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Kinoplakat: Jahr 2022 … die überleben wollen
Beklemmende Science-Fiction
Weit weg und doch ganz nah
Titel Jahr 2022 … die überleben wollen
(Soylent Green)
Drehbuch Stanley R. Greenberg
nach dem gleichnamigen Roman von Harry Harrison
Regie Richard Fleischer, USA 1974
Darsteller Charlton Heston, Leigh Taylor-Young, Chuck Connors, Joseph Cotten, Brock Peters, Paula Kelly, Edward G. Robinson, Stephen Young, Mike Henry, Lincoln Kilpatrick, Roy Jenson, Leonard Stone, Whit Bissell, Celia Lovsky, Dick Van Patten u.a.
Genre Science Fiction
Filmlänge 97 Minuten
Deutschlandstart
23. Mai 1974
Inhalt
Es ist das Jahr 2022. In New York leben 40 Millionen Menschen. Es mangelt an Wasser, Nahrung und Wohnraum. Einmal in der Woche, Dienstag, bietet der Markt „Soylent Green", Eiweißplätzchen, die als besonders nahrhaft angepriesen werden; die anderen Tage sind „Soylent Gelb"- oder „Soylent Rot"-Tage. Lediglich einige Politiker und reiche Bürger können sich sauberes Wasser und natürliche Lebensmittel leisten – zu horrenden Preisen.

Polizist Robert Thorn und sein älterer Mitbewohner Sol Roth teilen sich ein heruntergekommenes Apartement und haben noch Glück. Vor der Wohnungstür auf den Treppen hausen die, die keine Wohnung haben; es sind Hunderte, die dort mit Kind, Kegel und Habseligkeiten vegetieren. Thorn kennt das Leben nicht anders, Roth hat noch die alte Welt erlebt mit Tieren und richtiger Nahrung: Gemüse und Fleisch statt „Soylent Rot" und „Soylent Gelb". Roth recherchiert für Thorn als sogenanntes „Polizeibuch". Auflockerung findet ihr tristes Leben allein durch die Dinge, die Thorn immer wieder aus den Wohnungen reicher Leute mitgehen lässt.

Ein Mann wird ermordet. Ein reicher Mann, mit Einfluss, William R. Simonson. Sol bringt in Erfahrung, dass Simonson für die Firma Soylent arbeitete. Dieses Unternehmen – der Name ist eine Kombination aus Soy (Soja) und Lent(il) (Linse) – kontrolliert die Lebensmittelversorgung der halben Welt und vertreibt die künstlich hergestellten Nahrungsmittel, die in den Farben Rot, Gelb und Grün angeboten werden.

Thorns Ermittlungen führen ihn zu einem Priester. Der Ermordete hatte ihm kurz zuvor noch gebeichtet und ihn so in ein Geheimnis eingeweiht. Auf Nachfrage kann der Priester aber nur Andeutungen über eine „grausame Wahrheit" von sich geben. Kurz darauf wird auch der Priester ermordet aufgefunden. Auf Befehl des Gouverneurs wird Thorn angewiesen, die Ermittlungen einzustellen. Doch Thorn weigert sich und wird kurz darauf bei einem Attentat verletzt.

Sol hat die „grausame Wahrheit" unterdessen im Informationszentrum erfahren. Die dort arbeitenden „Polizeibücher" haben sie ihm berichtet. Sol will nach seinen Entdeckungen nicht mehr weiterleben, schreibt Thorn eine Nachricht und geht in die öffentliche Tötungsanstalt, um sich einschläfern zu lassen. Thorn findet sie und eilt ihm nach. Der sterbende Sol kann ihm kurz vor seinem Tod das große Geheimnis der futuristischen Gesellschaft offenbaren …

Was zu sagen wäre
Richard Fleischers „Soylent Green“ ist großartige Science Fiction; ist aber (SPOILER-Alarm!!!) zuallererst ein Film, der eines der berühmtesten Zitate der Kinogeschichte hervorgebracht hat – nämlich den finalen Ausruf Charlton Hestons: „Soylent Green is People!!!“ („Soylent Green ist Menschenfleisch!!!“)
SPOILER Aus ...

Der Film aus den frühen 1970er Jahren hat überraschend wenig Patina angesetzt, ist mit gemächlichem Tempo erzählt und versteht es, seinen epochalen Paukenschlag geschickt stets nur anzudeuten; dieser Paukenschlag dröhnt in der Tat bis heute nach: „Wollen wir in einer solchen Welt noch leben?“ „Haben wir überhaupt die Wahl, das zu entscheiden?“

Kinoplakat (US): Soylent GreenDas Frauenbild ist, nun ja, altertümlich. Richard Fleischer („Wen die Meute hetzt“ – 1971; „Tora! Tora! Tora!“ – 1970; „Doctor Dolittle“ – 1967; Die phantastische Reise – 1966; Die Wikinger – 1958; „20.000 Meilen unter dem Meer – 1954) drehte ihn zu einer Zeit, da tobte hierzulande seit drei Jahren der Streit zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar über Männerbild und Frauenbild, das heißt: Damals gab es noch viel zu tun und dafür mag der vorliegende Film ein gutes Beispiel sein.

Die auftretenden Frauen sind „Furniture Girls“ („Inventar“), junge Frauen, die den reichen Wohnungsbesitzern als Haussklavinnen dienen – andernfalls würden sie mit den anderen auf den Treppen dahin vegetieren. Frauen treten als devote Dienerinnen auf, als Beiwerk, buchstäblich als Dekoration. Zur Krimihandlung tragen sie nichts bei, natürlich aber zur Zustandsbeschreibung der Welt von morgen, deren Vergangenheit sich in Sol personifiziert, dem Edward G. Robinson, großer Darsteller großer Gangster in den alten Schwarz-Weiß-Zeiten des Kinos, in seiner letzten Rolle eine intensiv melancholische Note gibt (Die zehn Gebote – 1957; Gangster in Key Largo – 1948; Orchid, der Gangsterbruder – 1940; Kid Galahad – Mit harten Fäusten – 1937; Wem gehört die Stadt – 1936; Der kleine Caesar – 1931).

Detective-Story und Gesellschaftsbild stehen gleichberechtigt nebeneinander, die Science-Fiction-Welt erschlägt die Story nicht; wir rätseln mit Detective Thorn, wollen wissen, was hinter dem Mord steckt und nehmen en passant diese neue, unmögliche Welt in uns auf – und sind beunruhigt; gute Filme können so etwas. Kunst soll beunruhigen. Dieser Film, auch wenn die Grundidee schon im Roman von Harry Harrison angelegt ist, beunruhigt.

Und Charlton Heston, der edle Judah Ben Hur, der einst den Moses gab (Die zehn Gebote – 1956) kommt nicht etwa als der Retter auf dem Weißen Pferd daher; sein Thorn ist ein korrupter Scheißkerl, der die Möglichkeiten, die ihm seine Polizeimarke gibt, weidlich zu nutzen weiß.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit der damalige A-Star Charlton Heston („Der Omega-Mann“ – 1971; Planet der Affen – 1968; Der Verwegene – 1967; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; Weites Land – 1958; „Im Zeichen des Bösen“ – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955) auch diese Aspekte seiner Heldenrolle annimmt. Das wäre im Hollywoodkino des – mittlerweile fast – Jahres 2022 kaum noch drin.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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