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Plakatmotiv: Die dunkelste Stunde (2017)
Jo Wright liefert eine der besten
Filmbiographien der Kinogeschichte
Titel Die dunkelste Stunde
(Darkest Hour)
Drehbuch Anthony McCarten
Regie Joe Wright, UK, USA 2017
Darsteller Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, Ben Mendelsohn, Lily James, Ronald Pickup, Stephen Dillane, Nicholas Jones, Samuel West, David Schofield, Richard Lumsden, Malcolm Storry, Hilton McRae, Benjamin Whitrow, Joe Armstrong, Adrian Rawlins u.a.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
18. Januar 2018
Website universalpictures.co.uk/darkest-hour
Inhalt

Erst wenige Tage im Amt, steht der neue britische Premierminister als Nachfolger von Neville Chamberlain 1940 vor einer Mammutaufgabe. Die gegnerische Streitmacht stürmt West-Europa, die Niederlage gegen Nazi-Deutschland ist beinahe schon besiegelt – also steht Winston Churchill unter Druck, einen Frieden mit Adolf Hitler zu verhandeln, der Großbritannien zu einer Marionette des Dritten Reiches machen würde.

Während die britische Armee in Dünkirchen strandet, beweist Churchill Courage und kämpft weiter.

In seiner wohl dunkelsten Stunde als Premier muss er den baldigen Einmarsch der Nazis verhindern, sich gegenüber seiner eigenen Partei und dem skeptischen König George VI. durchsetzen, seine Nation vereinen, kurz: den Lauf der Geschichte entscheidend ändern …

Was zu sagen wäre

Lässt man den ganzen historischen Ballast dieser Geschichte mal beiseite, dann ist „Dankest Hour“ das Drama eines Aufsteigers, der sich aus kleinen Verhältnissen bis an die Spitze kämpft – also eine klassische Einer-gegen-Alle-Story. Natürlich kommt Winston Churchill nicht von ganz unten. Aber im Kreise all der Lords, all der Einflussreichen, die wispernd im Hintergrund die Strippen ziehen, ist der übergewichtige, Zigarre qualmende, Whiskey trinkende Winston Churchill ein Außenseiter, ein nützlicher Idiot; der Sündenbock, der England entweder in Hitlers Abgrund reißen wird oder einen Waffenstillstand, die Kapitulation, verhalndeln soll, deren Schmach auf seinen Schultern bleibt. Die Lords, Ladies und Königlichen können sich in ihrer Arroganz, in ihrer Lebensferne gar nicht vorstellen, dass sie nach einer Kapitulation, die das stolze England in die Sklaverei der Nazis triebe, nicht auf ihre vornehmen Landsitze zurückkehren könnten und dort leben, als sei nichts passiert.

Joe Wright malt da zur Not Schwarz Weiß, schreckt auch nicht davor zurück, Churchill eine U-Bahn-Fahrt durch London anzudichten, bei der sich der Prime Minister die Meinung des überraschten Volkes einholt: Dramaturgisch ist das legitim. Wer die Prozesse aktueller Politik beobachtet, weiß, wie langsam politische Mühlen eigentlich mahlen, und es ist wohl auch kein historischer Zufall, dass dieser Film in einer Zeit entstanden ist, in der Polen und Ungarn demokratische Eckpfeiler zerstören, Großbritannien sich aus der EU verabschiedet und in den USA ein Donald Trump das Weißt Haus entert; will sagen: Vielerorts haben die Menschen die langen Entscheidungsfindungen satt, verlangen den sofortigen Entscheid (freilich zu jeweils ihren Gunsten).

Joe Wright macht nichts anderes, nur eben auf der politisch nicht so entscheidenden künstlerischen Ebene der Filmdramaturgie. Er macht die Guten etwas besser, indem sie zweifeln, Verluste beweinen und eheliche Opfer bringen, und die Bösen etwas böser, indem sie Ranküne schmieden, die Realität verweigern und sich ganz allgemein für unantastbar auf ihren Landsitzen halten, und er macht aus einem filmisch wahrscheinlich nicht spannend zu erzählenden Denkprozess eines in die Ecke gedrängten Premierministers kurzerhand eine U-Bahnfahrt, während der das Für und Wider, das Kapitulation oder Bis-zum-letzten-Tropfen-Blut-kämpfen im Rahmen einer Vox Populi umfänglich ausdiskutiert wird.

Wright ist ein Regisseur, der dem Primat der Filmdramaturgie gehorcht; wenn es sinnvoll ist, erfindet er halt eine U-Bahnfahrt, oder eine Sekretärin, die den historischen Winston Churchill beizeiten auf den rechten Weg lenkt – Lily James spielt diese bezaubernd hartnäckige Elizabeth Layton, und sie ist wunderbar. Die Abhängigkeiten in jenen Tagen, das Männer-Frauen-Verhältnis damals war ein anderes als heute (in welchem gerade die Me-Too-Agenda aufbraust), aber James' ausdrucksstarke Mimik verschafft dieser besseren Schreibkraft schnell Autorität beim Zuschauer. Aber sie ist eben vor allem – Primat der Filmdramaturgie – dazu da, dem Zuschauer einen Zugang zu diesem knorrigen Zigarre-Raucher zu verschaffen. Das ist schwer genug.

Denn Gary Oldman liefert die Performance seines Lebens – wieder einmal, muss ich sagen, denn wie oft hat er das schon getan in den zurückliegenden 25 Jahren? Oft (Planet der Affen: Revolution – 2014; RoboCop – 2014; Paranoia - Riskantes Spiel – 2013; The Dark Knight Rises – 2012; Dame, König, As, Spion – 2011; „The Book of Eli“ – 2010; The Dark Knight – 2008; Harry Potter und der Orden des Phönix – 2007; Batman Begins – 2005; Harry Potter und der Gefangene von Askaban – 2004; Rufmord – Jenseits der Moral – 2000; Lost in Space – 1998; Air Force One – 1997; Das fünfte Element – 1997; Léon – Der Profi – 1994; True Romance – 1993; JFK - Tatort Dallas – 1991)!

Als Sir Winston schafft er es nun, uns einen unappetitlichen Unsympathen, einen bösartigen Wüterich nahezubringen, über den wir uns lange nicht wundern, dass ihn politisch keiner ernst nimmt. Oldman spielt Churchill als einsamen Rufer in der Wüste – auch hier folgt Wright dem Primat der Dramaturgie und überspitzt Churchills einsame Kämpfe so weit, dass sie zur Heldenreise taugen – dem erst die Frauen sagen, wo es lang geht. Neben Lily James ist das Kristin Scott Thomas als Churchills Ehefrau Clementine, die in dieser vergleichsweise kleinen Rolle eine große Performance liefert als duldsame, sich zurücknehmende Frau an der Seite eines Political Animals, eine Art Schmerzensfrau für das British Empire. Und es sind die überwiegend weiblichen Fahrgäste der erwähnten Londoner U-Bahn – kein Wunder, deren Männer kämpfen ja gerade alle an den Stränden der Normandie.

Und dann ist da der Regie als solche. Oft fällt die nicht so auf, weil sie vor allem sachlich die Fäden beieinander hält und stringent die Geschichte inszeniert, die im Drehbuch steht. Joe Wright macht das nicht. Selbst für mittelprächtigen Fantasyabenteuer wie Pan (2015) entwickelt er eine klare Handschrift, aber am deutlichsten hat er sein Verständnis für Film und Dramaturgie mit den Filmen Abbitte (2007) und Wer ist Hanna? (2011) gezeigt. Wright legt viel Wert auf den Bildausschnitt, auf die Montage; seine Plansequenzen in den beiden zuletzt genannten Filmen gehören zu den Wunderwerken des Kinos im 21. Jahrhundert. Wright konzentriert sich auf die ewigen Tugenden des Filmemachers: Die Regie soll führen, aber nicht auffallen. „Die dunkelste Stunde“ heißt nicht nur so, er spielt auch im Dunkeln von Bunkern und düster verrauchten Palasträumen, in die wenig Licht scheint. Immer wieder rahmt er auf der Cinemascope-Leinwand Winston Churchill in einen kleinen Ausschschnitt – die Leinwand ist schwarz, mittendrin leuchtet eine vergitterte Fahrstuhlkabine rot, in der Churchill abwärts fährt; als es einsam wird um den Premier, zieht die Kamera sich von zurück, vor ihm fällt eine graue Eisentür ins Schloss, wir sehen Churchill nur noch durch ein kleine Fenster in der Tür.

Wrights Kameramann Bruno Delbonnel lässt sein Arbeitsgerät dabei immer auf Stative oder Dollies montieren, wacklige Handkamera ist nicht. Dario Marianelli schreibt einen Score, der nicht die gesamten 125 Minuten zusuppt, sondern klug Akzente durch Auslassung seit – die besten Szenen hat Gary Oldman, wenn keine Musik dudelt.

Wright gelingt in dieser Mischung aus epischem Erzählkino und Momenten der Stille und des Privaten ein vielschichtiges Porträt eines historischen Politikers und fehlbaren Menschen, dessen Qualitäten wir im Kinosessel erst so nach und nach erkennen.

Ein historisch verbürgtes Drama. Große Schauspielkunst. Wunderbare Dialoge. Ein wunderbarer Film.

Wertung: 8 von 8 €uro
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