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Kinoplakat: Im Körper des Feindes
Vertauschte Gesichter, gestohlene
Identitäten und grandiose Action
Titel Im Körper des Feindes
(Face Off)
Drehbuch Mike Werb + Michael Colleary
Regie John Woo, USA 1997
Darsteller

John Travolta, Nicolas Cage, Joan Allen, Alessandro Nivola, Gina Gershon, Dominique Swain, Nick Cassavetes, Harve Presnell, Colm Feore, John Carroll Lynch, CCH Pounder, Robert Wisdom, Margaret Cho, James Denton, Matt Ross u.a.

Genre Thriller, Action
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
25. September 1997
Inhalt

Zwei Männer. Todfeinde. Der eine ein bedenkenloser Killer, der andere ehrbarer FBI-Agent. Der eine mordete den fünfjährigen Sohn des anderen. Seitdem kennt Agent Sean Archer nur noch ein Ziel: „Jagt Castor Troy!“ Archers Hass auf Troy überdeckt alles andere. Seit Jahren. Die Ehe kriselt, die pubertierende Tochter nervt er, die FBI-Kollegen schieben Überstunden. Aber Castor Troy zieht weiter ungerührt seine mörderischen Kreise.

Ganz plötzlich hat der Spuk ein Ende. Nach einer halsbrecherischen Jagd über die Rollbahn des L.A. International Airport ist Castor Troy gefasst, liegt im Koma. Und irgendwo tickt Castors Abschiedsgeschenk. Eine Giftgas-Bombe. Sie wird hochgehen. Irgendwann.

Die einzige Chance für Archer, an die Bombe heranzukommen, ist Troys Bruder Pollux. Der sitzt im Hochsicherheitsgefängnis, würde nur mit Castor Troy selbst reden. Nach einigem Zögern unterzieht sich Agent Archer einer High-Tech Operation – er tauscht, einfach ausgedrückt, sein Gesicht mit dem des Killers im Koma. Mit Troys Gesicht, dessen Statur und Stimme und geht Archer in den Knast und weiß schnell alles, was er wissen muss. Leider nicht schnell genug!

Denn in dieser Nacht erwachte der gesichtsloser Castor Troy aus seinem Koma, überrumpelte die High-Tech-Ärzte und die einzigen Mitwisser des FaceOff und floh in die Dunkelheit. Mit dem Gesicht des ehrbaren FBI-Agenten Sean Archer.

Alle Zeugen des Archer-'Face/Off' sind tot. Der FBI-Agent mit dem Gesicht des Feindes sitzt unerkannt im Gefängnis. Der Terrorist mit dem Gesicht des Guten liegt im Bett der ahnungslosen FBI-Gattin und leitet das FBI-Büro in Los Angeles und hat demnächst einen Termin im Weißen Haus …

Was zu sagen wäre

Ein Spiel der Identitäten. Ich bin Du. Du bist Ich. Ich bin mein ärgster Feind. Mein Feind erobert mein Heim. John Woo stellt alles auf den Kopf und nimmt dem Zuschauer durch den bizarren Gesichtstausch (den wir zugunsten der Hollywood-Fantasy technisch nicht hinterfragen) den Boden der Gewissheit. Noch lange, nachdem Travolta zu Cage und Cage zu Travolta wurde, versuchen wir im Kinosessel klar zu bekommen, dass nicht Nicolas Cage im Gefängnis Prügel bezieht, sondern John Travolta, der Nicolas Cage spielt, der einen Nicolas Cage spielenden John Travolta spielt – und umgekehrt.

Gut und Böse tauschen die Rollen – Und machen die Wet ein bisschen besser

Du kannst nicht aus Deinem Körper und derKörper beeinflusst Dich. Den Boden der beruhigenden Gewissheit entzieht uns Woo auch in der Charakterzeichnung seiner Hauptfiguren. Cage ist ein Killer, aber einer, der seinem kleinen Bruder liebevoll den Schuh bindet. Travolta ist der gute FBI-Mann, aber kalt auf Job und Troy fixiert setzt er Ehe, Familie und Kollegen aufs Spiel. Es braucht schließlich den Killer im Schafspelz im dysfunktionalen Haus des Polizisten, der Tochter Jamie Verständnis entgegenbringt, weil auch die Pubertierende sich hinter der Maske der coolen Bitch versteckt hält – es braucht das Böse, um Selbstbewusstsein zu entwickeln. Es braucht aber auch den braven Cop im Wolfsfell im Drogen- und Waffenstarrenden Hauptquartier der Killer, um Troys Familienbande zu retten, dessen Freundin jene ruhe zu verschaffen, die die so dringend nötig hat – es braucht das Gute, um Zukunft zu sichern.

Aber eine Gewissheit lässt John Woo uns: Als Schurke gehört John Travolta (Operation – Broken Arrow – 1996; „Schnappt Shorty“ – 1995; Pulp Fiction – 1994; „Grease“ – 1978; Nur Samstag Nacht – 1977) zum Besten, was in Hollywood zurzeit auf dem Markt ist; selbst, wenn er zeitweise von Nicolas Cage (Con Air – 1997; The Rock – Fels der Entscheidung – 1996; Leaving Las Vegas – 1995; „Kiss of Death“ – 1995; „Tess und ihr Bodyguard“ – 1994; Airborne – Flügel aus Stahl – 1990; „Wild at Heart“ – 1990; „Mondsüchtig“ – 1987; „Peggy Sue hat geheiratet“ – 1986) gespielt wird. Der wiederum gibt seiner Menagerie augenrollender Verrückter ein neues Comic-Highlight hinzu, wunderbar; auch wenn er zeiweise von John Travolta gespielt wird. Ein verrückter Film – buchstäblich. Ein Action-Film, der mit seiner Action hohe Maßstäbe setzt.

Dieser Actionfilm setzt Maßstäbe für Jahre

„Face/Off“ präsentiert schon nach 10 Minuten Action-Tempo, das durchschnittliche Hollywood-Actioner sich für ihr Grande Finale aufheben. Da jagen Jeeps über die Landebahn gegen einen startenden Jet, blockiert ein Hubschrauber dessen Leitwerk, wird aus allen Rohren gefeuert und schleudert Troy quer durch einen Windkanal. Gefilm mit einer sehr smoothen Kamera ohne hektisches Gewackel – große Kinokunst. Und in dem Stil geht das weiter: Das Drama der vertauschten Identitäten wird immer wieder unterbrochen durch fulminante Showdowns – Troy/Archer flieht aus dem Gefängnis; Archer/Troy scheucht Troy/Archer in seinem Versteck auf, die Folge ist eine fünfminütige Schießerei über mehrere Stockwerke eines eleganten Lofts; zwei Schnellboote jagen mit Affenzahn durch den Industriehafen und versuchen, sich gegenseitig in die Kaimauern zu rammen.

Und dazwischen ist manches sehr leicht behauptet, einen Oscar für die Glaubwürdigkeit bekäme der Film nicht. Woo macht aus seiner bizarren Ausgangssituation aber dennoch kein blasses Weiß/Schwarz-Slasher-Movie. Er gibt seinem Film Zwischentöne und damit Tiefe. Plötzlich hast Du das Gefühl, Du schaust ein großes Epos – keinen Actionfilm. Es ist der dritte Hollywood-Film des Hongkong-Regisseurs John Woo, der für an Ballett erinnernde Action-Choreografie, Zeitlupen und flatternden Weißen Tauben an dramatischen Stellen bekannt ist. Nach dem van-Damme-Film „Hard Target“ (1993) und dem Action-Thriller Operation: Broken Arrow (1996 – ebenfalls mit Travolta) setzte Woo den endgültigen Maßstab im Action-Kino und trug dadurch das Action-Genre, das in den 80er Jahren von SchwarzeneggerWillisStallone und in den 90er Jahren vor allem vom Produzenten Jerry Bruckheimer dominiert, war zu Grabe.

Nichts, was in den Jahren nach „Face/Off“ kam, wollte so recht zünden. Erst Passwort: Swordfish (2001 – wieder mit Travolta) setzte einen drauf – aber da hatte schon das Zeitalter der digitalen Bildtechnik begonnen, die dem analogen CrahBoumBang nicht das Wasser reichen kann, weil das physische fehlt. „Face/Off“ ist sehr physisch.

Wertung: 11 von 11 D-Mark
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