zurück, den sie im kindsheits-affinen Allerlei-Kino verloren hatten. Der Vorgänger unter der Regie von Colin Trevorrow war dramaturgisch, erzählerisch, schauspielerisch Geldverschwendung – wohlgemerkt: für den Kinozuschauer, nicht für das Studio. Die Produzenten haben damals 150 bis 200 Millionen Dollar investiert und rund 652 Millionen Dollar reingeholt, das machte eine Fortsetzung nach Hollywood-Gesetzen unausweichlich und ließ das Schlimmste befürchten; auch, weil Colin Trevorrow, der vor drei Jahren einen im Labor neu konstruierten Indominus Rex auf die Menschen losließ, federführend das Drehbuch geschrieben hat und im neuesten Kapitel nun einen im Labor konstruierten Gen-Hybriden namens Indoraptor auf die Menschen loslässt. Und der – Überraschung – ist der Hit!

Ein Unbekannter mit Lust am und Können im Horror-Genre

Manchmal bringt das Hollywood-Gesetz mit dem Zwang zur Fortsetzung des Erfolgreichen Gutes hervor: Das Jurassic-Park-Franchise ist nicht wegen seiner Regisseure beliebt, auch wenn Steven Spielberg für sein Original zu Recht gefeiert wird, sondern wegen seiner Dinosaurier. Das heißt: Man kann mit frischem Wind experimentieren, junge Regisseure sich an den Sauriern ausprobieren lassen. Sowas passiert seit einiger Zeit immer wieder in Hollywoods Multimillionen-Dollar-Produktionen; die Marvel-Superhelden haben dauernd Regisseure, die nur eingefleischte Kinogänger kennen. Auch die Ableger im Star-Wars-Universum werden gerne frischen Kräften überantwortet, auch wenn das dann mal, wie beim jüngsten Ableger, Solo, schief geht, das Regieduo wegen künstlerischer Differenzen gefeuert und Veteran Ron Howard als Feuerwehrmann geholt wird – an der Kinokasse ist Solo weit hinter seinen Erwartungen geblieben.

J.A. Bayona kommt aus Barcelona und hat sich Low Budget im Horrorgenre ausprobiert – Waisenhaushorror, Adoptionsthrill, Geisterspuk –, dann drehte er mit Naomi Watts und Ewan McGregor den Kinofilm „The Impossible“ (2012), der von der Tsunamikatastrophe 2004 handelt; da gelang es ihm, menschliche Schicksale innerhalb dieser monströsen Katastrophe dicht, anrührend und mitfiebernd zu erzählen und nicht etwa die Monsterwelle zum Mittelpunkt eines 08/15-Katastrophenthrillers zu machen. Bayona weiß also, wie Horror und Grusel menschlich funktioniert. Und jetzt haben ihm die Universal-Studios das große Geld für einen Multimillionen-Dollar-Thrill in die Hand gegeben. Im Kinosessel sieht man, wieviel Spaß es ihm gemacht hat, das Geld auszugeben.

Gnadenlos zynische Dinosaurier

Die Dinosaurier sind so gnadenlos zynisch, wie seit 1997 nicht mehr. Das Erschrecken, die Angst im Kinosessel ist den Urviechern angemessen – Dinosaurier heißt aus dem altgriechischen übersetzt Schreckliche Echse – und die Bilder auf der Leinwand sind ein Traum. Es ist selten, dass man über einen Film aus der Millionen-Dollar-Maschine Hollywoods sagen kan Geile Bild-Ideen. In der Fließbandproduktion solcher Franchise-Vehikel haben Show-Runner (die die jeweilige Serie im Gesamten überwachen) und Controller Mitsprachepflicht, sind Fan-Beauftragte zu berücksichtigen; das führt dann schon mal zu farbenfrohen Spektakeln wie dem jüngsten Avengers-Film, der total unterhaltsam ist – und drei Wochen später im Erinnerungsbrei all dieser Superheldenfilme verschwimmt. J.A. Bayona nähert sich den Riesenechsen mit Respekt.

Wenn die Saurier im Inferno eines Vulkanausbruchs sterben, lässt er uns im Kinosessel spüren, dass auch Tiere Gefühle haben. Mehrfach zitiert er raffiniert Spielbergs Rückspiegel-Einstellung („Objects in mirror are closer than they appear“), er verkantet den Bildausschnitt und schafft dadurch frische Beziehungen zwischen Mensch und Tier, er lässt T-Rex, den König der Dinosaurier, gegen einen Löwen brüllen, den König der Tiere, er arbeitet mit Dino-vor-Sonnenaufgang-Motiven schon der Fortsetzung zu: Dem „Fallen Kingdom“ wird ein Rising Kingdom folgen, er zitiert Internet-Memes, in dem er einen gigantischen Mosasaurus aus einer Brandungswelle, auf der Surfer reiten, auftauchen lässt. Er inszeniert eine berührende Kommunikation ohne Worte zwischen Owen und Blue, der gezüchteten, trainierten Velociraptor-Dame, in der Owen sie dazu bewegen will, mit ihm zu kommen; da blickt Blue sich um, sieht den vergitterten Transportwagen, in den sie gesperrt würde, schaut Owen an, dreht sich um und geht.

Und dann liefert Bayona noch, was zu einem gelungenen Franchise gehört: Neben allerlei Überraschung bietet er ein legendäres Greatest-Hits-Album der Jurassic-Park-Filme. Da rennen Menschen mit Sauriern um die Wette, da holzen Saurier durch prachtvolle Villen, greifen sich Pterodactylen schreiende Statisten, da steht ein tonnenschwerer Saurier auf einem fragilen Glasdach und versucht, nicht einzubrechen, und plötzlich steht ein Wasserglas im Bild (jenes Wasserglas, mit dem Spielberg 1993 die Bildsprache für aufziehende Bedrohung neu definierte).

Der Drache im Schlafzimmer der Prinzessin

Und dann bietet der Regisseur, der im Low-Budget-Grusel ausgebildet wurde, noch eine hinreißende, gruslige, nailbiting, herausragende Szene: Wenn wir im Kinosaal lange akzeptiert haben, dass die Dinos in diesem Film keine harmlosen Kindergeburtstagsbelustiger sind, sondern gnadenlose Fleischfresser mit Lust am Spielen mit der baldigen Nahrung, setzt Bayona noch einen drauf und lässt den frisch gezüchteten Indoraptor, einen T-Rex-Velociraptor-Hybriden, ein kleines Mädchen jagen bis in dessen Kinderzimmer, wo sich das Mädchen unter seiner Bettdecke versteckt, während das Monster sich langsam in ihr Schlafzimmer vorarbeitet, erst mit der gigantischen Klaue, dann mit dem gigantischen Kopf mit den gigantischen Zähnen mittendrin – da verbeugt sich Bayona vor Spielberg, der im zweiten Teil den T-Rex Julianne Moore im Zelt beschnuppern ließ, und zeigt dann, wie er die Sache sieht: Drache und Prinzessin – wer Low-Budget-Kino gemacht hat, weiß, wie einfach Schrecken erzeugt werden kann. Die Schlafzimmerszene ist zeitlos großes Kino.

Blöd, dass die Menschen aus Fehlern nicht lernen. Aber zumindest im Kino erleben wir dadurch ab und zu noch mal eine Überraschung.

Wertung: 7 von 8 €uro
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