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Plakatmotiv: Aquaman (2018)
Keine Story, platte Charaktere,
aber dann ziemlich unterhaltsam
Titel Aquaman
(Aquaman)
Drehbuch David Leslie Johnson-McGoldrick + Will Beall + Geoff Johns + James Wan + Will Beall
nach den Comics von Mort Weisinger + Paul Norris
Regie James Wan, Australien, USA 2018
Darsteller Jason Momoa, Amber Heard, Willem Dafoe, Patrick Wilson, Nicole Kidman, Dolph Lundgren, Yahya Abdul-Mateen II, Temuera Morrison, Ludi Lin, Michael Beach, Randall Park, Graham McTavish, Leigh Whannell, Tainui Kirkwood, Tamor Kirkwood u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 143 Minuten
Deutschlandstart
20. Dezember 2018
Inhalt

Arthur Curry ist das Kind zweier Welten: Während der Vater Tom Curry ein Mensch ist, stammt die Mutter aus dem untergegangenen Königreich Atlantis. Um sein rechtmäßiges Erbe als König des Mythenreiches anzutreten, muss Arthur lernen, seine Kräfte sowohl an Land als auch unter Wasser zu beherrschen. Sein Weg führt den Aquaman durch zahllose Welten, die unter der Oberfläche des Ozeans verborgen sind. Dort lauern allerdings auch große Gefahren.

Nötige Unterstützung bekommt Aquaman von der Atlantis-Prinzessin Mera. Auch die kann einiges austeilen und verfügt etwa über die Kraft, das Wasser selbst zu manipulieren. Als Berater steht außerdem Vulko an Arthurs Seite. Gemeinsam kämpfen sie gegen dessen Halbruder Orm der Ansprüche auf den Thron von Atlantis stellt und Ocean Master werden will, Herrscher über alles Leben unter Wasser.

In seiner Gier nach Macht ist es Orn egal, ob er gewaltige Naturkatastrophen beschwört, um die ganze Welt zu zerstören …

Was zu sagen wäre

Das ist eine dieser modernen Produktionen, bei denen der Score unablässig Fanfaren tönen lässt, um Heldenpose zu signalisieren, weil das Bild das alleine nicht schafft; in dem Charaktere spielen, die so platt sind, dass man sich fragt, wozu man eine 3D-Brille aufziehen sollte, und die Dialoge aufsagen, die so hölzern sind, dass der Mund beim Sprechen staubt; in der aber auch nach spätestens einer Minute Holzsprech der nächste lautstarke Angriff mit Photonentorpedos und Riesen-Haifischen erfolgt. Das ist so ein Film, der in keinem Moment spannend ist. Aber ich habe mich nicht gelangweilt.

Für einen Superheldencomic ist das, was ich auf der Leinwand geboten bekomme, alles Standard: Ein Bruderkampf um die Krone, eine mystische Waffe, eine schöne Prinzessin mit schnoddrigem Eigenleben, fantastische Welten und eine rührende Liebesgeschichte, die den Anbeginn des Dramas legt: Nicole Kidman spielt Atlantis' Königin Atlanna, die mit einem Leuchtturmwärter den Jungen Arthur zeugt. Die australische Schauspielerin, die sich augenscheinlich mehrfach unters Messer von Schönheitschirurgen gelegt hat, muss entzückt gewesen sein über das, was die Pixelkünstler in Hollywood heute so alles können: So jung wie zu Beginn des Films sah Kidman seit Batman Forever (1995) nicht mehr aus und nachdem sie nach 20 Jahren überraschend wieder auftaucht – obwohl: Was heißt schon überraschend wieder auftaucht? – sieht sie sogar noch ein bisschen jünger aus. Warum auch nicht. Sie wird es freuen und im Flm spielt es keine Rolle, weil die Figuren so egal sind.

Ein bisschen Plastikmülle und jede Menge Farbenpracht

Es geht um ein Königreich, um zwei Welten, zwei verfeindete Brüder, sogar um mit Plastikmüll verstopfte Meere und harpunierte Wale, es geht um die ewige Frage, wie unterschiedliche Wesen gedeihlich zusammenleben können. Zumindest auf der Tonspur geht es darum dauernd, um das „Wohl des Volkes“, um den gebührenden Platz der Unterwasserwesen auf dem Planeten. Aber im Bild gibt es immer nur volle Lotte Überwältigung. Regisseur James Wan und seine Designer schenken uns wunderschöne Unterwasserlandschaften, farbenprächtige Paläste, wildromantische Küsten und martialische Unterwasserviecher, die alle dauernd in langen Sequenzen umeinander wirbeln, sich jagen, bekämpfen und ordentlich Tempo machen. Auch die unter Wasser schwebenden Haare der Protagonisten sind schön animiert – da muss ich auf der Meta-Ebene anerkennen, dass die SFX-Designer mit ihrem Unterwasserrealismus mutig an die technischen Grenzen gegangen sind, manchmal an ihnen gescheitert sind (Dolph Lundgren und Willem Dafoe sehen so aus, als wären sie während der Dreharbeiten Kaffee trinken gewesen und hätten ihren Avataren die Arbeit überlassen), insgesamt aber Beeindruckendes geleistet haben.

Der Film ist ein Hybrid – wie seine Titelfigur. Einerseits kämpft Orn, der König von Atlantis, gegen die Oberflächenmenschen, weil die den Lebensraum seines Volkes vermüllen. Da wirkt der auserkorene Schurke des Dramas wie einer mit Umwelt-Botschaft – klar: Wenn andersrum die Fische uns unablässig mit ihrem Müll bewerfen würden, würden wir Menschen uns auch zu Wehr setzen; aber dann ist er doch nur ein skrupelloses Arschloch, das Artgenossen umbringt und nach der Weltherrschaft strebt, den man (also: der Held) ausschalten muss. James Wan inszeniert einen unglaublich virilen Helden, einen kernigen Kerl, bei dem man im Dunkel die Straßenseite wechseln wollte, und der uns dann beim Überqueren der Straße mit einem freundlichen Lächeln zur Hilfe eilen würde; einen, bei dem dauernd die Posaunen glühen, dass die Gänsehaut im Kinosessel vor Ehrfurcht blüht, und der dann erfrischend albern daher quatscht.

Das DC-Universum ist bunter und witziger geworden

Als vor eineinhalb Jahren DCs Wonder Woman die Warner Studios verwirrte, weil da ein weiblicher Superheld unter der Regie einer Frau in Nullkommanichts zum Kassenknüller wurde, haben die Bosse eingelenkt. Ihre bisher von Selbstzweifeln und Depressionen zerfressenen, farbentsättigten Helden Superman und Batman mussten spaßiger, fröhlicher daherkommen – eben genauso wie Wonder Woman, so wie die Kollegen aus dem benachbarten Marvel-Universum. Und also muss jetzt auch Aquaman, der Testosteronbolzen in schimmernder Rüstung, plötzlich grimmig und lustig gleichzeitig sein. Damit verliert er jede Linie, hat nichts mehr von Bedeutung, ist aber ein bunter Bilderreigen, den man sich ja mal geben kann. Der Film „Aquaman“ steht beispielhaft für eine Verschiebung im Konsumverhalten der Zuschauer. Die TV-Serie hat das Zepter der großen Kunst übernommen, das Kino wird zum bunten Praliné-Teller, für den man acht Euro übrig hat – der Jahrmarkt, Urgoßeltern des Kinos, lässt grüßen.

Die Menschen in diesem Film, also die, die Oben wohnen, müssen schon sehr blind und sehr begriffsstutzig sein, wenn sie nicht mitbekommen haben wollen, was da auf sie zukommt. Während an und knapp unter der Meeresoberfläche titanische Kämpfe ausgefochten werden, die jeden Spionagesatelliten im All um den Verstand bringen müsste, lachen im Fernsehen ein paar Experten über einen asiatischen(!) Wissenschaftler, der seine Beweise für die Existenz Atlantis' nicht an den Mann bringen kann. Und als Orn, der Schurke, „alle Küsten dieser Welt“ mittels Tsunamis allen Plastikmüll und ein ein paar Kriegsschiffe an die Strände spült, kommt kein einziger der knapp acht Milliarden Menschen auf der Oberfläche auf die Idee, dass das mit einem reinen Naturphänomen nicht zu erklären ist. Die gängigen Superheldenserien – „Arrow“, „Agents of S.H.I.E.L.D.“, „Flash“, „Inhumans“ etc. – die diese simple Dramaturgie als Standard anbieten, lehnen wir inzwischen gelangweilt ab, suchen stattdessen komplexe Geschichten, sophisticated, mit möglichst vielen Ebenenen. „Aquamen“, der Kinofilm, hat so etwa 180 Millionen US-Dollar gekostet, ist gerade zweieinhalb Wochen in den internationalen Kinos, hat aber im weltweiten BoxOffice schon 866 Millionen US-Dollar eingespielt. Das Eindimensionale hat erfolgreich Einzug im Kino gehalten, Herberge einst von Regisseuren wie John Ford, Howard Hawks, Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick.

Die cineastischen Grenzen einer Comic-Dramaturgie sind erreicht

Und damit sind wir endlich am Kern des Ganzen: Comics scheren sich selten um äußere Logik. Wenn in den Heften rätselhafte Naturphänomene auftauchen, taucht auch zuverlässig eine geheime Regierungsbehörde auf, die professionell Spuren beseitigt, oder sie, wenn das nicht mehr geht, umdeutet. Das haben sie im Aquaman-Film weggelassen, er dauert auch so schon viel zu lange. Für einen Film ist das alles ein bisschen wenig. Aber die Story als Comic-Special auf 48 Seiten wäre ordentlich.

Und dann erfahren wir noch in einem Halbsatz, dass bei den Unterwasserwesen nur die Königsfamilien sowohl über wie unter Wasser atmen können, das normale Volk stirbt an der Luft. Damit ist klar: Die Atlantis-Gesellschaft ist zwar SuperModernHighTeck ausgerüstet, aber nicht besser als eine Diktatur und abhängig von einem hoffentlich wohlwollenden Herrscher. Da mag die Menschheit zwar doof wie Eier vom Stör sein, aber wenigstens darf sie sich ihre Herrscher selbst wählen. Kein Wunder, dass Arthur Curry kein König sein möchte. König von was oder wem denn auch?

Size does matter

So bleibt die Erkenntnis, dass im Kampf um die Herrschaft in der Unterwasserwelt die Größe des Dreizacks entscheidend ist und, dass man unbezwingbare Giga-Monster am besten bezwingt, indem man einfach mal das Gespräch mit ihnen sucht, anstatt immer gleich zuzuschlagen. Ist das schon der Einfluss von #MeToo auf die Filmbranche oder einfach feine Ironie?

Wertung: 3 von 8 €uro
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