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Plakatmotiv: Le Mans 66 – Gegen jede Chance (2019)

Ein wuchtiges Motoren-Drama aus der
Zeit, als Amerika noch great war

Titel Le Mans 66 – Gegen jede Chance
(Ford v Ferrari)
Drehbuch Jez Butterworth + John-Henry Butterworth + Jason Keller
Regie James Mangold, USA, Frankreich 2019
Darsteller

Matt Damon, Christian Bale, Jon Bernthal, Caitriona Balfe, Josh Lucas, Noah Jupe, Tracy Letts, Remo Girone, Ray McKinnon, JJ Feild, Jack McMullen, Corrado Invernizzi, Joe Williamson, Ian Harding, Christopher Darga u.a.

Genre Biografie, Drama
Filmlänge 152 Minuten
Deutschlandstart
14. November 2019
Inhalt

Eigentlich wollte Ford in den 1960er Jahren den italienischen Konkurrenten Ferrari aufkaufen. Und der Deal war nahezu unter Dach und Fach, doch wegen einer Klausel im Vertrag, die Ford das alleinige Entscheidungsrecht in Rennsportfragen übertragen hätte, konnte man sich nicht mit Enzo Ferrari einigen und der Deal platzte.

Das kann Henry Ford II. so natürlich nicht stehen lassen und plant seine Rache. Die Schmach sollt damit getilgt werden, Ferrari im legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans zu besiegen. Einfacher gesagt als getan, dominiert Ferrari das Rennen doch bereits seit vielen Jahren.

Die Hoffnung des Konzern liegt in den Händen des texanischen Konstrukteurs Caroll Shelby und dem britischen Rennfahrer Ken Miles. Letzterer gilt gemeinhin als schwierig und hat am Anfang nur ein mildes Lächeln (und eine Faust) für Shelbys Projekt, lässt sich letztendlich aber dennoch überzeugen …

Was zu sagen wäre

Zwei geniale Aktivisten gegen das System. Mann gegen Bürokratie. Underdog gegen Sieger. US-Konzern gegen Europa-Konzern. Ford gegen Ferrari. Der Film ist so amerikanisch aufbereitet wie ein Hot Dog und feiert den Pioniergeist, den die USA immer noch in sich spüren, aus jener Zeit, als America noch Great war. Es ist ein Film über eine Zeit, die Donald Trump wohl meint, wenn er ruft „Make America great again“. An einer Stelle knurrt Henry Ford II, man werde diesem Enzo Ferrari schon zeigen, „dass nicht nur die Europäer Autos bauen können; dass die Amerikaner das besser können“.

Da stehen sich im großen Duell die amerikanische Ford Motor Company, die Autobau am Fließband erfunden und Autos dadurch massentauglich gemacht hat, gegenüber mit dem italienischen Commandatore Enzo Ferrari, dessen Autos von stolzen Arbeitern in Handarbeit gefertigt werden und deshalb vor der Pleite stehen. Der Film wertet nicht, ob seelenlose Massenfertigung oder verliebte Handarbeit besser ist (beide kämpfen wirtschaftlich mit Gegenwind), zeigt aber, dass hier die Quelle des nun beginnenden Konflikts liegt.

Regisseur James Mangold steht nicht in Verdacht, ein nationalkonservativer Hardliner zu sein. Er ist aber jemand, der aus Geschichte die besten Geschichten für die Leinwand aufbereiten kann (Logan: The Wolverine – 2017; Wolverine: Weg des Kriegers – 2013; Knight and Day – 2010; "Todeszug nach Yuma" – 2007; Walk the Line – 2005; Identität – Identity – 2003; Kate & Leopold – 2001; "Durchgeknallt" – 1999; Cop Land – 1997). Zweieinhalb Stunden nimmt er sich Zeit, um seine Revolutionsstory zu erzählen, die an nur wenigen, für eine Kinodramaturgie aber entscheidenden Situationen erfunden oder übertrieben wird. Zwar war Carroll Shelby ein begnadeter Konstrukteur; zwar war Ken Miles ein maschinenverstehender Rennfahrer. Aber tatsächlich saßen in der Ford Motor Company, die im Film quasi der Hort der bösen Bürokratie ist, in der sich die Schlipsträger gegenseitig nicht die Butter auf dem Brot gönnen, noch eine ganze Menge Leute – Techniker, Verwalter, Steine-aus-dem-Weg-Räumer – die entscheidenden Anteil an den Erfolgen in Le Mans hatten, deren erster Inhalt dieses Films ist.

Das hätte für einen spannenden, unterhaltsamen Film wie der, den Mangold nun gemacht hat, nicht funktioniert, es sei denn, der Film dauerte fünf Stunden auf Kosten verdichteter Spannung. Statt dessen übertreiben die Drehbuchautoren Butterworth, Butterworth und Keller noch die Rolle des Chefs der Ford-Rennsportabteilung, Leo Beebe, den Josh Lucas als aalglatten Karrieristen mit einem sardonischen Lächeln spielt (The Secret Man – 2017; J. Edgar – 2011; Der Mandant – 2011; Poseidon – 2006; Hulk – 2003; "Sweet Home Alabama" – 2002; A Beautiful Mind – 2001; American Psycho – 2000). Und schließlich – machen wir die Besserwisserei komplett – war Enzo Ferrari gar niemals in Le Mans beim Rennen. Das sah nur besser aus, sagt John Mangold in einem Interview: „I couldn’t stand the idea of cutting to the kid and mom and Ferrari on the phone or on radios, I couldn’t do it. Sorry, history!

Plakatmotiv: Le Mans 66 – Gegen jede Chance (2019)Aber der ganze große Rest, die Geschichte hinter der Geschichte stimmt und erzählt von eben jenem Amerika, das in naivem Vorwärtsdrang einen Kontinent besiedelte, als erstes den Mond betrat und den Europäern die Vormacht in Le Mans abnahm. Es sind die Jahre, bevor Richard Nixon oder das Vietnam-Debakel den American Dream in etwas modrig Stinkendes verwandelten. Ähnlich wie vor kurzem Quentin Tarantino taucht James Mangold tief ein in jene Ära großer Autos, großer Tabloids und großer Männer. Auch wenn Mangold eine andere Intention verfolgt, feiert er doch auch dieses unbändige Glaub an Dich, lebe Deinen Traum aus jenen Jahren und übersetzt es in Kinobilder.

90 Minuten ist Drama. Und dann 60 Minuten Krieg. Ein versierter Regisseur wie Mangold beherzigt die Regel teurer Filme, „Beginne mit einem Erdbeben und steigere dann langsam das Tempo“, also startet er mit einem rasanten Le-Mans-Rennen bei Nacht, in dem selbst Fahrer, die brennend aus einem Auto gezogen werden, nicht aufgeben und dann auch noch gewinnen. Aber als Mangold uns dann gezeigt hat, dass er Autorennen rasant inszenieren kann, wendet er sich den Menschen zu, die diese Autos bauen und steuern, oder zusehen müssen, wie der geliebte Ehemann, der vergötterte Daddy diese Höllenmaschinen ins Ziel bringen. Es ist ja kein Zufall, dass Matt Damon und Christian Bale die Hauptrollen spielen und nicht irgendwelche TV-erprobten Serientypen, die billig zu haben sind für die Szenen zwischen der Action.

Das entscheidende Rennen in Le Mans 1966 nimmt im Film ungefähr die letzte Stunde ein. Da ist dann tatsächlich viel Racing, Motorenlärm, Lautsprecherdurchsagen, bange Gesichter zwischen lauter Technik, die, darauf pochen die Macher, zu 100 Prozent live ist; bis auf die Zuschauermassen auf den Rängen komme nichts aus dem SFX-Rechner. Die Inszenierung der 24 Stunden 1966 drückt mich tatsächlich in den Kinosessel. Weil der Film uns vorher die Psyche der Beteiligten, die Probleme des Motors, die Eigenheiten der Strecke deutlich gemacht haben. Dazu braucht Mangold die ersten 90 Minuten. Und das ist nicht zu lang.

In den ersten 90 Minuten malt der Film das Portrait einer erfolgssatten Gesellschaft, die den Wohlstand so verinnerlicht hat, dass sie Dutzende von Verwaltungsebenen braucht, um das Niveau halten zu können. Die drei Autoren haben viele wunderbare Miniaturen in den Plot eingebaut, die das ausmalen. Anhand einer simplen Akte, die Henry Ford II übergeben werden soll, macht das Drehbuch deutlich, wie die Ford Motor Company, dieser um die Jahrhundertwende innovative Industriekonzern, zu einem Wasserkopf aus Bürokraten verzwergt ist, der Mitte der 60er Jahre dann prompt in finanzielle Schieflage geriet: Als die Akte das Vorzimmer erreicht, wird sie dort innerhalb des Vorzimmers über drei Vorzimmerdamenschreibtische gereicht, bis sie ins Allerheiligste getragen wird, in dem wieder mehrere wichtige Männer sitzen und über deren Inhalt brüten. Carroll Shelby, der eigenbrötlerische Konstrukteur sieht sich das an und sagt dann „Sir, Sie können Le Mans nicht mit einem Komitee gewinnen.

Carroll Shelby ist eine Paraderolle für einen wie Matt Damon (Downsizing – 2017; The Great Wall – 2016; Jason Bourne – 2016; Der Marsianer – 2015; Interstellar – 2014; Monuments Men – 2014; Elysium – 2013; Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll – 2013; Contagion – 2011; True Grit – 2010; Hereafter – Das Leben danach – 2010; Invictus – 2009; Departed – Unter Feinden – 2006; Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Die Bourne Identität – 2002; Ocean's Eleven – 2001; All die schönen Pferde – 2000; Forrester – Gefunden! – 2000; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Dogma – 1999; Der Soldat James Ryan – 1998; Good Will Hunting – 1997; Der Regenmacher – 1997; Chasing Amy – 1997). Matt Damon spielt Shelby als den verständnisvollen Kumpel, als zielorientierten Teddybär, der stets versucht, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln. Shelby hat weder Frau noch Kind; er hat ein Team von Automechanikern als Familie.

Ken Miles, der Rennfahrer, hat Frau und Kind. Und er ist sicher kein Teddybär. Seine besten Tage im Cockpit hat er augenscheinlich hinter sich. Er hat Glück, dass seine Frau ähnlich Autoverrückt ist wie er und dass deshalb sein Sohn kein Die Eltern trennen sich-Trauma durchleben muss. Caitriona Balfe spielt diese loyale Ehefrau als unprätentiös starke Begleiterin glaubhaft; sie hat sich in dieser Rolle Expertise erarbeitet durch ihre Hauptrolle in der TV-Serie "Outlander" (2014-2019); im Kino tauchte sie bislang in Nebenrollen auf (Money Monster – 2016; Escape Plan – 2013; Die Unfassbaren – 2013; Super 8 – 2011).

Den leicht entflammbaren Ken Miles gibt gewohnt mit vollem Körpereinsatz Christian Bale (Feinde - Hostiles – 2017; The Big Short – 2015; Exodus: Götter und Könige – 2014; American Hustle – 2013; The Fighter – 2010; Terminator: Die Erlösung – 2009; "Todeszug nach Yuma" – 2007; Prestige – Die Meister der Magie – 2006; Batman begins – 2005; Die Herrschaft des Feuers – 2002; Corellis Mandoline – 2001; Shaft – Noch Fragen? – 2000; American Psycho – 2000; Das Reich der Sonne – 1987). Bale, dem Beobachter am Set die Qualitäten einer tatsächlich leicht entflammbaren Diva nachsagen, ergänzt sich prächtig mit Matt Damon. Beide lassen die 90 Minuten Vorspiel nicht zu lang erscheinen. Hier merkt man abseits solcher Dinge wie Aufsicht über Timing, Bildkomposition oder Score die professionelle Hand eines Regisseurs. Neben allem anderen ist James Mangolds Schauspielerführung exzellent. Ich habe das Gefühl, die haben sich da am Set wohlgefühlt und wollten vor und hinter der Kamera alle das Beste für diesen Film.

Das ist ihnen gelungen.

Wertung: 7 von 8 €uro
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