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Plakatmotiv: Die Nacht des Leguan (1964)
Große Schauspieler in einem
mitreißenden Bühnenstück
Titel Die Nacht des Leguan
(The Night of the Iguana)
Drehbuch Anthony Veiller + John Huston
nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Tennessee Williams
Regie John Huston, USA 1964
Darsteller Richard Burton, Ava Gardner, Deborah Kerr, Sue Lyon, Skip Ward, Grayson Hall, Cyril Delevanti, Mary Boylan u.a.
Genre Drama
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
10. September 1964
Inhalt

Ex-Priester Laurence Shannon begleitet als Reiseführer eine Gruppe amerikanischer Lehrerinnen durch Mexiko und erwehrt sich der Avancen von Teenager Charlotte. Dann überrascht die gestrenge Leiterin der Lehrerinnen-Gruppe, Judith Fellowes, die beiden zusammen in Shannons Hotelzimmer. Sie will dafür sorgen, dass Shannon seine Stellung verliert, und erstattet umgehend Meldung an die Direktion des Reiseveranstalters.

Ein komfortables Hotel mit Klimaanlage erwartet die Gruppe nach einer anstrengenden Fahrt durch Hitze und Staub. Dorthin soll auch das Antworttelegramm der Direktion kommen. Doch Shannon will der Sache aus dem Weg gehen und fährt an dem Hotel vorbei – unter wütenden Protesten der Fahrgäste. Sein Ziel ist eine abgelegene kleine Absteige. Er kennt die Besitzerin, Maxine ist die Frau eines kurz zuvor verstorbenen Freundes.

Er schildert ihr seine Situation, sie will ihm helfen. Sie hindert Miss Fellowes daran, erneut Kontakt mit dem Reiseveranstalter aufzunehmen. Die Lehrerinnen richten sich gezwungenermaßen in Maxines Hotel ein. Auch zwei seltsame Reisende treffen ein, Hannah Jelkes und ihr Großvater. Sie haben kein Geld, leben von der Hand in den Mund – oder besser gesagt: von der Mildtätigkeit ihrer Mitmenschen.

Hannah malt und versucht, die Bilder zu verkaufen, der Großvater (mit seinen 98 Jahren angeblich der älteste lebende, noch aktive Dichter weltweit) trägt von ihm selbst verfasste Poesie vor und ist auf der Suche nach einem krönenden Abschluss für sein letztes Werk – welchen er schließlich auch findet: unmittelbar im Anschluss an seine ergreifende Rezitation ereilt ihn ein Herzinfarkt …

Was zu sagen wäre

Die Verfilmung des Dramas von Tennessee Williams ist wie gemacht für Richard Burton (Cleopatra – 1963; „Der längste Tag“ – 1962; „Das Gewand“ – 1953). Der robuste Darsteller geht ganz auf in der Rolle des saufenden Ex-Geistlichen, der mit seiner Kirche hadert, im steten Hader mit seiner Libido lebt und zeternd den Kampf mit den Mächten aufnimmt, die sich wie er glaubt, gegen ihn verschworen haben. Wenn im letzten Akt den (titelgebenden) Leguan frei lässt, der bis dahin an einer Schnur gefesselt ist, erfüllt sich endlich sein Schicksal. Der Leguan, der aussieht wie ein klein geratener Dinosaurier, Sinnbild des Drachens, den die Menschheit überlebt hat als vermeintlche Krone der Schöpfung, wird Nutznießer eins Gnadenaktes, den ihm der Mensch, der sich in seiner Hybris als Gott begreift, gewährt.

Tennessee Williams Stück kreist um die Fesseln, die Menschen sich und ihrer Umwelt anlegen, weil sie erst dadurch beherrschabr scheinen, und zu spät begreifen, dass diese fesseln ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Shannon, der dem Alkohol zugefallene kirchliche Wüterich, Spross eines stolzen Geschlechts hochrangiger kirchlicher Würdenträger sucht sein Heil im Glauben und findet ihn zwischenzeitlich im Sex, der ihm, wie es scheint, als Prüfung auferlegt wurde – damals, was in seiner Erzählung zu jenen Verwerfungen führte, deretwegen ihn die Kirche suspendierte; heute, wenn die junge, übergriffige Charlotte meint, jeden Mann in ihrer Umgebung mit ihrem Blondhaar, dem schönen Körper und Daddys Möglichkeiten bedrängen zu dürfen. Sue Lyon spielt diese verfüherische Lolita als Fortsetzung jener Lolita, als die Stanley Kubrick sie im vergangenen Jahr besetzt hatte. Erst als Shannon sie – viel zu spät, aber nicht rechtzeitig für sein Leben – aus seinem Zimmer wirft, erst als er seinen Job verliert, kann er sich auf das Wesentliche besinnen, was ihm Hannah Jelkes zuträgt, jene weißhäutige Unschuld, die britische Jungfrau, die ihm klar macht, dass es im Leben nicht um Erweartungen anderer ginge sondern darum, seine Dämonen im Zaum zu halten; dabei sei es egal ob man das mit Atemübungen, Yoga oder Alkohol mache, am einfachsten sei es, wenn man einen anderen Menschen finde, der passt. Und sie meint da nicht etwa sich selbst.

Deborah Kerr spielt diesen seltsamen Engel (El Cid – 1961; „Die große Liebe meines Lebens“ – 1957; „Der König und ich“ – 1956; „Verdammt in alle Ewigkeit“ – 1956; „Julius Caesar“ – 1953; Quo Vadis – 1951), der gleichzeitig freche Selbstverständlichkeit und weiße Unschuld ausstrahlt als überirdische Sanftmut, als „dürren Buddah“, wie Shannon sie einmal anschnautzt. Kerr bietet dem berserkerhaften Burton Paroli, tobt er, wird sie ruhig, wird er unsicher, wird sie energisch – irgendeine Form von Erotik sucht man vergebens; sie ist in dieser Figur nicht vorgesehen. Dafür gibt es Ava Gardner (”55 Tage in Peking“ – 1962: Die barfüßige Gräfin – 1954; Mogambo – 1953; „Schnee am Kilimandscharo“ –1952), die heißblütige Hotelbesitzerin mit lautem Mundwerk, die zum dunklen Haar dunklen Lidstrich und dunkle Kleider trägt – die Antithese zu Deborah Kerr. Gardner spielt die Frau knapp jenseits ihrer besten Jahre, die zynisch auf die Weltläufte blickt, leidenschaftlich und fordernd.

Es sind die Frauen, die das Leben am Laufen halten. Die Männer in diesem Film – und das will in einem Werk von Kerle-Regisseur John Huston was heißen – sind am Leben gescheitert, tumbe blonde Busfahrer oder stumme, mexikanische Strandjungs, die ihre modellierten Körper zu Markte tragen. Der einzige, der konsequent seine Lebensaufgabe verfolgt, ist der alte Poet, der sich ohne Hilfe der anderen nichth mehr fortbewegen kann. Die Frauen dagegen: Zu Lyon, Kerr und Gardner gesellt sich Grayson Hall als strenge, erbarmungslose Lehrerin Judith Fellowes, die den trinkenden Shannon fast in den Abgrund stürzt. Halls Darstellung lässt keinen Millimeter Sympathie des Zuschauers zu.

John Hustons große Leistung an diesem Film ist es, dass er seine Schauspieler gewähren lässt. Die Vorlage hat sich erfolgreiches Bühnenstück etabliert, da braucht der Erfolgsregisseur nicht mehr viel dramatisieren („Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ – 1961; Denen man nicht vergibt – 1960; Moby Dick – 1956; „Schach dem Teufel“ – 1953; African Queen – 1951; „Asphalt-Dschungel“ – 1950; Gangster in Key Largo – 1948; Der Schatz der Sierra Madre – 1948; Abenteuer in Panama – 1942; Die Spur des Falken – 1941); schwerer wird gewesen sein, seine Vollblutschauspieler, die ebensolche Charaktere sind, im Zaum und auf Linie zu halten.

Wertung: 4 von 7 D-Mark
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