Kinoplakat: Jeremiah Johnson

Eine Legende vor wuchtiger
Bergkulisse mit leichten Schwächen

Titel Jeremiah Johnson
(Jeremiah Johnson)
Drehbuch John Milius + Edward Anhalt (+ David Rayfiel)
nach dem Roman „Mountain Man“ von Vardis Fisher und der Erzählung „Crow Killer“ von Raymond W. Thorp + Robert Bunker
Regie Sydney Pollack, USA, Australien 1972
Darsteller Robert Redford, Will Geer, Delle Bolton, Josh Albee, Joaquín Martínez, Allyn Ann McLerie, Stefan Gierasch, Richard Angarola, Paul Benedict, Charles Tyner, Jack Colvin, Matt Clark u.a.
Genre Abenteuer, Western
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
16. November 1972
Inhalt

Irgendwo im Westen der Vereinigten Staaten, in den Rocky Mountains, da, wo heute der Bundesstaat Colorado ist; wir befinden uns etwa um das Jahr 1850.

Jeremiah Johnson, ein ehemaliger Soldat, geht in die Berge. Mit der Welt da unten, den Menschen in ihren Städten will er nichts mehr zu tun haben. Es spielt keine Rolle, warum. Am letzten Außenposten der Zivilisation kauft er ein Pferd, ein Muli, Proviant und ein Gewehr und zieht los. Weit kommt er nicht, der erste Winter hätte ihn fast umgebracht, aber Johnson erweist sich als zäh. Er lernt schnell und passt sich den Verhältnissen an. „Die Berge kannst Du nicht betrügen“, sagt ihm Bear Claw, ein anderer Trapper, der Johnson unter seine Fittiche nimmt und ihm beibringt, wie man sich hier draußen bewegt.

Als er wieder mit sich und seinen Lasttieren allein ist, lernt er das Leben von seiner harte, gnadenlosen Seite kennen. Nicht er ist das Opfer. Er trifft auf eine Frau, deren Angehörige von Indianern massakriert wurden, die darüber wahnsinnig geworden ist. Allein ihr Sohn Caleb hat überlebt. er spricht seither nicht mehr. Die verzweifelte Frau vertraut Johnson den Jungen an. Dann trifft er einen Kollegen, Del Gue, der von Schwarzfuß-Indianern bis zum Hals in der Erde eingegraben, um ihn einem qualvollen Tod auszusetzen. Jeremiah befreit ihn, Del Gue führt ihn im Gegenzug bei den Flathead-Indianern ein. Ein Missverständnis führt dazu, dass Jeremiah die Tochter des Häuptlings, Swan, heiraten muss. Unversehens ist Johnson, der die Einsamkeit suchte, Familienoberhaupt. Die drei ungleichen Lebensgefährten finden zögerlich zueinander, während sie in der Wildnis gemeinsam ein Haus bauen.

Als Jeremiah von einer Militäreinheit als Scout rekrutiert wird, bahnt sich Unheil an. Widerstrebend lässt er sich dazu bewegen, die Einheit durch das Gebiet zu führen, in dem die Crow-Indianer ihre Toten bestatten. Die rächen sich für die Missachtung ihrer heiligen Stätten, indem sie Swan und Caleb töten und deren Heimstatt zerstören.

Johnson zieht auf einen Rachefeldzug – und wird zur Legende der Berge …

Was zu sagen wäre

Sydney Pollack verfilmt eine – irgendwie – wahre Geschichte. Der Roman und die Erzählung, die seinem Drehbuch zugrunde liegen, basieren auf der Legende über einen Mann namens John Jeremiah Johnson, den man – jedenfalls in den USA – auch als Liver-Eating-Johnson kennt. Es ist eine wuchtige Studie über Männer, die Einsamkeit und die Berge geworden, in kraftvolle Bilder einer wildromantischen Natur gepackt, die selbst dann noch hübsch als Gebirgsbach plätschert, wenn sie ihre Bewohner zu Eiszapfen verkühlt. Darin versteckt sich die Schwierigkeit, die ich mit diesem Film habe.

Irgendwie bedrohlich wird es selten. Aus dem Off bekomme ich gleich zu Beginn des Films erklärt, dass Jeremiah Johnson sich auf alle Widrigkeiten einlassen wolle und sich vorbereitet habe. Im schneebedeckten Berg steigt er in einen Fluss, um Fische mit bloßer Hand zu fangen; wo unsereiner wenig später an Unterkühlung sterben würde, steigt Jeremiah ohne Fisch aus dem Wasser, macht ein Feuerchen, das ihm Schnee, der vom Baum fällt wieder löscht und er macht einfach immer weiter, die Montage signalisiert die Zeit geht ins Land, der Film interessiert sich nicht für das How to survive the Nature, es ist ja ohnehin klar, dass Johnson überlebt, sonst gebe es die Legende nicht und den Film nicht.

Pollack („Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ – 1969; „Das Schloß in den Ardennen“ – 1969; „Dieses Mädchen ist für alle“ – 1966) spannt einen großen Bilderbogen, der überraschend stark bevölkert ist von Menschen, die dramaturgisch passend zu auflockerndem Dialog verhelfen oder Johnson anderweitig dienstbar sind; die Gefahr der Kälte handelt Pollack ab, indem er einen zu Eis gefrorenen Mann ins Bild rückt, über den Johnson an eine nützliche Waffe kommt. Die Unbill der Natur, die Hölle in der Schönheit bleibt mehr Behauptung, spürbar wird sie kaum. Selbst die Grizzlies sind hier eher tapsig und die Wölfe zwar bissig, aber nach wenigen, als schnelle Actionszene geschnittenen Momenten ohne weitere Folgen bezwungen.

Wohin die Geschichte mich führen soll, wird lange nicht klar und so schaue ich – weil ich kein US-Bürger und also mit der Legende nicht schon vertraut – zunächst etwas orientierungslos Robert Redford dabei zu, wie er Abenteuer erlebt und das Trapper-dasein lernt. Aber das bleibt nicht so.

Etwa zur Hälfte des Films hat Johnson alles gelernt, hat „Frau und Kind“, eine Geschichte mit klassischem dramaturgischen Bogen wird nicht erzählt werden, soviel ist mittlerweile auch klar, aber ich bin gefesselt von dem fremden Leben, das mittlerweile vertraut genug erscheint, dass ich in unterschiedlicher Stärke mitfiebere. Das Gemetzel, das er im letzten Viertel unter den Crow-Indianern anrichtet, zeigt Pollack als Musikclip in andeutungen und Überblendungen; ein verkaufsförderndes, blutiges Leinwand-Massaker bleibt aus. Pollack braucht es nicht, verschafft seinem Film auch ohne dies einen Sog, der mitreißt und als der Film zu Ende ist, plötzlich und mit einer versöhnlichen Geste, bin ich in den Bergen zuhause, könnte eigentlich noch ein bisschen weiter zugucken, aber da ist der Mann längst Legende, auf dem Weg nach Kanada – mehr gibt es nicht zu zeigen.

Eine klassische Story braucht dieser Film auch nicht. Pollack und Redford haben dem uramerikanischen Entdeckergeist ein würdiges Denkmal gesetzt – jenen Männern und Frauen, die vom Osten her das riesige, wilde Land erschlossen und sich nicht an Wegen oder Straßenschildern orientieren konnten, weil erst sie es waren, die Wege und Straßenschilder angebracht haben. Der Film hat einen zupackenden Regisseur, einen Hauptdarsteller (s.u.), dem ich bereit bin zu folgen, einen fantastischen Kameramann – und er hat das großartige Panorama der Rocky Mountains.

Wertung: 6 von 8 D-Mark