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Kinoplakat: A Serious Man
Ein Hiob-Drama in kalten Bildern,
dessen tieferer Sinn verborgen bleibt
Titel A Serious Man
(A Serious Man)
Drehbuch Joel Coen + Ethan Coen
Regie Ethan Coen & Joel Coen, USA, UK, Frankreich 2009
Darsteller Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Peter Breitmayer, Brent Braunschweig, David Kang, Benjamin Portnoe, Jack Swiler, Andrew S. Lentz, Jon Kaminski Jr., Ari Hoptman, Alan Mandell u.a.
Genre Drama, Komödie
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
21. Januar 2010
Inhalt

Larry Gopnik ist zur Routineuntersuchung beim Arzt. Als Physikprofessor führt er ein beschauliches Leben im Mittleren Westen der USA und bewohnt mit seiner Familie, die Teil der jüdischen Gemeinde ist, ein Haus mit Garten in einer Vorortsiedlung. Gerade als er eine Aussicht auf eine künftige Festanstellung hat, eröffnet ihm seine Frau, dass sie sich scheiden lassen möchte, da sie jetzt mit seinem verwitweten Freund Sy Ableman zusammen sei.

Damit beginnt für Larry ein Reigen von Rückschlägen: Seinem an Schizophrenie leidenden Bruder Arthur, der sich bei ihm und seiner Familie eingenistet hat und an einem Mentaculus arbeitet, einer universalen Landkarte der Wahrscheinlichkeit, droht eine Verhaftung wegen illegalen Glücksspiels. Ein koreanischer Student versucht ihn zu bestechen, um eine Prüfung zu bestehen. Danach treffen bei seinem Arbeitgeber anonyme Briefe ein, die ihn kompromittieren und damit seine Anstellung auf Lebenszeit gefährden. Zudem bringen Larry, der mittlerweile mit seinem Bruder in einem Motel lebt, verschiedene Umstände in finanzielle Probleme, wie die Bezahlung seines Anwalts, den er im Zuge eines Nachbarschaftsstreits und seiner bevorstehenden Scheidung engagiert hat.

Diese Situation wird nochmals deutlich verschärft, als Larry das Familienauto bei einem selbstverschuldeten Unfall zu Schrott fährt. Außerdem soll er für die Beerdigungskosten seines Nebenbuhlers Sy Ableman aufkommen, der zeitgleich zu seinem Unfall bei einem anderen Autounfall ums Leben kam. Der Gipfel der Misere scheint erreicht, als seinem Bruder Arthur eine Anzeige wegen verbotener Kontaktanbahnung in einer Bar und Sodomie droht, wobei Larry die Verpflichtung eines Strafverteidigers nahegelegt wird. Zu allem Überfluss wird Larry Augenzeuge, wie ein Anwalt, der angeblich die Lösung für seinen Nachbarschaftsstreit gefunden hatte, in der Kanzlei an einem Herzinfarkt stirbt.

Wegen seiner zahlreichen persönlichen Probleme sucht Larry seelsorgerische Hilfe bei verschiedenen Rabbinern, die ihm jedoch nur sehr bedingt weiterhelfen können oder wollen. Sein Versuch, zum angeblich weisesten Rabbi Marshak vorgelassen zu werden, scheitert mehrmals. Währenddessen wird Larry stetig von Albträumen geplagt.

Kurzzeitig scheinen einige der Probleme lösbar. Kurzzeitig …

Was zu sagen wäre

Ein gnadenloser Film. Kalt und rätselhaft. Wo man auch hinblickt, es ist ungemütlich, dabei magnetisierend bizarr. Vielleicht fangen wir mit den Bildern an, die Kameramann Riger Deakins kreiert – exakt gemalt, lange gerade Linien dominieren deren Komposition. Selbst Szenen, wie jene, aus der das Filmplakat hervorging, haben trotz blauen Himmels und Kurzarm-Hemd etwas Düsteres und Gefrorenes. Die strenge Kühle der Bilderspiegeln die Kälte der darin abgebildeten Menschen. Larry, eine moderne Variante des biblischen Pechvogels Hiob, der an Coens ausweglos geprügelten Man, who wasn‘t there erinnert, ist umgeben von selbstsüchtigen Arschlöchern, nichtsnutzigen Schnorrern und glaubensfreien Religionsfunktionären.

Angesiedelt ist die schwarze Komödie im Jahr 1967 in einem Vorort des Mittleren Westens. Die Coen-Brüder erklärten, dass sie bei der Schilderung des Milieus aus Erinnerungen an ihre eigene Jugend in Minnesota geschöpft hatten, jedoch keine der Figuren autobiografisch sei. Der Film besteht aus Merkwürdigkeiten und Kuriositäten, schrulligen Figuren und kuriosen Anekdoten. Denn das Jüdische im amerikanischen Leben ist mir fremd. Und bleibt mir fremd. Dauernd werden jüdische Begriffe als Selbstverständlichkeit ins Bild gerufen, die dann – „Was?“ – niemand versteht. Dieser Glaube scheint nur für Funktionäre und Rabbiner zum Machterhalt wichtig. Alle anderen kennen ihn nicht, leiden darunter oder verstecken sich dahinter. Ist das das, was die Coens sagen wollen?

Kinoplakat: A Serious Man

Ich frage mich, wie der Film ausgesehen hätte, wenn Woody Allen den Coens das Drehbuch geschrieben hätte. „Mathematik ist die Kunst des Möglichen“, sagt einmal sein toter Nebenbuhler, was dieser – „Äh, nein …“ – naturgemäß etwas anders sieht. Dann schreibt er, der Physikprofessor, eine gigantisch lange Formel an die Tafel, sagt: „Die Unschärferelation. Sie besagt, dass wir nie wirklich wissen können, was geschieht.“

In diesem Sinne ist „A serious Man“ die verfilmte Unschärferelation. Eine etwaige Handlung gerät zur Nebensache; getragen wird der Film von Stil, Design und kruden Figuren. „Glauben“ und „Wissen“ stehen sich als Begriffe gegenüber und im Weg. Larrys gigantische Formel sieht ähnlich aus, wie die vollgeschriebene Tafel in der Talmudschule seines Sohnes. Larrys Suche nach einem Sinn in seinem Leben, eine durchaus existenzialistische Suche, kontrastiert mit der diabolisch grinsenden Ironie, mit der Coen-Brüder sie im Bild festhalten. Von Zuneigung zu ihren Figuren kann man bei den Coens in diesem Film wahrlich nicht sprechen.

Auch dieser Film der Coen-Brüder lässt mich schlecht gelaunt zurück; schlecht gelaunt deshalb, weil ich wieder das Gefühl habe, nicht verstanden zu haben, um was es eigentlich geht. Großartiges, kunstvolles Handwerk verbindet sich bei ihnen mit einer schon dreist zu nennenden Unlust, nachvollziehbare Geschichten drumherum zu entwickeln. Letztere sind im Kino – auch im amerikanischen – kein Muss. Wenn ich das Ges(ch)ehene aber nicht durchdringe, nicht verstehe, bin entweder ich zu dumm, oder der Film falsch gebaut. Diese Frage kann ich nicht auflösen. Schöne Bilder, gute Schauspieler.

Der immer etwas eitel auftretende, aber elegant und präzise formulierende Filmkritiker der „Süddeutschen Zeitung“, Tobias Kniebe, hat folgende interessante Erklärung gefunden: „Neben der unbestreitbar vorhandenen Allmacht, die sie inzwischen über ihre Filme haben, neben einer mühelosen Beherrschung des Schöpfungshandwerks, die man ohne Übertreibung göttlich nennen könnte, gefällt den Coen-Brüdern vor allem die Tatsache, dass Gott […] seinem Publikum keine Rechenschaft schuldig ist.“ Die „nichtsnutzigen Rabbiner“ im Film seien für den ratsuchenden Larry „ungefähr so hilfreich wie Filmkritiker.“

Das lasse ich dann mal so stehen.

Wertung: 3 von 7 €uro