Kinoplakat: Jack Reacher

Ein schöner Rätsel-Thriller mit
dem Flair der großen Seventies

Titel Jack Reacher
(Jack Reacher)
Drehbuch Christopher McQuarrie
nach dem Roman One Shot von Lee Child
Regie Christopher McQuarrie, USA 2012
Darsteller Tom Cruise, Rosamund Pike, Richard Jenkins, Werner Herzog,Robert Duvall, Jai Courtney, David Oyelowo, Vladimir Sizov, Joseph Sikora, Michael Raymond-James, Alexia Fast, Josh Helman, James Martin Kelly, Dylan Kussman u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 130 Minuten
Deutschlandstart
3. Januar 2013
Inhalt

Helen Rodin hat ein Problem. Sie soll James Barr vor dem elektrischen Stuhl bewahren. Der ausgebildete Scharfschütze hat aber gerade fünf Menschen umgebracht – fünf Passanten, wahllos. Die Beiweise sind erdrückend. Und der Staatsanwalt ist ein Mann, der noch nie einen Fall verloren hat. Er heißt Alex Rodin und ist Helens Vater.

Barr selbst schweigt zu den Vorwürfen und kann auch bald bis auf Weiteres nichts mehr sagen, weil er von Mithäftlingen in ein Koma geprügelt wurde. Eine Forderung aber konnte Barr gerade noch erheben: „Get Jack Reacher!” Der nun ist ein Geist. Keiner weiß, wo er ist, was er macht. Reacher war mal bei der Militärpolizei; ist aber Jahre her. Eine aktuelle Akte über ihn gibt es nicht. Einen Tag später steht Reacher in Rodins Büro. Er will Barr seit Jahren festnageln, weil der im Irak-Krieg schon eine ähniche Nummer abgezogen habe, aber letztlich aus politischen Gründen frei aus der Nummer raus kam.

Reacher lässt sich von Helen als Chefermittler anheuern und merkt schnell, dass der so eindeutige Fall voller Ungereimtheiten steckt: Ein Profischütze, der gegen die Sonne schießt, obwohl es bessere Positionen gegeben hätte? Der Geld in die Parkuhr wirft, an der sein Lieferwagen während der Schüsse steht? Und dann diese blöden Kneipenschläger, die zu doof sind, einfach Kneipenschläger zu sein und sich statt dessen als offensichtliche Falle für Reacher erweisen. Kurz: Reacher wird beweisen, dass Barr unschuldig ist, und was wirklich hinter den fünf Todesschüssen steckt, deren Ziele offenbar so zufällig gar nicht waren, wie es zunächst aussah.

Reacher stößt auf eine Verschwörung, in der er eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen scheint. Auftakt für ein Katz-und-Maus-Spiel mit Scharfschützen, Hintermännern, Baulöwen und unterbezahkten Polizisten …

Was zu sagen wäre

Die große Stärke dieses Films ist seine augenscheinliche Rückständigkeit. Jack Reacher wirkt, wie einer der Action-Thriller aus den 1970er Jahren – sowas wie Clint Eastwood als „Dirty Harry” (1971) unter der Regie von Don Siegel. Ein starker Einstieg – Luftaufnahmen, Überwachungskameras gleich, Großstadt (Pittsburgh in Pennsylvania ist ein erfrischend unverbrauchtes Ambiente), drohende Bassläufe im Soundtrack, ein professioneller Scharfschütze, Schüsse und vor allem: Kein Wort. In den ersten zehn Minuten wird gar nicht geredet und auch im weiteren Verlauf kommt der Film mit wenig Dialog aus, was nicht an tumber Handlung liegt – in dieser Hinsicht kommen auch Steven-Seagull-Filme ohne Dialoge aus – sondern an klarer Bildsprache. Vorgeführt mit ruhige Kamera. Kein Denken an hektischen Schnitt, wackelnde Kamera. Der Film steigt mit klaren, konturscharfen, sattfarbigen Bildern ein. Sehr gut.

Westernheld in der Großstadt

Der Titelheld ist der klassische Westernheld mit karger Vergangenheit: „Ich will Barr nicht helfen. ich will ihn unter die Erde bringen”, sagt er knapp, ermittelt, überführt, verändert die Stadt und reitet weiter. Er selber bleibt, wie er ist. Er ist ja schon klüger als die Detektive, schlagkräftiger als die Kneipenschläger, gewitzter als die Scharfschützen, brutaler als die Gangster – Jack Reacher, der klassische Loner, muss nicht mehr lernen. Er lehrt!

Manchmal stört da Tom Cruise ein wenig, obwohl er als One-Line-Charakter gar nichts verkehrt macht. Aber auch im Kino weiß man ja doch immer so einiges über The Tom! Und da ist dann plötzlich Tom Cruise in einer Tom-Cruise-Produktion, der sich als der Heilsbringer geriert und stolz erklärt, er lebe halt anders, ticke anders und der weitere Filmverlauf zeigt: Er tickt besser! Man muss sich im Kinosaal ein wenig den Gedanken fernhalten, ob das schon aktive Scientology-Gehirnwäsche ist. Möglicherweise ist das aber eine bescheuerte Frage, denn sie lenkt von einem sehr sehenswerten Krimi ab, der auch nach einer Stunde immer noch wunderbar viele Rätsel parat hält und im letzten Drittel eine Autojagd durch das nächtliche Pittsburgh, die ohne Digital-Crashs auskommt – wie gesagt: auf angenehme Weise altmodisch.

Richard Jenkins – Mensch gewordenes Rätsel und Rosamunde Pike – fleischgewordener Hingucker

Zum Altmodischen gehört die Besetzung, in der Richard Jenkins als ambivalenter Staatsanwalt-Vater besetzt ist und damit schon das wichtigste Kriterium der Rolle erfüllt: Er muss ein Rätsel bleiben, Integrer Vater/Polizist? Oder Verräter?. Jenkins („Freunde mit gewissen Vorzügen” - 2011; Das Leuchten der Stille - 2010; „Burn after Reading” - 2008; , „Eine Nacht bei McCool's” - 2001) ist seit Anfang der 80er Jahre im Geschäft – kleine Nebenrollen auffallend gefüllt, schmierige Verräter, ratlose Ehemänner, blöde Loser, Jenkins' Spektrum ist groß. Weiträumig wahrgenommen wird er, seit er in der gefeierten TV-Serie „Six feet under” als verstorbenes Familienoberhaupt eine tragende Rolle hatte. Darauf folgten neue schmierige Verräter, gehörnte Gatten und ratlose Loser. Rosamund Pike als Helen Rodin ist … Seventies-Girl in schönster Ausprägung: hübsch eingeddrehte blonde Locken, blaue Augen, eine von Rubens modellierte Figur, ein gerüttelt Maß Ahnungslosigkeit, die erst spät auf eigene Gedanken kommt. Die Frau ist wie immer ein Hingucker – ob als Bond-Girl in „Die another day” (2002), als Jane Bennet in „Stolz und Vorurteil” (2005), als Maggie, die in Surrogates (2009) ohnehin schon nur noch als Plastik-Püppchen auftritt, Pike ist, was Frauen in den frühen Action-Thrillern immer waren: Hingucker und Stichwortgeberinnen. Tom Cruise passt in den Jack-Reacher-Anzug, den in den Romanvorlagen ein 1,95-Meter-Mann trägt. Egal. Er passt und gibt eine Mischung aus dem gewitzten James Bond, dem professionellen Ethan Hunt und dem skrupellosen Killer Jason Bourne.

Werner Herzog, deutsche Autorenfilm- Regie-Ikone gibt den einäugigen Mann im Hintergrund, der sich „im Gulag” – in der Originalfassung ist es einfach „im Gefängnis” – mehrere Finger abgebissen hat, um sich vor Wundbrand zu bewahren. Das gibt ihm einen gewissen diabolischen Charakter, aber seine „Wir nehmen, was wir kriegen können. Das ist es was wir machen”–Attitüde ist doch ein wenig dünn, um wirklich glaubhaft einen Mann zu verkörpern, der mit seiner Killer-Elite gleich mehrere US-Großstädte reingelegt hat. In der deutschen Synchro (Herzog synchronisiert sich selbst) redet er zudem in roboterhaftem Aufzählungsstakkato, während er im Original einfach ein Osteuropäer ist, der englisch spricht. Die Herzog-Figur ist abtörnend.

Im letzten Akt verliert der Film seine Haltung

Den schönsten Auftritt hat Robert Duvall – was eine Aussage ist, deren Erkenntniswert sich in der Nähe von „Der Himmel ist blau, das Wasser ist nass, Robert Duvall hat den schönsten Auftritt” bewegt. Duvall als Schießstand-Betreiber mit dem klingenden Namen „Cash” ist alt, knarzig, vom Leben ausgebildet, lässt sich kein X für ein U vormachen und hat seinen loyalen Witz behalten.

Mit seinem Auftreten allerdings, aber da kann Duvall nichts dafür, verliert der Film im vorletzten Akt seine Stringenz. Jetzt sind alle Fäden ausgelegt, alle Fragen gestellt. Jetzt muss das Script den Weg zum Höhepunkt, bis zu den End Credits finden – das ist in vielen Filmen der Moment, in der der Film absäuft. Und ab dem Schießstand eben verliert auch dieser Film seine innere Logik: Wir haben da also diesen Superprofi Jack Reacher, der Spuren schon sieht, bevor sie gelegt sind; der Ahnungen hat, wo andere noch beim 5-Uhr-Tee sitzen; der Fallen wittert, die erst drei Ecken weiter lauern. Und dieser Typ geht, wissend dass er der Lösung des großen Rätsels hier ganz nahe kommen wird, über einen Schießstand, 700 Meter, um eine Zielscheibe aufzuhängen und 700 Meter zurück – wie auf einem Präsentierteller, von dem er einfach runtergschossen werden kann, ganz ohne Zeugen, einfach so? Nicht sehr wahrscheinlich. In der Realität schon kaum, in der inneren Filmrealität bei so einem Superprofi gleich gar nicht – oder hat er gewittert, dass keine Gefahr droht? Aber wer ist dann der Mann, der sich ihm von hinten nähert, während er dreimal auf die 700 Meter entfernte Zielscheibe schießt und im Gegenschnitt dann plötzlich nicht mehr da ist und auch später nicht mehr. Die Szenerie am Schießplatz wirkt wie … verschnitten, ein Unfall, irgendwas blöd gelaufen.

Zu der Zeit sind auch alle Rätsel bis auf ein who-done-it-Rätsel gelöst – für dessen Auflösung ohnehin nur zwei Figuren in Frage kommen – und der Film galoppiert ins Finale. Dem sieht man gerne zu. Aber spannend ist das nicht mehr. Es ist einfach ein Ende wie in den Action-Krimis der 1970er Jahre, wenn Harry Calahan schließlich den Killer kalt macht. Aber bis dahin war's abwechslungsreich, überraschend und lustig.

Wertung: 5 von 7 €uro