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Plakatmotiv: Bombshell – Das Ende des Schweigens (2019)

Drei Frauenschicksale
in einer irrealen Welt

Titel Bombshell – Das Ende des Schweigens
(Bombshell)
Drehbuch Charles Randolph
Regie Jay Roach, USA, Kanada 2019
Darsteller

Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie, John Lithgow, Allison Janney, Malcolm McDowell, Kate McKinnon, Connie Britton, Liv Hewson, Brigette Lundy-Paine, Rob Delaney, Mark Duplass, Stephen Root, Robin Weigert, Amy Landecker u.a.

Genre Biografie, Drama
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
13. Februar 2020
Inhalt

Megyn Kelly ist das Aushängeschild von Fox News: blond, attraktiv, sexy. Schöne Beine sind bei dem konservativen Nachrichtensender gefragter als investigativer Journalismus und unbequeme Fragen. Als sich die Starmoderatorin vor laufenden Kameras mit Präsidentschaftsbewerber Donald Trump anlegt, hat sie keine Rückendeckung von oben zu erwarten.

Senderchef Roger Ailes ist mit Trump befreundet, außerdem beschert der Krawallkandidat Fox News Topquoten, so auch mit seiner sexistischen Twitter-Kampagne gegen Megyn. Ihre gestandene Kollegin Gretchen Carlson weigert sich, noch länger die „TV-Barbie“ zu geben. Daraufhin wird ihr Vertrag „wegen enttäuschender Einschaltquoten“ nicht verlängert, während die ehrgeizige Redakteurin Kayla Pospisil nach einem Meeting hinter Roger Ailes‘ verschlossener Bürotür aufsteigt.

Als Gretchen ihren langjährigen Boss wegen sexueller Belästigung verklagt, formiert sich bei Fox News sofort „Team Roger“. Nur Megyn bleibt verdächtig neutral, auch Kayla schweigt. Aber wie lange noch ..?

Was zu sagen wäre

Ein Film, der es schafft, gleichzeitig wahrhaftig und nicht wahr zu sein. Der Film erzählt nicht die wahre Geschichte dieser "wahren Begebenheit", aber er erzählt eine Menge über die Mechanismen, die wir seit etwa zweieinhalb Jahren unter dem Hashtag #MeToo behandeln. Der Umgang von Männern mit Frauen am Arbeitsplatz, hierarchisches Gefälle, sexuelle Belästigung und in diesem Komplex die Frage, warum die Frauen mit ihren Vorwürfen eigentlich immer erst so spät an die Öffentlichkeit gehen.

Natürlich, schon klar: Die Frauen wollen ihre Jobs genauso ungerne verlieren wie die Männer, und Frauen verlieren ihre Jobs schneller, weil die Männer es für völlig normal halten, dass Männer Frauen schmutzige Angebote gegen Karriereaussichten machen. Roger Ailes, den ein großartiger John Lithgow (Friedhof der Kuscheltiere – 2019; Late Night – 2019; Die Erfindung der Wahrheit – 2016; Planet der Affen: Prevolution – 2011; Cliffhanger – 1993; Mein Bruder Kain – 1992; Ricochet – Der Aufprall – 1991; Garp und wie er die Welt sah – 1982; Blow Out – 1981; Schwarzer Engel – 1976) hier zwischen bemitleidenswertem Elefant am Rollator und ekelhaftem Arschloch spielt, fragt mehrmals völlig ratlos, was er denn gemacht habe: „Ich habe diesen Frauen gute Jobs gegeben, ihnen ihren Erfolg ermöglicht. Ich habe ihnen doch nicht geschadet!“ Er spricht da über jene Frauen, denen er in seinem Büro unter vier Augen erklärt, was er unter loyalen Soldaten in seiner Nachrichtenabteilung versteht: „Läuft's nicht rund, mach's mit dem Mund.“ Kayla Pospisil, eine jener blonden Moderatorinnen, die alle mehr oder weniger gleich aussehen und immer so, als kämen sie aus einer Folge der TV-Serie Denver Clan aus den 80er Jahren mit Cocktailkleid, aber Mikrofon statt Champagnerglas, klagt einer Freundin unter Tränen, Ailes habe nicht mal seinen Gürtel aufgemacht, als er umständlich sein Ding rausholte.

Diese Kayla ist in dieser Verfilmung einer wahren Begebenheit eine fiktive Figur, eine gläubige Christin, gut aussehend und wohl ein Amalgam all der vielen realen Frauen, die dieses Schicksal durchlitten. Als sie zum ersten Mal zum großen Überboss gerufen wird, der dem Murdoch-Imperium jedes Jahr zuverlässig Milliardengewinne in die Kassen spült, ist Kayla noch ganz aufgeregt. Diese freudige Aufregung schlägt ins Gegenteil, als sie ihr Kleid hochziehen muss, bis darunter das Höschen durchblitzt. Margot Robbie spielt Kayla als karrierebewusstes, aber naives Mädchen vom Lande und stellt zu ihrer Bandbreite zwischen Harley Quinn, Tonya Harding und dem Wall-Street-Häschen Naomi ein paar weitere Attribute ins Schaufenster. Es ist nicht ihre Verantwortung, dass Regisseur Jay Roach ihr dennoch nur eine Klischeefigur lässt, aus der wir in der filmischen Umsetzung eines zeithistorischen Skandals keinen Nektar der Erkenntnis schmecken können.

Viel spannender ist die Figur der Megyn Kelly, die einige Berühmtheit erlangte, als sie ihm Wahlkampf 2016 den Kandidaten Donald Trumpp vor Live-Kameras hart ins Kreuzverhör nahm und der sie daraufhin regelrecht adelte, weil er sie mit zahlreichen hasserfüllten Tweets bombardierte und später bei CNN konstatierte, Kelly sei „das Blut aus den Augen und woraus auch immer“ gequollen. Mit dieser hasserfüllten, sexistischen Anspielung eines US-Präsidentschaftskandidaten war Kelly dann auch weit und die Grenzen englischsprachiger Nachrichtenländer hinaus berühmt. Aber eine berühmte Starmoderatorin bei Fox-Nes war sie schon vorher. Im Film schweigt sie lange, als die ersten Vorwürfe gegen Ailes schon kursieren.

Jay Roach stilisiert sie zur Heldin der Geschichte, gespielt wird sie von Charlize Theron (Fast & Furious 8 – 2017; Mad Max: Fury Road – 2015; A Million Ways to Die in the West – 2014; Snow White and the Huntsman – 2012; Prometheus - Dunkle Zeichen – 2012; Young Adult – 2011; Hancock – 2008; "Kaltes Land" – 2005; "Monster" – 2003; Sweet November – 2001; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Wild Christmas – 2000; Gottes Werk & Teufels Beitrag – 1999; "The Astronaut's Wife" – 1999; Mein großer Freund Joe – 1998; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Im Auftrag des Teufels – 1997; 2 Tage in L.A. – 1996). Theron zeichnet Kelly unter einem Make-Up, unter dem man sie kaum mehr erkennt, als eine gewiefte Nachrichtenfrau des US-Fernsehgeschäfts, tough, nicht zimperlich auch im Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Kollegen, aber immer aufrechter Gang, die dann aber lange zögert den Mund aufzumachen, weil sie ihre Karriere nicht gefährden, ihren Platz in der Manhattan-Society nicht verlieren will; von ihrem Wort hängt alles ab – und dann gleich doppelt. Als sie endlich ein Statement abgibt, zu Beginn ihrer Karriere von Ailes bedrängt worden zu sein, freuen sich alle, dass die mächtigste Soldatin endlich zugeschlagen hat. Aber die liebe, junge, enttäuschte Kayla wirft ihr vor, sie hätte viel früher was sagen müssen, um so vielen weiteren jungen Mädchen Leid zu ersparen. Aufstehen, um für die eigene Würde zu kämpfen, um die Integrität des eigenen morgendlichen Spiegelbildes zu wahren, darum geht es für keine der Frauen in diesem Film..

Der Film konzentriert sich ganz auf diese drei Frauenfiguren und lässt das reale Umfeld drumherum verschwimmen. Kayla wächst an ihrem Erleben und steht am Ende auf eigenen Füßen. Megyn Kelly steht als die strahlende Heldin da, die immer schon alles richtig gemacht hat. Gretchen Carlson indes, die den Stein ins Rollen brachte, nachdem sie von Roger Ailes sukzessive aus dem Programm gemobbt und schließlich auf die Straße gesetzt worden war, und die auch die schließlich entscheidenden Beweise lieferte, sitzt am Ende alleine und ohne Job im Restaurant und swiped über ihr Tablet nach neuesten Nachrichten. Carlson ist die Nichts-mehr-zu-verlieren-Figur, ähnlich mit Make-Up gepanzert, wie Kelly, aber mit dem verschlagenen Charakter, wie ihn so meisterlich wenige spielen können wie die Australierin Nicole Kidman ("Der Distelfink" – 2019; Aquaman – 2018; Die Verführten – 2017; Lion: Der lange Weg nach Hause – 2016; Trespass – Auf Leben und Tod – 2011; "Australia" – 2008; Die Dolmetscherin – 2005; "Der menschliche Makel" – 2003; "The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit" – 2002; The Others – 2001; "Moulin Rouge!" – 2001; Eyes Wide Shut – 1999; Projekt: Peacemaker – 1997; Batman Forever – 1995; Malice – Eine Intrige – 1993; "In einem fernen Land" – 1992; Tage des Donners – 1990; "Todesstille" – 1989).

Einmal moderiert Gretchen Carlson vor der Live-Kamera betont ohne Make-Up und bekommt prompt einen Anschiss von Roger Ailes, der von seinen Moderatorinnen die reine Weiblichkeit erwartet – viel nacktes Bein, ein freundliches Gesicht und betonharte Löwenmähnen; eben Denver Clan, 1980er Jahre. Diese Anschissszene ist aber eine der wenigen, die das Umfeld zeigen, in dem das alles stattfindet, die das System erkennen lässt.

Fox News bleibt als realer TV-Sender ähnlich irreal wie die junge Kayla. Irgendwie ein bisschen mehr rechts, aber der republikanische Kandidat Donald Trump bekommt nichts geschenkt und es soll schon auch die Wahrheit gesendet werden. Kein Anschein von den ins hysterisch rechte Meinungsspektrum schwappenden Fake News, für die der Sender schon in den Jahren vor Donald Trump berüchtigt war. Die Murdochfamilie – Rupert und seine beiden Söhne –, der der Fox-Sender gehört, wird dargestellt als knallharte Geschäftsleute, deren geschäftliche Loyalität spät bricht, erst als sie völlig überrascht scheinen, dass ihr erfolgreichster, mächtigster Mitarbeiter Frauen belästigt haben soll. Das alles ist historisch mindestens höchst ungenau, oberflächlich, wenn nicht sogar grob falsch erzählt. Der Trailer zu diesem Film verdeutlicht dessen Dilemma: Unterlegt mit Billie Eilishs Song "Bad Guy" wirkt der beworbene Film wie eine wilde Farce über fette, weiße Männer die von blonden Frauen mit stechendem Blick raffiniert in die Schranken gewiesen werden – also ähnlich crazy erzählt wie die wilde Satire über den 2008er Finanzcrash, The Big Short, dessen Drehbuch Bombshell-Regisseur Jay Roach mit geschrieben hat. Wäre Roachs "Bombshell" wie dessen Trailer, wäre der Film beißender und damit entlarvender gewesen.

Oder: Roach erzählt – freilich auch mit einem anderen Filmtrailer vorweg – hart an den Fakten entlang, ein Drama dann ähnlich wie etwa Angeklagt (1988) mit Jodie Foster, aber dann hätte auch eine Rolle spielen müssen, wofür Fox-News, das Umfeld dieses Dramas steht: Denn die Frauen vor der Kamera tragen ja nicht zufällig diese kurzen Kleider mit den tiefen Ausschnitten. Roger Ailes verkaufte seine (Fake-)Nachrichtensendungen ganz bewusst über junges, sexy Frauenfleisch. Der Sexismus war quasi in den Geschäftsbedingungen verankert. Das wussten die Murdochs natürlich, die aber in Roachs Film so familiär geschockt sein dürfen. In "Bombshell" findet dieser Umstand einmal kurz aus dem Off Erwähnung, wird dann aber nicht weiter verfolgt.

Jay Roachs tatsächlich nun vorliegender Film schnurrt zu einer Mischung aus Halbwahrheiten, Erfindungen und einem handfesten Skandal zusammen, der für einen Einblick in die realen Geschehnisse nicht taugt; zum Sexismus gehören immer zwei Seiten – Täter und Opfer. Wenn Megyn Kelly an einer Stelle durchschimmern lässt, wie das bei ihr damals in Ailes' Büro zu Beginn ihrer Karriere war, da erzählt sie das aus reiner Opferhaltung heraus. Dass da durchaus auch Berechnung im Spiel war – „Ich ziehe was Knapperes an, blondiere meine Haare auf, dann mache ich Karriere“ – fällt unter den Tisch.

Wenigstens aber gibt der Film ein Gefühl dafür, wie Frauen in dieser Welt funktionieren müssen, wie sie sich tarnen, und wie sie jederzeit damit rechnen müssen, mit einem unappetitlichen „Angebot“ konfrontiert zu werden. Hollywood hat gerade erst begonnen, sich an #MeToo abzuarbeiten, übt also noch, auf dem schmierig-juristischen Parkett aus Persönlichkeitsrechten, Verschwiegenheitsklauseln und Schadenersatzforderungen nicht ins Schlingern zu geraten.

Wertung: 5 von 8 €uro
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