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Kinoplakat: Die Höllenfahrt der Poseidon
Klassiker des Katastrophenfilms
Feuchter Spaß und Nägelbeißer
Titel Die Höllenfahrt der Poseidon
(The Poseidon Adventure)
Drehbuch Stirling Silliphant + Wendell Mayes
nach dem Roman „Schiffbruch” von Paul Gallico
Regie Ronald Neame (und Irwin Allen), USA 1972
Darsteller Gene Hackman, Ernest Borgnine, Red Buttons, Carol Lynley, Roddy McDowall, Stella Stevens, Shelley Winters, Jack Albertson, Pamela Sue Martin, Arthur O'Connell, Eric Shea, Fred Sadoff, Sheila Allen, Jan Arvan u.a.
Genre Katastrophenfilm
Filmlänge 117 Minuten
Deutschlandstart
25. Januar 1973
Inhalt

Die Poseidon ist auf ihrer letzten Fahrt unterwegs von New York nach Athen, als Kapitän Harrison die Meldung erhält, dass es in der Nähe von Kreta ein starkes Seebeben gegeben hat. Das Schiff ist zu diesem Zeitpunkt stark toplastig, denn der Vertreter des Schiffseigners an Bord, Mr. Linarcos, hatte dem Kapitän zuvor befohlen, das Schiff, ohne vorher zusätzlichen Ballast aufzunehmen, mit voller Kraft zu steuern.

Es ist kurz vor Mitternacht zum Jahreswechsel, an Bord des Luxus-Liners findet die große Silvesterparty statt, als das Schiff von einer Monsterwelle erfasst wird und kentert. Nach heftigen Explosionen treibt das Wrack kieloben auf dem Ozean. Rev. Dr. Frank C. Scott versucht, die im Ballsaal eingeschlossene Festgesellschaft davon zu überzeugen, den Weg nach oben, also zum Schiffsrumpf anzutreten. Die meisten Überlebenden vertrauen jedoch auf den Zahlmeister, der behauptet, nur hier unten/oben könnten sie von Suchtrupps gefunden werden.

Kinoplakat (US): The Poseidon AdventureEine kleine Gruppe folgt Rev. Scott. Eben als sie den Ballsaal über einen mehrere Meter hohen Weihnachtsbaum verlassen haben, bricht das Wasser ein und nur Scott und seine Getreuen – Polizist Mike Rogo und seine Frau Linda, der Geschäftsmann James Martin, Sängerin Nonnie Parry, das alte Ehepaar Manny und Belle Rosen, die beiden Geschwister Susan und Robin Shelby sowie der Bordsteward Acres – überleben.

Die Gruppe berät sich über ihre Strategie. Der junge Passagier Robin Shelby hat sich von einem Besatzungsmitglied vor dem Unglück sagen lassen, dass an der Stelle im Wellentunnel, wo die Antriebswelle der Schiffsschraube den Rumpf verlässt, der Kiel nur 2,5 statt 5 Zentimeter dick sei. („Zweieinhalb Zentimeter! Weißt Du, wie dick zweieinhalb Zentimeter Stahl sind??!!” – Antwort Scott: „Nur halb so dick wie fünf Zentimeter.”).

Also versuchen sie, dorthin zu gelangen – durch eine Welt, die auf dem Kopf steht, in der es von Toten wimmelt und wo an jeder Ecke Stahteile abbrechen, heiße Dämpfe austreten oder Öl den Boden (der mal die Raumdecke war mit Rohrleitungen, Deckenlampen und anderen Stolperfallen) spiegelglatt machen …

Was zu sagen wäre

Ein Nägelbeißer nach dem Roman „Schiffbruch“ von Paul Gallico. Die Welt steht auf einmal Kopf. Ronald Neame greift ein Gefühl auf, das sich in der Gesellschaft verbreitet – Unsicherheit. In Vietnam tobt ein Krieg, in dem immer noch US-Soldaten sterben, obwohl doch eigentlich alle wissen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist; im Weißen haus sitzt ein Präsident, dem man vorwirft, den politischen Gegner mit Intrigen und Falschmeldungen zu diskreditieren; junge Menschen begehren auf gegen die Nachkriegs-Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Generation.

Die Unsicherheit ist groß: Nichts ist mehr, wie wir es gelernt haben. Wir müssen uns ganz neu sortieren. Dieses Gefühl personifizieren die Überlebenden der Poseidon, deren Welt buchstäblich auf dem Kopf steht, perfekt. In den dunklen Eingeweiden des Schiffes tropfen blutende Leichen zwischen glühenden Rohrleitungen, suppt öliges Wasser durch modrige Gänge; die Luft ist stickig, die wenigen Lichtquellen keine Hilfe.

Taschenbuchcover: „Schiffbruch” von Paul GallicoDie Überlebenden sind nun auch nicht unbedingt die für eine solche Situation Geeigneten. Shelley Winters („Lolita“ – 1962; „De Nacht des Jägers“ – 1955; Winchester '73 – 1950), die große alte Lady vieler Saloons, ist als übergwichtige Belle Rosen charmant und liebenswert. Aber hier ist sie die Prüfung für die gesamten Überlebendengesellschaft in Humanität und Zusammenhalt; niemand lässt Belle zurück. Dafür sorgt natürlich vor allem Reverend Scott, ein Kerl, der wenig Pastorales an sich hat, mehr Kerliges. Ein Zweifler an Gott und Religion, der in der Rettung seiner Schäfchen im ölig stinkenden Bauch des Schiffes seine Bestimmung findet. Gene Hackman („Schussfahrt“ – 1969; „Verschollen im Weltraum“ – 1969; „Bonnie und Clyde“ – 1967) stattet diesen mit Gott hadernden mit virilem Charme und selbstloser Demut aus.

Als wir diesen Reverend das erste Mal sehen – da bereitet er einen Gottesdienst an Bord vor –, erleben wir den Zweifler im Rollkragenpulli; und weil wir im Kinosessel wissen, dass wir das Ticket für einen Katastrophenfilm gelöst haben, sind wir instinktiv froh, jenen Mann an Bord zu haben, der eben noch die Drogenszene im „Brennpunkt Brooklyn“ (1971) aufgelöst hat, der auch als Pfarrer kein verweichlichter Geistlicher ist. Dafür hat er auch viel zu viel zu tun mit dem Möchtegern-Alpharüden der Truppe, Mike Rogo.

Dieser Rogo ist ein Ex-Cop, Marke Straßenköter, der eine ehemalige Prostituierte geheiratet hat und nun dauernd Angst hat, entweder könne sie in alte Muster zurückfallen, oder aber Passagiere an Bord könnten sie „von früher her“ kennen. Ernest Borgnine stattet diesen unangenehm harten Rogo mit menschlicher Zuneigung aus. Dieser Cop hätte leicht ein Arschloch sein können. Nicht mit Borgnine. So ätzend dieser Rogo sich immer wieder aufführt – polternd, besserwisserisch, selbstgerecht – er bleibt dabei immer Mensch. Ernest Borgnine kann's (The Wild Bunch – 1969; Eisstation Zebra – 1968; Das dreckige Dutzend – 1967; Der Flug des Phoenix – 1965; Die Wikinger – 1958; „Die Gladiatoren“ – 1954; „Verdammt in alle Ewigkeit“ – 1953).

Die „Poseidon“ war die Titanic (1997) der 1970er Jahre. Für die damals hohe Summe von fünf Millionen Dollar gedreht, erwies sich der Film an den Kinokassen als erfolgreichste Produktion des Jahres 1973 und löste prompt eine Flut von weiteren Katastrophenfilmen aus: In Gestalt von brennenden Hochhäusern, bebenden Städten, abstürzenden Flugzeugen oder dem bissigsten Haifisch der Welt fand das Verderben den Weg auf die Leinwand.

Ronald Neames Opus erhielt neben zahlreichen Nominierungen, etwa für Kamera, Ausstattung und Schnitt, einen Sonder-Oscar für die Spezialeffekte und einen für den Song „The Morning After“.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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