Kinoplakat: Hail, Caesar!
Eine Party für das Kino. Die Leute vom Film
haben einfach den schönsten Job der Welt
Titel Hail, Caesar!
(Hail, Caesar!)
Drehbuch Joel Coen + Ethan Coen
Regie Ethan Coen & Joel Coen, UK, USA 2016
Darsteller
Josh Brolin, George Clooney, Alden Ehrenreich, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson, Tilda Swinton, Frances McDormand, Channing Tatum, Jonah Hill, Veronica Osorio, Heather Goldenhersh, Alison Pill, Max Baker, Fisher Stevens, Patrick Fischler u.a.
Genre Komödie
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
18. Februar 2016
Website hail-caesar-film.de
Inhalt

Baird Whitlock wurde entführt. Das ist schlecht – in vielerlei Hinsicht. Vom menschlichen Schicksal abgesehen ist Baird Whitlock auch der größte Filmstar der Capitol Studios und steckt in den letzten Aufnahmen des monumentalen Römer-Epos‘ „Hail, Cesar!“. Für Eddie Mannix, den Studio-Boss, ist das allerdings nur ein weiteres Problem – wenn auch jetzt das größte, natürlich.

„Studio-Boss“ ist eigentlich übertrieben, die Bosse, die Geldgeber, sitzen in New York. Mannix ist Ausputzer. Seine Aufgabe besteht darin, auftretende Probleme zu erledigen und die Presse draußen zu halten, die sich die Finger nach Skandalen mit Filmstars lecken. Der Druck auf Mannix ist groß: Capitol Pictures dreht mehrere teure Produktionen gleichzeitig, widrige Umstände wie abtrünnige Stars, unfähige Schauspieler oder strömender Regen am Außenspielort sind nicht selten. In der Zwischenzeit versucht das Luftfahrtunternehmen Lockheed Corporation, Mannix abzuwerben und bietet ihm eine lukrative Führungsposition an, statt weiter für „diesen Zirkus“ zu arbeiten.

Und nun ist also Baird Whitlock verschwunden. Zunächst vermutet Mannix eine weitere der üblichen Sauftouren Whitlocks, aber als er eine Lösegeldforderung über 100.000 Dollar erhält, ist klar, dass diesmal was anderes dahinter steckt. Whitlock selbst findet sich – aus einer Ohnmacht infolge von für die Entführung eingesetzten K.O.-Tropfen erwacht, in einem Haus am Meer im Kreise kommunistischer Drehbuchautoren wieder, die sich „Die Zukunft“ nennen und das Lösegeld als Ausgleich für die schlechte Bezahlung ihrer Drehbücher von kommerziell erfolgreichen Filmen verstehen.

Zur selben Zeit wird der junge Western-Star Hobie Doyle in dem neuen Drama „Merrily We Dance“ des Regisseurs Laurence Laurentz besetzt, um sein Image auszubauen. Doyle, nicht gewohnt vor der Kamera zu sprechen, bringt Laurentz während des Drehs an den Rand der Verzweiflung. Wutentbrannt beschwert er sich bei Mannix, sein Ruf als Regisseur von Qualitätsfilmen sei gefährdet. Mannix besteht jedoch auf der Besetzung.

Die Zwillingsschwestern Thora und Thessaly Thacker, konkurrierende Klatschreporterinnen, bedrängen Mannix zwischenzeitlich, neue Informationen über Baird Whitlock preiszugeben. Thora droht schließlich, in ihrer nächsten Kolumne darüber zu berichten, dass Whitlock seine erste Hauptrolle nur bekommen habe, weil er mit dem Regisseur Laurentz schlief.

Und DeeAnna Moran, Star des neuesten Wasserballet-Schlagers und Weiße-Weste-Liebling des Publikums ist auch wieder mal schwanger; und diesmal fällt die sonst in so einem Fall übliche schnelle Eheschließung (die später dann wieder annulliert werden kann) mit dem Kindsvater aus, weil der mit Frau und zwei Kindern in Europa lebt. …

Was zu sagen wäre

Filme produzieren ist nur etwas für Wahnsinnige und solche, die nichts Anständiges gelernt haben und auch nicht lernen wollen. Die kreativen Köpfe Hollywoods sind unter den kreativen Köpfen eine besondere Spezies, die die Coen-Brüder hier farbenprächtig in Szene setzen. Es ist ein unpolitischer Film aus hochpolitischer Ära. Er feiert das Studiosystem, das Schauspieler und Autoren mit Knebelverträgen gängelte und Sklaven ähnlich hielt; das bestimmte, welche Filme sie zu machen und wie sich privat zu benehmen hatten, um das Image nicht zu gefährden, das sich die PR-Leute der Studios für sie ausgedacht hatten. Der Film feiert die Freiheit der Autoren in einer Zeit, in der zahlreiche Autoren über eine Schwarze Liste zur Arbeitslosigkeit verdammt waren, weil ihnen kommunistische Umtriebe unterstellt wurden. Diese dramatischen Elemente spielen in diesem Film nur als lustiger Randaspekt eine Rolle.

Das Studiosystem frisst seine Kunst

Scarlett Johansson (Lucy – 2014; Her – 2013; Under the Skin – 2013; Don Jon – 2013; Hitchcock – 2012; The Avengers – 2012; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Iron Man 2 – 2010; Vicky Cristina Barcelona – 2008; Nanny Diaries – 2007; Black Dahlia – 2006; Scoop – Der Knüller – 2006; Die Insel – 2005; Match Point – 2005; Lovesong für Bobby Long – 2004; „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ – 2003; Lost in Translation – 2003; Arac Attack – 2002; Ghost World – 2001; The Man Who Wasn't There – 2001; Der Pferdeflüsterer – 1998)) als Wasser-Ballett tanzender Esther Williams-Ersatz DeeAnna Moran personifiziert die gegängelten Schauspieler. Die kurze Liaison mit einem schwedischen Regisseur hat Folgen und muss nun irgendwie vertuscht werden – sie hat allerdings kein Mitspracherecht, das Studio wird alles regeln. Und die in diesem Falle tatsächlich kommunistischen Autoren – okay: eher kapitalistisch unterwanderte Salon-Kommunisten – verstecken ihre sozialistischen Botschaften in subtilen Dialogzeilen ihrer Bücher und planen die Revolution gegen das Studiosystem, indem sie dessen größten Dukatenesel entführen und Lösegeld für die „gute Sache“ erpressen. Alles darüber hinaus ist der Coen-Brüder naive Freude am eigenen Tun.

Soweit der (un)ernste gesellschaftspolitische Teil meines Textes, dem Regisseur Laurence Laurentz sicher beipflichten würde. Ralph Fiennes spielt ihn (Grand Budapest Hotel – 2014; James Bond 007 – Skyfall – 2012; Kampf der Titanen – 2010; Harry Potter und der Feuerkelch – 2005) und setzt den aus Europa imigrierten Künstlern, die in der auf Kommerz getrimmten Studiopolitik verzweifelt um einen Rest künstlerischer Würde kämpfen, ein schönes Denkmal mit gefrierendem Lächeln und langsam die Oberhand gewinnender Verzweiflung. Eine wunderbare Performance. So, wie der ganze Film eine wunderbare Performance ist. Bunt und fröhlich und eine Party des Kinos für das Kino.

Die Erwartungen waren groß – zu groß

Die Detailverliebtheit der Coens ist toll und es natürlich kein Zufall, dass sie sich ausgerechnet diese größenwahnsinnige Zeit Hollywoods ausgesucht haben – zu den Presseterminen zu ihrem Film Inside Llewyn Davis (2013) sagten sie, sie hätten den Film ursprünglich in den 1920er Jahren – skandalumwitterte Stummfilmzeit und so – ansiedeln wollen, aber das wäre (buchstäblich) nicht so bunt geworden. Zumal das Studiosystem erst in jenen 50ern jene Dekadenz erreicht hatte, die mit dem wichtigsten Film der Capitol Studios vergleichbar ist – spätrömisch; also dem Ende nah (während das System in den 1920er Jahren noch sehr lebendig dekadent war). Und soviel Beziehung zwischen Film und Film-im-Film soll schon sein. Jedem wichtigen Hollywoodgenre der damaligen Zeit wird ein Denkmal gesetzt: Western, Musical, Sandalenfilm (der hier aus Elementen zwei der größten Sandalenfilme, aus „Ben Hur“ und „Quo Vadis“, besteht). Das ist bunt. Das ist lustig. Das ist voller netter Anspielungen.

Die Coen-Brüder beeindrucken mit einem aufwändigen Auflauf an Gaststars – jeder will dabei sein, wenn sie drehen. Das ließ einen der großen Filme seines Jahrgangs vermuten; die ersten Trailer deuteten denn auch eine Geschichte dergestalt an, dass die Helden anderer Studiofilme – ein Cowboy, eine Badenixe, ein Anwalt – gegen die Geiselnehmer aktiv werden. Das wäre ein Film-im-Film-im-Film-im-Film-Film geworden; aber dem ist dann nicht so. Leider. Die Coens verzichten auf die anspielungsreiche Storyline zugunsten eines bunten Sittengemäldes. No Drama.

Am Ende ist es, wie mit der Schlussszene des Sandalenfilms, den die Capitol Studios hier produzieren: Da hält Baird Whitlock am Fuße des Kreuzes auf Golgata seinen wichtigen Monolog und redet und redet und während er so redet, schon ganz ergriffen von den Schmerzen des Mannes am Kreuz, zieht es auch der Kameracrew zunehmend die Tränen aus den Augen. Und dann stolpert er über das letzte Wort – und alles nochmal auf Anfang. Das letzte Wort, über das er stolpert,  ist ausgerechnet „Glauben“. „Hail, Caesar!“ läuft und läuft und läuft … und dann fehlt der Höhepunkt. Alles auf Anfang?

Der geilste Beruf der Welt

Aber eigentlich ist das egal – wirklich egal. Anything goes. Probleme? Hürden? Schon Dustin Hoffman hat uns in einer Filmproduzentenrolle einst gelehrt: „Das ist nichts … Das ist gar nichts!“  Die Coen Brüder feiern das Kino und es ist eine schöne Feier.

Filme zu produzieren ist einfach der geilste Beruf der Welt!

Wertung: 5 von 8 €uro