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Kinoplakat: Ich sehe den Mann Deiner Träume
Im Alter wird
Woody gnadenloser
Titel Ich sehe den Mann deiner Träume
(You Will Meet a Tall Dark Stranger)
Drehbuch Woody Allen
Regie Woody Allen, UK, USA 2010
Darsteller Gemma Jones, Naomi Watts, Anthony Hopkins, Pauline Collins, Rupert Frazer, Kelly Harrison, Josh Brolin, Freida Pinto, Eleanor Gecks, Antonio Banderas, Ewen Bremner, Christian McKay, Philip Glenister, Jonathan Ryland, Pearce Quigley u.a.
Genre Drama, Komödie
Filmlänge 98 Minuten
Deutschlandstart
2. Dezember 2010
Website woodyallen.com
Inhalt

Alt werden hat auch nicht so richtig viel für sich. Vor allem nicht, wenn man(n) es an der Seite seiner ebenfalls alt werdenden Gattin tut, die einem das Alt-werden bei jedem Fitness-Training aufs cholesterinarme Butterbrot schmiert. Alfie, 73 Jahre alt, hat sich deshalb getrennt und sich Charmaine ins Bett geholt – die ist ungefähr ein Drittel so alt wie er, langmähnig-blond, die Beine länger, die Kleidchen kürzer. Nun gut: Streng genommen hat Alfie sie erst in sein Bett gekauft. Charmaine war Prostituierte, bis Alfie sie geheiratet hat und sie ihn fortan ausnimmt wie eine Weihachtsgans. Was er aber nicht … naja, wohl nicht zur Kenntnis nehmen will.

Die von Alfie verlassene Helena ist verzweifelt und sucht nach einem gescheiterten Selbstmordversuch jetzt Hilfe beim Okkultismus. Auf Anraten ihrer Masseurin besucht sie eine angebliche Wahrsagerin, Cristal, die durch ihre „Prophezeiungen”, unterstützt von einigen Gläsern Sherry und vielen „Liebchen” maßgeblich Stimmungen und Tun von Helena bestimmt. Bei Freunden lernt sie den trauernden Witwer und Inhaber einer Buchhandlung für okkultistische Bücher, Jonathan, kennen – nicht unbedingt der „große, dunkle Fremde”, den Cristal prophezeit, aber immerhin Witwer, also alleine. Diese Fremdsteuerung von Helena ist deren und Alfies gemeinsamer Tochter, Sally, anfangs nur recht, solange nur ihre Mutter wieder glücklicher ist. Denn Sally hat selber genug Probleme: So verläuft ihre eigene Ehe mit dem studierten Mediziner Roy, einem Autor, der sich in einer Schaffenskrise befindet, alles andere als harmonisch.

Aufgrund der Spannungen innerhalb seiner Ehe mit Sally verliebt sich Roy in seine indisch-stämmige Nachbarin Dia, eine junge und hübsche Musikstudentin, die er von seinem Schlafzimmer aus regelmäßig beim Musizieren beobachtet. Als es nach der Ablehnung seines zweiten Romans durch Roys Verleger zur Trennung von Sally kommt, zieht Roy bei Dia ein. Diese sagt für Roy in letzter Sekunde ihre bevorstehende Hochzeit mit einem Diplomaten ab. Gleichzeitig gibt Roy das mutmaßlich großartige Erstlingswerk eines bei einem Verkehrsunfall gestorbenen Freundes Henry als eigenes Werk aus. Alle Welt ist begeistert von dem Buch. Bei Dias Vater, einem Übersetzer, und seinem Verleger erntet er riesige Vorschusslorbeeren. Dann erfährt Roy, dass dummerweise Henry gar nicht gestorben ist, sondern nur im Koma liegt und außerdem gute Chancen auf Genesung hat. Und jetzt ..?

Kinoplakat (US): You will meet a tall dark Stranger

Roys Ex Sally verliebt sich – ein wenig holprig und umso heimlicher – in ihren Chef, den erfolgreichen Galeristen Greg Clemente. Nachdem Sally erfährt, dass Greg eine Affäre mit ihrer Freundin Iris, einer von Sally an die Galerie von Greg vermittelten Künstlerin hat, beschließt sie, sich mit einer Freundin selbständig zu machen. Dafür bittet sie ihre Mutter Helena um ein Darlehen. Dafür muss aber Helena erst ihre Cristal befragen, wie die Sterne stehen.

Und dann klopft auch ein zerschundener Alfie wieder an ihrer Tür ...

Was zu sagen wäre

„Das Leben”, sagt William Shakespeare, „ist Schall und Wahn. Es bedeutet nichts!” Dieses Zitat setzt Woody Allen seinem 41. Film voran. Und gemäß dieses Mottos schubst er seine Protagonisten über das Spielfeld namens Leben. Was immer Ihr tut, sagt der Film, was immer strebend Ihr Euch bemüht, wie heiß Ihr kämpft und wie genau ihr kalkuliert – das Leben, der niedliche Kobold, wird Euch einen Strich durch die Rechnung machen. Woody Allen ist böser geworden im Alter. Erstmals augenfällig wurde das vor fünf Jahren in Match Point. Endeten die Kapriolen der Männer in seinen großen Beziehungskomödien in den 70er (Der Stadtneurotiker) und 80er Jahren („Hannah und ihre Schwestern”, „Ehemänner und Ehefrauen”) noch mit einem, wenn auch schmerzhaften, Augenzwinkern, lässt er seine Figuren heute gnadenlos abstürzen.

Woodys Personal leidet im und am Alter

Es ist wunderbar, wie konsequent (und damit glaubwürdig) Allen bei sich beibt und seine Perspektive seinem Alter gemäß behält. Heute hat er deutlich weniger Leben vor als hinter sich; er spürt die Endlichkeit des Seins, die Schrecken des Alt werdens spart er ja in keinem Interview aus. Warum also soll es seinen Figuren besser ergehen? Damit der Zuschauer befreit auflachen kann? Über solche Sperenzchen ist der Altmeister hinausgewachsen. Längst sind seine Filme nicht mehr in erster Linie komisch. Sie erzählen tragische Geschichten über tragische, dem Leben hilflos ausgelieferte Menschen. „Komödie” nennen wir das nur in Ermangelung eines treffenderen Begriffs.

Der Einfluss des „alten Europa”, wo er zunehmend dreht, nimmt zu. Der US-eigene Happy-go-lucky-and-anything-goes-Einfluss verschwindet zugunsten europäischen Intellekts. Match Point, sein erster in London gedrehter Film, erreichte eine Tiefe, die ausgestiegene Woody-Fans in neuer Liebe erglühen ließ. Da müssen wir den US-Geldgebern fast dankbar sein, die Woody Allen nicht mehr finanzieren wollen und für die also europäische Geldgeber eingesprungen sind, die Mr. Allen einfach machen lassen.

Wie immer: Erlesene Schauspieler

Woody Allen zieht sein Ding durch, dreht jedes Jahr einen Film und wir dürfen ihm bei seiner Entwicklung zusehen. Und wie immer zusammen mit einer erlesenen Schauspielerschar: Freida Pinto (Slumdog Millionär - UK 2008) als Dia ist entzückend, Naomi Watts („The International – 2009; King Kong – 2005; „21 Gramm” – 2003) pendelt perfekt zwischen Profession und Wahnsinn ihrer Sally, Antonio Banderas ist ein charmanter, höflicher Mensch, der seine sonst üblichen Machospielchen beiseite lassen kann, Anthony Hopkins (Das Spiel der Macht – 2006; „Alexander” – 2004; „Der menschliche Makel” – 2003; Mission: Impossible II – 2000; „Rendezvous mit Joe Black” – 1998; „Nixon” – 1995; Legenden der Leidenschaft – 1994; Das Schweigen der Lämmer – 1991) als Woodys Alter Ego pflegt dessen Manierismen und liefert als Alfie eine gekonnte Performance ab (endlich mal wieder). Josh Brolin (Wall Street: Geld schläft nicht – 2010; „W.” – 2008; „Im Tal von Elah” – 2007; „Planet Terror” – 2007; „No Country for Old Men” – 2007) zeigt, was er kann und gibt den angefetteten Unsympath, der sich in jedem Fallstrick verheddert, der des Wegs kommt.

Weiterhin ist nicht jeder Film Allens ein einsamer Knaller. Aber immer sehens- und hörenswert. Dialoge schreibt er weiterhin brillante! Und ist es nicht irgendwie auch beruhigend, dass in Woody #41 esoterischer Blödsinn eine erlösende Wirkung entfesselt, wie sie die psychoanalytischen Sessions seiner 70er- und 80er-Figuren nie hatte? Wunderbar!

Wertung: 6 von 7 €uro
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