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Kinoplakat: Hugo Cabret
Scorsese macht den Spielberg
mit kindlicher Freude fürs Kino
Titel Hugo Cabret
(Hugo)
Drehbuch John Logan
nach dem Buch von Brian Selznick
Regie Martin Scorsese, USA 2011
Darsteller Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Ray Winstone, Emily Mortimer, Christopher Lee, Helen McCrory, Michael Stuhlbarg, Frances de la Tour, Richard Griffiths, Jude Law, Kevin Eldon, Gulliver McGrath, Shaun Aylward u.a.
Genre Fantasy
Filmlänge 126 Minuten
Deutschlandstart
9. Februar 2012
Inhalt

Hugo lebt in Paris, im Gare Montparnass. 12 Jahre ist er alt, sein Vater ist tot, sein Onkel verschollen. Sein Zuhause ist das große Uhrwerk im Bahnhof. Und damit niemand dumme Fragen stellt, kümmert sich Hugo um das Uhrwerk und sorgt dafür, dass die Uhren immer richtg gehen. Hugo hat früh gelernt, dass sich niemand für etwas interessiert, wenn es läuft. Erst, wenn die Uhr nicht mehr läuft, kommen sie gucken, stellen Fragen und stecken den Jungen ins Waisenhaus. Das will Hugo nicht.

Die Feinmechanik hat ihm sein Vater beigebracht, der bis zu seinem Tod an einem mechanischen Menschen bastelte, den er irgendwo gefunden hatte. Nach Vaters Tod holte ihn sein Onkel zu sich, der in jenem Uhrwek hauste, in dem Hugo heute noch lebt. Sein Onkel ist verschwunden. Wenn sich Hugo nicht um die Uhren kümmert – eine Arbeit, die ihn nur einmal pro Tag beschäftigt – schaut er sich im Kino alte Filme an, bis der Platzanweiser ihn rauswirft; oder er bastelt an seines Vaters mechanischem Mann.

Hugo ist überzeugt, dass der, wenn er wieder voll funktionstüchtig ist, ihm eine Botschaft seines Vaters übermitteln wird. Also klaut Hugo. Er braucht ja jede Menge Einzelteile – Schrauben, Muttern, Zahnräder. So etwas klaut Hugo bei Monsieur Méliès, einem alten Mann mit Bittermine, der einen kleinen Laden im Bahnhofsgebäude betreibt. Bis M. Méliès ihn eines Tages erwischt und Hugos Aufzeichnungen an sich reißt.

Das ist schlecht für Hugo, weil er auf seine Aufzeichnungen angewiesen ist, um den mechanischen Mann zu bauen und auch, weil er jetzt Gefahr läuft, dass M. Méliès den Stationsvorsteher ruft, der Kinder sofort ins Waisenhaus verfrachten lässt. Aber gut ist, dass er auf diese Weise die Nichte Méliès' kennenlernt – Isabelle. Isabelle liebt Bücher. Und sie liebt Hugos Uhren-Welt und den mechanischen Mann und sie war noch nie im Kino und sie hat den so dringend benötigten Schlüssel um den Hals hängen, der allein den mechanischen Mann zum Leben erwecken kann, damit der Hugo die Botschaft von Hugos Vater übermitteln kann.

Als der mechanische Mann sein Werk dann endlich vollendet hat, staunt Hugo nicht schlecht darüber, wie klein die Welt doch ist …

Was zu sagen wäre

Armer, kleiner Junge erweicht das Herz eines verbittten, alten Mannes, und der schenkt ihm dafür die Welt. Das darf ich verraten, weil Martin Scorsese seinen Film so märchenhaft inszeniert, dass ein anderes Ende als ein zauberhaftes gar nicht passt. Scorsese (Shutter Island – 2010; „Shine a Light“ – 2008; Departed – Unter Feinden – 2006; „Aviator“ – 2004; Gangs of New York – 2002; Bringing Out the Dead - Nächte der Erinnerung – 1999; Casino – 1995; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Kap der Angst – 1991; GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Die letzte Versuchung Christi“ – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; „New York, New York“ – 1977; „Taxi Driver“ – 1976) hat sich weit weg bewegt von den Meanstreets seiner frühen Mafiastorys aus Little Italy. Hugo Cabrets Welt ist eine Welt aus Gestängen, Getrieben und nutzlos gewordener Mechanik, in der gleißendes Sonnenlicht durch verstaubte Bahnhofsfenster strahlt.

Mit großen Augen im Kino sitzen

Der Film steht auf den Pfeilern des klassischen Jugend-Abenteuerromans: Die Nemesis ist der Stationsvorsteher mit Beinschiene, der heimlich das Blumenmädchen liebt; Hugos neue Freundin, der Chloë Grace Moretz – das Hit-Girl aus Kick Ass – geschlechtslose Statur gibt, ist ausgestattet mit einer ordentlichen Portion Abenteuerlust. Mit großen Augen sehen beide im Kino Harold Lloyd in seiner berühmten Uhrenszene. Und wenn man sich mal an die irritierenden Augen Asa Butterfields gewöhnt hat, ist der Junge ein faszinierendes Spektakel unterschiedlicher Gesichtsausdrücke. Er ist fordernd, drohend, ängstlich, verletzlich, verstört, smart. Selbst der mechanische Mann beherrscht unter Scorseses Regie Gesichter.

Der Film ist ein kleines Wunder über das große Wunder, dass das Kino einmal war. Mit knapp 70 nimmt sich Martin Scorsese die Freiheit, sich die Naivität des Kindes zu gönnen, mit der sein vier Jahre jüngerer Kollege Steven Spielberg einst seinen Siegeszug im Kino begann. Die Welt sei eine große Maschine und jedes Teil habe seine Aufgabe, keines sei überflüssig, lernt Hugo. Also sucht er seinen Platz, an dem er sinnvoll ist. Später wird er erfahren, dass der Maschinenmensch, den sein Vater fand, dem großen Filmpionier Georges Méliès einst seine erste Filmkamera ermöglichte. Jener Maschinenmensch, der später Hugo auf Méliès Spur bringen wird und dadurch gleich mehrere Schicksale in seiner Bahnhofswelt entscheidend zum Glücklichen hin verändern wird. Die Welt gehört den Kindern, sagt uns Scorsese; allein sie sind es, die sie voranbringt, nur sie halten die Dinge in Bewegung, die Uhren am Laufen … und der Zauber des Kinos währet ewiglich. Und der Erlöser ist ein mechanischer Mann ohne Hülle, der den Mann im Mond malt, dem eine Rakete ins Auge geflogen ist.

Fliegt eine Kamera über Paris

Scorsese hat mit Hugo Cabret für sich Neuland betreten, hat in 3D gedreht. Nach Avatar (2009) ist dies der zweite Film, der zeigt, dass 3D im Kino zu mehr Nutze sein kann, als dem Kunden das Geld für billige Effekte aus der Tasche zu ziehen. Scorseses Bilder haben Tiefe, nicht Bewegungseffekte. So wird der Einstieg in diese Märchenwelt ein Kameraflug über das Paris der frühen 1930er Jahre bis hinein in den Bahnhof, die Gleise entlang bis zur großen Uhr, hinter der Hugo mit großen Augen in die Welt schaut – eine schöne Übersetzung ins Kino-Sprech der Märchenformel „Es war einmal … “.

Schönes Kino! Bei der Oscar-Gala 2012 wurde der Film mit fünf Oscars ausgezeichnet: Oliver Stones langjähriger Kameramann Robert Richardson holte sich den Kamera-Oscar ab, Scorseses ewige Mitstreiter Dante Ferretti und Francesca Lo Schiavo den Oscar für die Ausstattung, dazu kamen Oscars für Ton, Mischung und die Visuellen Effekte. Und eine Niederlage gegen den schwarz-weißen Stummfilm The Artist aus Frankreich, der den Regie-Oscar erhielt und als Bester Film ausgezeichnet wurde.

Wertung: 5 von 7 €uro
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