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Kinoplakat: Im Jahr des Drachen
Eine Orgie in Gewalt und Rassismus.
Der Vietnamkrieg erreicht Manhattan.
Titel Im Jahr des Drachen
(Year of the Dragon)
Drehbuch Oliver Stone + Michael Cimino
nach dem Roman von Robert Daley
Regie Michael Cimino, USA, Frankreich 1985
Darsteller

Mickey Rourke, John Lone, Ariane Koizumi, Leonard Termo, Raymond J. Barry, Caroline Kava, Eddie Jones, Joey Chin, Victor Wong, K. Dock Yip, Hon-Lam Pau, Way Dong Woo, Jimmy Sun, Daniel Davin, Mark Hammer u.a.

Genre Thriller, Action
Filmlänge 134 Minuten
Deutschlandstart
24. Oktober 1985
Inhalt

Captain Stanley White übernimmt das Chinesenviertel Chinatown in New York City. Er hat Vorurteile gegenüber Asiaten, seit er im Vietnamkrieg diente. Ob es sich um Vietnamesen oder Chinesen handelt, ist für ihn dabei unwichtig.

Ein chinesischer Mafiaboss fällt einem Anschlag zum Opfer. Anfangs wollen Whites Vorgesetzte noch schnelle Ergebnisse von ihm wegen der drohenden Erbfolgekriege. Vom ersten Tag an geht White, der höchstdekorierte Polizist der Stadt, auf den Straßen vor „wie eine Dampfwalze“.

Der junge Joey Tai, ebenfalls nicht zimperlich in der Wahl seiner Methoden, wird als Ergebnis des Generationskonflikts zum neuen Oberhaupt der chinesischen Triaden in New York. Tai scheint ein Geschäftsmann moderner Prägung, der beginnt, das Interesse der Medien auf sich zu ziehen. Er setzt sich für seine Landsleute und das Viertel finanzkräftig ein, ist karitativ tätig. Unter dieser Fassade ist er ein skrupelloser Machtmensch, der über Leichen geht.

Kinoplakat (US): Im Jahr des DrachenWhite stellt sich als nicht käuflich heraus. Im Alleingang kündigt er die bequemen, informellen Abmachungen zwischen den Triaden und den Strafverfolgern. Dies, obwohl ihm die „alten Männer“ der 60 Familien versichern, dass „wir Chinesen seit 2000 Jahren nicht zur Polizei gehen“. Tai bricht seinerseits, kaum an die Macht gekommen, die alten Abmachungen mit den italienischen und koreanischen Banden. Dementsprechend verhärten sich die Fronten.

In einem Chinarestaurant gerät White mit der attraktiven Fernsehjournalistin Tracy Tzu in ein Maschinenpistolen-Massaker. Über Tracy versucht er, das Fernsehen für seine Zwecke zu instrumentalisieren. White betrügt seine Frau mit Tracy, die ihn aus der gemeinsamen Wohnung wirft.

Als eine seiner ersten Aktivitäten als neuer Kopf der chinesischen Mafia fliegt Tai ins Goldene Dreieck, um neue Preise für Heroin auszuhandeln. In Thailand bringt er zunächst den gegnerischen Bandenführer White Powder Ma um, um bei seinem Lieferanten, dem General einer Dschungelarmee in Birma, durch die Ausschaltung dieses anderen Hauptabnehmers den Preis drücken zu können.

Gleichzeitig nutzt White alle Ressourcen seines Reviers, um Chinatown in nie dagewesenem Ausmaß auf den Kopf zu stellen, schwört seine Leute ein und rennt Richtung Untergang …

Was zu sagen wäre

Michael Cimino holt den Vietnamkrieg nach Manhattan. Zusammen mit Vietnamfilm-Veteran Oliver Stone (Drehbuch) zieht er  wieder in den Krieg. Sie schicken Stanley White vor, der – nomen est omen – das Fleisch gewordene weiße Vorurteil gegen die Schlitzaugen ist; muss ich erwähnen, dass chinesische Verbände aller Couleur gegen diesen Film ins Feld gezogen sind?

Die Klasse des Films entblättert sich über mehrere Ebenen

„Year of the Dragon“ ist kein einfacher Film. So großartig er fotografiert, so komplex er erzählt ist, so quer liegt mir der Protagonist, der hochdekorierte New York Cop. An wen soll ich mich anlehnen in diesem Clash of Cultures, wenn der Protagonist dafür ausfällt? An die Chinesen? Die mir unablässig erzählen, alles was sie täten sei Ausdruck einer Jahrtausende alten Tradition und deshalb bitteschön und nirgendwo auf der Welt zu ändern sei? An den Antagonisten, der sich in Chinatown als selbstloser Wohltäter geriert, aber unter der Decke Mordaufträge gegen missliebige Konkurrenten erteilt?

DVD-Cover: Chinatown Mafia – Im Jahr des Drachen

Vielleicht ist das gar nicht die richtige Frage. Michael Cimino portraitiert hier nicht einen Good Cop mit schlechten Manieren oder einen Motherfucker mit edlem Antlitz; Cimino portraitiert eine Gesellschaft, augenscheinlich die asiatische, auf der Meta-Ebene aber die US-Gesellschaft – New York als Schmelztigel der Völker. Es geht ums Geschäft, hier wie da. Tais Aufstieg in der Organisation resultiert aus der Sehnsucht nach einer starken Hand angesichts des neuen polizeilichen Verfolgungsdrucks, der neue Unsicherheiten mit sich bringt. So wie sein Gegenüber mit der Polizeimarke kündigt er die bestehenden Abmachungen, um seinen Laden abzusichern.

Der Querkopf gegen das Rentensystem

Stanley White kündigt die alten Abmachungen zwischen Rathaus und Chinatown. Begründung: Er fühlt sich an Vietnam erinnert, wo alle möglichst unbescholten rauskomme wollen; „Wenn ich aufgebe“, sagt er, „gibt das System auf!“. Mickey Rourke spielt diesen Stanley White als das Freie Radikale unter lauter Beamten und Politikern, „die immer nur an ihre Rente denken“ und sich folglich nach Möglichkeit nicht bewegen. Das ist klassische Hollywood-Helden-Partitur, die Stone und Cimino aber gleich wieder durchkreuzen, wenn sie deutlich machen, dass White gegenüber seiner Frau – man könnte analog zum obigen System sagen „dem System Ehe“ – genau so unnachgiebig ist. Es gibt Wichtigeres, als Ehe und Kinder, schreien diese Sequenzen; wie kann man sich ins warme Wohnzimmer setzen, wenn draußen die Welt zugrunde geht, schreien diese Sequenzen und schließlich: Einer muss den Job ja machen – das ist Hollywoods-Helden-Partitur dann in extremo. Dieser Held ist kein glänzender Ritter. In Stanley White gipfelt die Erkenntnis: Je komplexer und verwerflicher die Hauptfigur, desto größer die Kunst.

Der Clash of Cultures wird gespielt von einem weißen Cop und einem chinesischen Emporkömmling mit teurer Erziehung und gipfelt in einem fulminanten Shootout im Hafen von New York; hier kulminieren die die Genres aus Kriegsfilm und Copmovie in dem des klassischen Western. Alex Thomson, der für die Kameraarbeit verantwortlich ist, darf in dieser Szene aus dem Vollen schöpfen, nachdem er zuvor zwei Stunden lang unauffällig, aber souverän ein Kunstwerk ans andere gereiht hat – seine Fotografie hebt den Film aus der breiten Masse heraus.

Nackt vor der Brooklyn Bridge

John Lone („Iceman – Der Mann der aus dem Eis kam“ – 1984; „King Kong“ – 1976) spielt den Joey Tai so kalt, dass die Grenzen zwischen Spiel und Figur verschwimmen. Seine Leistung kann kaum hoch genug gewürdigt werden. Mickey Rourke („Der Pate von Greenwich Village“ – 1984; Rumble Fish – 1983; American Diner – 1982; „Heißblütig – Kaltblütig“ – 1981; „Heaven's Gate“ – 1980; „1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood“ – 1979) als Cop-ohne-Ausweg gibt eine superbe Vorstellung, die seinem Stanley White eine Komplexität gönnt, die selten ist in Filmen wie diesen, die dem Mainstream fröhnen (müssen). Sein Umgang mit der Fernsehreporterin Tracy, deren Darstellerin Ariane Koizumi ein schönes Model, aber eine schlechte Schauspielerin ist, die keinerlei Feuer hat, dafür aber als Nackerte vor abendlich illuminierter Brooklyn Bridge in Erinnerung beibt, dient Stone und Cimino augenscheinlich nur dazu, die asiatisch-amerikanischen Konflikte aufzuzeigen; prompt sind deren Dialoge eine Sammlung roh gezimmerter Platitüden aus den Geschichtsbüchern, die der Handlung nicht helfen.

Der Regisseur Cimino („Die durch die Hölle gehen“ – 1978; Die Letzten beißen die Hunde – 1974), der mit „Heaven‘s Gate“ 1980 einen wirtschaftlich derartigen Flop hingelegt hat, dass daraufhin das unter anderem von Charlie Chaplin gegründete Filmstudio „United Artists“ pleite war, hat sich von der Haltung des Autors Cimino (Dirty Harry II – Callahan – 1973; Lautlos im Weltraum – 1972) mitreißen lassen und dann versucht, die Message mit ordentlich Feuer (im Sinne des Wortes) anzuheizen.

Und so schickt mich der Film beunruhigt zurück in die reale Welt: Was habe ich gesehen? Warum wurde es gezeigt? Ist ja interessant, was die Chinesen so alles durchgemacht haben. Nicht schlecht für einen kommerziellen Film!

Wertung: 8 von 9 D-Mark
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