Plakatmotiv: Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962)
Die Geburtswehen einer Nation
erzählt in einem großen Western
Titel Der Mann, der Liberty Valance erschoss
(The Man Who Shot Liberty Valance)
Drehbuch James Warner Bellah + Willis Goldbeck
nach der gleichnamigen Erzählung von Dorothy M. Johnson
Regie John Ford, USA 1962
Darsteller John Wayne, James Stewart, Vera Miles, Lee Marvin, Edmond O'Brien, Andy Devine, Ken Murray, John Carradine, Jeanette Nolan, John Qualen, Willis Bouchey, Carleton Young, Woody Strode, Denver Pyle, Strother Martin u.a.
Genre Western
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
21. September 1962
Inhalt

Senator Stoddard, der seine Karriere vor Jahrzehnten in der Kleinstadt Shinbone begann, kehrt mit seiner Frau zur Beerdigung eines alten Freundes zurück – Tom Doniphon. Im Ort gibt es nur wenige Menschen, die den alten Rancher noch kannten, da er sich die letzten Jahre immer mehr auf seine Ranch zurückgezogen hatte. Den neugierig gewordenen Journalisten des Shinbone Star erzählt er die Geschichte ihrer Freundschaft. Stoddard, der junge idealistische Anwalt, war hier schnell in Konflikt mit dem gefürchteten Banditen Liberty Valance geraten, der das Städtchen und seine Umgebung terrorisierte. Valance hatte nur vor dem raubeinigen Cowboy Doniphon Respekt.

Stoddards Versuche, Valance mit rechtsstaatlichen Mitteln zu stoppen, scheiterten. Als Stoddard sich gegen die Landbesitzer engagierte, die Valance bezahlten, kam es zum Showdown, an dessen Ende Stoddard als „Mann, der Liberty Valance erschoss“, gefeiert wurde. Tatsächlich fiel Valance aber nicht in einem fairen Zweikampf mit dem miserablen Schützen Stoddard. Er wurde vielmehr von Doniphon aus dem Hinterhalt erschossen, um Stoddards Leben zu retten, was aber niemand bemerkte. Der so entstandene Mythos ermöglichte Stoddard den politischen Aufstieg in höchste Ämter. Stoddard verdankt Doniphon nicht nur Leben und Karriere, er bekam auch die Frau, die dieser geliebt hatte.

Plakatmotiv: Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962)

Was zu sagen wäre

Wenn plötzlich die Kaktusrose zur nachbarschaftlichen Lieblingspflanze im Haushalt avancieren sollte, so ist das diesem Film geschuldet; diesem Film, der hochpolitisch ist und zu den schönsten Western zählt, die John Ford inszeniert hat (Der schwarze Falke – 1956; „Rio Grande“ – 1950; Der Teufelshauptmann – 1949; Der junge Mr. Lincoln – 1939) – ja zu den schönsten Western überhaupt zählt. Zu den zentralen Elementen der Erzählungen, die die großen Western-Filme leisten, gehört der Streit zwischen Gewalt und Gesetz, aber selten wurden das durch den Colt erzwungene Recht und das durch gesellschaftlicher Ächtung durchgesetzte Gesetz so in den Mittelpunkt einer Filmerzählung gerückt, wie unter John Fords Regie – und geradezu innovativ ist Fords Ansatz, die in der US-Hybris tief verwurzelte Legendenverklärung der eigenen Geschichte zu thematisieren.

Plakatmotiv: Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962)Ford feiert die Werdung des Rechtsstaates, feiert das gewaltfreie Miteinander – und wenn für die bessere Gesellschaft mal ein übler Schurke aus dem Hinterhalt erschossen werden muss, sei's drum: Es hilft dem Mythos von God's own Country und der Legendenbildung. Das alles kulminiert – nach großartigen, melancholischen, romantischen, menschlichen, actionreichen zwei Stunden – im Schlusssatz des Chefredakteurs des Shinbone Star: “When the legend becomes fact, print the legend!” (Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende!) Einerseits schreit da der der Wahrheit verpflichtete Journalist im Kinosessel auf, windet sich der Nachrichtenredakteur neben ihm in Schmerzen. Andererseits hat dieser Senator Ransom Stoddard – dessen Vorname zu deutsch „Lösegeld“ heißt – eine beeindruckende Karriere auf dem Missverständnis, er habe den Killer Valance getötet, aufgebaut und dadurch viel Gutes für die USA bewirkt; die Einzelheiten werden nicht aufgedröselt, es heißt bündig, seine Karriere umfasse Posten als Senator, Gouverneur, Botschafter und wieder als Senator – dieser Stoddard muss also ein ganz Ordentlicher gewesen sein und James Stewart mit seiner Ehrlichkeit unter dem breitkrempigen weißen Hut lässt da auch keinen Zweifel dran. John Ford portraitiert die Vereinigten Staaten von Amerika an der Schwelle vom Land der Revolvertypen zum Staat des Gesetzes.

Schon die Exposition ist zum Heulen schön. Stoddard und seine Frau – die wunderbare Vera Miles als Kellnerin Hally (Psycho – 1960; Der falsche Mann – 1956; Der schwarze Falke – 1956) – kommen nach Shinbone und ganz unterschiedliche Figuren der örtlichen Gesellschaft begrüßen sie herzlich bis tränenerstickt – ein ehemaliger Sheriff, (Andy Devine, der leidenschaftliche Kutscher aus Fords Stagecoach – 1939) der örtliche Reporter, ein afroamerikanischer Gelegenheitsarbeiter – und, wichtiger noch, Ransom stoddard begrüßt diese menschen ebenso herzlich und willkommen. Das avisiert eine große Geschichte und John Ford bleibt sie uns nicht schuldig und füllt sie mit lauter großen Miniaturen: Bildung! Wenn Hally sagt, dass sie weder lesen noch schreiben kann, sind wir in unserem bezahlten Kinosessel genauso überrascht wie der unter den örtlichen Gegebenheiten verzweifelnde Stoddard, nur um uns dann mit den Realitäten konfrontieren zu lassen: „Sie können lesen und schreiben. Und was nützt es Ihnen. Sehen Sie sich doch an: Sie sind Tellerwäscher mit Schürze!“ James Stewart gerät hier an unser Statt in eine Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, die brutalen Männer.

Dieser Tom Doniphon – „Liberty Valance ist der gefährlichste Mann südlich des Picketwire Flusses. Nach mir!“ –, den sicher nicht zufällig John Wayne spielt, hält sich die Kellnerin Hally mit tumben Sprüchen gerade so auf Abstand, dass er beizeiten, wenn das pflegebedürftige Alter in Kopf und Hüfte lauter rumort als der die Freiheit liebende Colt an der Hüfte, noch zugreifen kann, weil in der Zwischenzeit alle wussten, Hally trägt das Besetztzeichen des schnellen Scharfschützen Tom Doniphon: „Hally, Sie sehen bezaubernd aus, wenn Sie wütend sind!“. Die Frauen in John Fords Western haben sich auf dem Felsen pragmatisch eingerichtet zwischen diesen krakeelenden Pavianen – „Die Gesetzbücher gelten hier nicht. Hier draußen muss jeder seine Probleme selbst regeln.“ – und Mr. Anwalt, wie Doniphon ihn abfällig ruft, bleibt nichts übrig, als zu schimpfen: „Unter was für Menschen bin ich hier nur geraten?

Plakatmotiv (US): The Man who shot Liberty valance – Der Mann, der Liberty Valance erschoss (1962)Die Heldentat, die Stoddard also gar nicht begangen hat, müsste seinen Ruf nun eigentlich nachhaltig zerstören – wenn der Chefredakteur nicht anders entschieden hätte. Stoddard hat eben was viel Wichtigeres in den Westen getragen: Das Gesetz! Die Durchsetzung des Gesetzes ohne Waffengewalt … denn er hat ja Valance nicht erschossen. Und er hat das Wahlrecht gebracht, inklusive der Regel, dass während der Wahl kein Alkohol ausgeschenkt wird: „Keine Ausnahmen möglich. Auch nicht für die Presse? Da greift die Demokratie ein bisschen zu weit!“ An dieser Stelle erleben wir Edmund O'Brien unerreicht als Mr. Peabody, den unbestechlichen Zeitungsmann mit Leidenschaft für seinen Berufsstand, der Fighter für die Pressefreiheit: „Ich bin ein Zeitungsmann! Kein Politiker! Die Politiker sind mein Material. Ich baue sie auf. Und reiße sie wieder runter. Aber ich will selber keiner sein! Ich bin Euer Gewissen, die einsame Stimme in der nächtlichen Wüste. Ich bin Euer Wachhund, der laut aufheult, wenn die Wölfe kommen. Und ich bin auch Euer Beichtvater!“ O'Brien gibt eine großartige Nummer ab!

Die eigentliche Heldentat des Ransom Stoddard ist seine Friedfertigkeit. Er würde sich sogar erschießen lassen für seine Überzeugungen. Aber eben weil das alte Amerika, das wahre Amerika, die amerikanischen Werte („Land of the Free“) in Person von Tom Doniphon, ihn beschützt, weil Stoddard eben langfristig Recht hat (was wir – und John Ford – natürlich nur aus der Rückschau wissen), wird er dann nicht erschossen, sondern baut an der Zukunft von God's own Country mit – und kriegt das Mädchen, das sich der Revolverheld schon gesichert glaubte, dann aber nicht mehr leisten kann. Es ist der endgültige Sieg des Geistes über die rohe Gewalt. John Ford hat diese Epos über das Werden eines Gemeinwesens sehr kreativ montiert, verzichtet zugunsten des bessern Timings auf zeitraubende Erklärsequenzen zwischen zwei Szenenbildern. Unter seiner Regie reicht es, dass Kellnerin Hally Revolvermann Tom ruft, weil Anwalt Ransom eine lebensverkürzende Dummheit plant, und schon holt Doniphon diesen in der Wüste vor der Stadt ein und kutschiert ihn zu einem Schießtraining. Bevor das Schießtraining losgeht, erfährt man, dass Tom an sein Haus einen Anbau plant – der zu Beginn des Films, ebenso wie die Kaktusrose eine wichtige Erinnerung-Rolle spielt. Da flechtet Ford elegant mehrere Erzählelemente zusammen, ohne Zeit zu verlieren, ohne mit Pathos zu langweilen.

Und wenn am Ende dann die Kaktusrose auf dieser Holzkiste mit dem toten Tom Doniphon darin steht, dann sieht man diesen Mann, der fast so schnell zieht wie sein Schatten – und dann auch noch trifft –, dann sieht man als friedliebender Mensch im Kinosessel die Geschichte der Vereingten Staaten von Amerika mit anderen Augen. Die Kaktusrose ist eben beides: wunderschön, aber falsch angefasst auch schmerzhaft und blutig.

Wertung: 7 von 7 D-Mark