Kinoplakat: Die Erfindung der Wahrheit
Ein Film für Jessica Chastain
mit clever gebautem Drehbuch
Titel Die Erfindung der Wahrheit
(Miss Sloane)
Drehbuch Jonathan Perera
Regie John Madden, Frankreich, USA 2016
Darsteller Jessica Chastain, Mark Strong, Alison Pill, Gugu Mbatha-Raw, Christine Baranski, Michael Stuhlbarg, John Lithgow, Jake Lacy, Dylan Baker, Douglas Smith, Sam Waterston, Grace Lynn Kung, Ennis Esmer, Meghann Fahy, Kyle Mac u.a.
Genre Drama
Filmlänge 132 Minuten
Deutschlandstart
6. Juli 2017
Website die-erfindung-der-wahrheit-film.de
Inhalt

In Washington, wo politische Einflussnahme hinter den Kulissen ein lukratives Geschäft ist, ist Elizabeth Sloane der Star der Branche. Die brillante, selbstsichere und skrupellose Lobbyistin der alteingesessenen Kanzlei George Dupont ist berüchtigt für ihr einzigartiges Talent, ihre Rücksichtslosigkeit und ihre zahllosen Erfolge. Um ans Ziel zu kommen, tut sie alles.

Für die mächtige Waffenlobby ist sie die Frau der Stunde, um ein neues unliebsames Waffengesetz zu verhindern. Doch Sloane verfolgt ihre eigenen Ziele und wechselt nach einem Streit mit Dupont überraschend die Seiten. Die Waffenlobby sieht sich plötzlich einer unberechenbaren Gegnerin gegenüber.

Sloane nimmt den härtesten Kampf ihrer Karriere in Angriff und beginnt zu ahnen, dass der Preis für den Erfolg etwas zu hoch sein könnte …

Was zu sagen wäre
Washington. Waffenkontrolle. Halbseidene Lobbyisten. Korrupte Politiker. Karrieren. Von Glas ummäntelte Konferenzräume und gesichtslose Büros, mit Teak getäfelt die der grau melierten Bosse. Es ist jetzt nicht so, dass man solches Setting nicht schon kennt aus Filmen und TV-Serien. Auch hier werden Senatoren geködert, Verbände gelockt, Pro-und-Contra-Waffengesetz-Abgeordnete gesammelt – „Wir haben Michigan im Sack!“ ”Super, dann fehlen uns noch sieben Stimmen. Was macht Ohio?“ – Strippenzieher der Macht spielen sich als die wahrhaft Mächtigen aus. Würde man ein Genre dazu erfinden – Washington Politics beispielsweise – die Mitgliederliste wäre lang.

John Madden (Best Exotic Marigold Hotel – 2011; Corellis Mandoline – 2001; Shakespeare in Love – 1998; „Ihre Majestät Mrs. Brown“ – 1987) wird das Set-Design mit Bedacht gesetzt haben. Auch, weil das zu seinen Aufgaben als Regisseur gehört. Vielleicht sogar, weil es in den Washingtoner Büros der Richelieus eben so aussieht. Aber auf jeden Fall, weil das Design der Büros nicht von der nicht eben leicht zu verfolgenden Story ablenkt. Es wird viel geredet, durcheinander geredet, es fallen Namen, Gesetzestexte, wer da in den ersten zwanzig Minuten den Faden nicht verlieren will, darf nicht im Popcornbecher rascheln – was ist wichtig, welcher Name von Bedeutung? Das zu trennen, gelingt dem Zuschauer nicht, er wird ins kalte Wasser geworfen in diesem Washington-Thriller, von denen er doch so viele gesehen hat.

Ein Film für Jessica Chastain

Es ist der Film für Jessica Chastain (The Huntsman & the Ice Queen – 2016; Der Marsianer – 2015; Interstellar – 2014; Das Verschwinden der Eleanor Rigby – 2014; Zero Dark Thirty – 2012; The Help – 2011), rote, penibel frisierte Haare, rote Lippen, bleiche Haut. Ihre Elizabeth Sloane wirkt so zombiehaft wie die Machenschaften, in denen sie zuhause ist. Wir erfahren wenig über sie, außer dass sie Die Beste ist. Ihr einziges Privatleben ist ihr Arzt, der sie am Telefon ständig ermahnt, mehr zu schlafen, was sie dann zur Kenntnis nimmt, eine Pille einwirft und zum nächsten Empfang geht, um zu socializen, Kontakte zu pflegen. In solchen Szenen, in denen sie zwischen Lächeln, charmieren, grüßen und Pillen-einwerfen-im-Waschraum wechselt, findet John Madden einen zauberhaften Rythmus, mit dem das Lobbying wie ein eleganter Tanz wirkt.

Chastain bringt eine große Dynamik in diese Welt der geflüsterten Erpressungen und versteckten Finten. Ihr Spiel müsste ihr eigentlich ihre dritte Oscar-Nominierung einbringen. Sympathisch ist diese Miss Sloane, die jeden, der ihrem Plan nutzt, über die Klinge springen lässt, lange nicht, aber sie übt einen eigentümlichen Magnetismus auf den Zuschauer aus – gute Schauspielerinnen können so etwas – wir wollen ihr glauben, wollen sie, die Titelheldin, mögen. Auf Chastains Schultern lagert also eine große Verantwortung. Sie trägt sie so souverän, wie Atlas die Erdkugel.
Eine Oscar-Nominierung als supporting actor hätte John Lithgow („The Accountant“ – 2016; Interstellar – 2014; Immer Ärger mit 40 – 2012; Happy New Year – 2011; Planet der Affen: Prevolution – 2011; „Mein Bruder Kain“ – 1992; „Ricochet – Der Aufprall“ – 1991; „Bigfoot und die Hendersons“ – 1987; „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ – 1984; Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension – 1984; „Footloose“ – 1984; „Zeit der Zärtlichkeit“ – 1983; Unheimliche Schattenlichter – 1983; Schwarzer Engel – 1976) verdient, der das Senatshearing gegen Sloane leitet. Er hat nicht viele Szenen, steckt aber so in seiner Rolle, dass die Regie immer wieder gerne auf ihn schneidet – Lithgows Minenspiel ist wunderbar.

Die Reflexe der Waffenlobby – Der Film Amoklauf

Die smarte Lobbyistin wird dann von idealistischen Gegnern lockerer Waffengesetze engagiert und as ist für sie so etwas wie eine fish-out-of-water-Situation, Idealisten hatte sie bisher höchstens bekämpft, für Spinner gehalten und während sie nun erleben muss, dass diese Spinner mit Engagement, Herzblut – und vor allem ehrlich – für ihr Anliegen kämpfen, erleben wir, wie die Kaltherzige in dieser für toxischen Atmosphäre langsam zerbricht. Und da wird der Film interessant, der damit beginnt, dass die Lobbyistin vor einem Senatsausschuss Rede und Antwort stehen muss und offenbar keine guten Karten hat. Es ist … Hollywood. Es ist also schon klar, dass die kalte Lobbyistin nicht, nur weil sie von Menschlichkeit in dieser unmenschlichen Welt vergiftet wurde, als Verliererin vom Platz geht. Das wäre dann ein italienischer Film aus den 1970er Jahren. Das geschickt gebaute Drehbuch findet eine lakonische, sehr zeitgemäße Lösung.

Als der Film im Sommer 2017 in die deutschen Kinos kommt, da ist dessen Herkunftsland ein Ort, an dem mehr Menschen durch Schusswaffen sterben als durch Terror, in dem aber Diskussionen über ein verschärftes Waffengesetz immer wieder versanden. Als der Film im Spätherbst 2017 in die Blu-ray-Regale und in die Downloadportale kommt, da zählt dessen Herkunftsland fast 100 Tote mehr, die binnen eines Monats durch Schusswaffen umgekommen sind: In Las Vegas hatte ein Mann mit einem automatischen Gewehr 56 Menschen erschossen. Eine allfällige Diskussion um eine Verschärfuzng der Waffengesetze? Versandete binnen zehn Tagen, dann erschoss ein Mann im texanischen Sutherland in einer Kirche mehr als 20 Menschen, wenig später einer in Manhattan nochmal mehr als zwanzig Menschen auf offener Straße. Eine Diskussion um schärfere Waffengesetze? Versandete. Jetzt, mit dem Blu-ray-Release ist „Die Erfindung der Wahrheit“ erschreckend aktuell. Er zeigt, warum allfällige Waffendebatten versanden – und wir sehen die Schießerei in der texanischen Kirche plötzlich aus anderer Perspektive, erinnert sie doch an eine Schießerei im Film.

In den USA startete der Film schon im Dezember 2016. An der Kinokasse war er nicht sonderlich erfolgreich. 13 Millionen US-Dollar hat der Film gekostet, in den USA kamen 3,5 Millionen in die Kassen, international nochmal 5,6 Millionen.

Wertung: 6 von 8 €uro