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Plakatmotiv: Das Russland-Haus (1990)
Sprechtheater mit guten Schauspielern
in spektakulären Originalkulissen
Titel Das Russland-Haus
(The Russia House)
Drehbuch Tom Stoppard
nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré
Regie Fred Schepisi, USA 1990
Darsteller Sean Connery, Michelle Pfeiffer, Roy Scheider, James Fox, John Mahoney, Michael Kitchen, J.T. Walsh, Ken Russell, David Threlfall, Klaus Maria Brandauer, Mac McDonald, Nicholas Woodeson, Martin Clunes, Ian McNeice, Colin Stinton u.a.
Genre Drama, Thriller, Romantik
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
14. März 1991
Inhalt

Der sowjetische Nuklearwissenschaftler „Dante“ nimmt Verbindung mit dem rußlandfreundlichen, unkonventionellen britischen Verleger Bartholomew Scott Blair auf, den er zu einem früheren Zeitpunkt in Russland kennengelernt hatte. „Dante“ bietet an, Geheimnisse des sowjetischen Atomprogramms zu verraten. Als Vermittlerin soll die Russin Katya Orlova dienen. Sie lernte den Dissidenten Dante im Jahr 1968 kennen und war zeitweise seine Geliebte. Nun lernt sie auch Blair kennen, der sich in sie verliebt.

Die Geheimdienste der US-Amerikaner und der Briten nehmen sich der Sache an, weil sie auf ein Manuskript gestoßen sind, das eigentlich an Blair gehen sollte. Sie gewinnen Blair für die Mission, die erhofften Informationen anhand eines Fragenkatalogs aus Dante herauszubekommen; Blair wird entsprechend vorbereitet.

Kurz vor dem entscheidenden Treffen erfährt Katya, dass Dante vom KGB festgenommen wurde, was sie an Blair weitergibt. Dieser erkennt, dass damit Katya, die zwei Kinder hat und zu der er große Zuneigung empfindet, extrem gefährdet ist. Er entschließt sich, den Fragenkatalog, der Schlüsse über die Interessen des Westens erlaubt, dem KGB zu übergeben, um damit Katya und sich zu schützen und letztendlich ihre Ausreise aus der Sowjetunion zu ermöglichen.

Damit verrät er seine Auftraggeber…

Was zu sagen wäre

Die Welt der Spionage ist eine Welt der gewundenen, verklausulierten Sprache, eine Welt des Schweigens, eine Welt heimlich gemachter Bilder. Trostlos. Spannend nur für den, dessen Leben in ihr auf dem Spiel steht – ansonsten ist viel Bürokratie. Niemand hat diese Welt am Beispiel des britischen Geheimdienstes, des Circus, so ausgeleuchtet, wie der Autor und ehemalige Mitarbeiter im Geheimdienst Jean Le Carré. Die Filme, die nach seinen Büchern entstanden sind, Der Spion, der aus der Kälte kam (1965) etwa, sind selten spektakuläre Reißer, eher Dialoglastige Dramen, Sprechtheater mit zeitgemäßen Bildern – harte Schlagschatten in den 60er Jahren, Aufnahmen an Originalschauplätzen heute.

Tatsächlich sind die Aufnahmen an Originalschauplätzen das Spektakulärste an Fred Schepisis Le-Carré-Verfilmung. Zum ersten Mal haben sowjetische Behörden einem westlichen Filmteam erlaubt, vor Ort zu drehen, fünf Wochen lang, und die Bilder zeigen öde Autos in öden Betonwüsten in nasskaltem Klima; es ist das Jahrzehnt von Glasnost und Perestroika, da darf dem Westen auch die realsozialistische Realität gezeigt werden. Kameramann Ian Baker schafft Bilder einer russischen Welt im Niedergang, einm al tobt ein heftiges Gewitter über Moskau.

Was ja nicht heißen soll, dass sich in dieser Glasnost-Ära westliche und östliche Geheimdienste nicht immer noch gegenseitig belauern und bespitzeln. Was ebenfalls nicht heißen muss, das solche Aktionen wie die im „Russland Haus“ erzählten im Blutbad enden müssen. Am Ende versandet die Aktion im Nichts, hat die Gegenseite gewonnen, das Gleichgewicht des Schreckens bleibt gewahrt. Das überraschende Ende der Geschichte, die ihren vorherigen Verlauf, all die Bemühungen und Tricksereien als reine Charade ad absurdum führen, erinnert in ihrer Folgenlosigkeit an Spielbergs Jäger des verlorenen Schatzes (1981), an dessen Ende die unter großen Gefahren gesicherte Bundeslade in einer riesigen Asservatenkammer für immer weggeschlossen wird.

Es ist eine Geschichte aus der Post-Cold-War-Epoche, als Russland nicht mehr so einfach als der Schurke zu identifizieren war. Die westlichen – also: unsere – Geheimdienste erweisen sich als kalte Technokraten – „Servieren Sie in ab, Clive.“ – die sich im eifersüchtigen Klein-Klein zwischen US-amerikanischen Hegemonial-Interessen und britischer Geheimdienst-Profession verfransen, während ein britischer Verleger lyrische Oden auf Russland, aka „Das Reich des Bösen“ singen darf: „Dieses Land verändert einen eben. Man steht meinetwegen da und pinkelt in irgendeinen dreckigen Pissoir. Und der Mann, der zufällig neben einem steht, fragt einen auf einmal nach Gott. Nach Kafka. Nach persönlicher Freiheit oder Kollektiv-Verantwortung. Also antworten Sie. Denn Sie müssen's ja wissen. Immerhin sind Sie aus dem Westen. Und bevor man den letzten Tropfen abgeschüttelt hat, denkt man, was für ein großartiges Land.“ Die Grenzen verwischen, Schwarz und Weiß werden Grau.

Dante hatte recht“, sagt Verleger Blair später, „die grauen Männer sorgen dafür, dass das Wettrüsten weitergeht. Obwohl das angeblich niemand will. Das Spielchen der Geheimdienste ist überflüssig geworden. Ihre Tage sind gezählt, alter Knabe. Veröffentlichen Sie alles und wir werden in Sicherheit leben.

In diese farbenfreie Welt verwoben ist eine Liebesgeschichte, die nicht zündet, was mit deren Akteuren zu tun hat. Michelle Pfeiffer ist großartig als willensstarke, verhuscht wirkende Katya („Die fabelhaften Baker Boys“ – 1989; Tequila Sunrise – 1988; Die Mafiosi-Braut – 1988; „Die Hexen von Eastwick“ – 1987; Kopfüber in die Nacht – 1985; Scarface – 1983). Pfeiffer stattet sie mit vielen wie beiläufig wirkenden Gesten und mimischen Unauffälligkeiten sehr natürlich aus. Ihr gegenüber steht Sean Connery, der große alte Mann des Agenthrillers. Als der in Dr. No (1962) zum ersten Mal den sehr virilen Agenten James Bond spielte, war Michelle Pfeiffer vier Jahre alt. Die 28 Jahre Altersunterschied sind affig – und machen Connery die Arbeit schwer (Jagd auf Roter Oktober – 1990; „Family Business“ – 1989; Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – 1989; Die Unbestechlichen – 1987; „Der Name der Rose“ – 1986; Highlander – Es kann nur einen geben – 1986; James Bond 007 – Sag niemals nie – 1983; „Outland – Planet der Verdammten“ – 1981; Die Uhr läuft ab – 1975; Mord im Orient-Express – 1974; „Zardoz“ – 1974; James Bond 007 – Diamantenfieber – 1971; „Das rote Zelt“ – 1969; Marnie – 1964; Die Strohpuppe – 1964). Neben Pfeiffer kann er nicht bestehen, nichts an diesem britischen Verleger wirkt anziehend, außer vielleicht seiner literarischen Bildung und die Unsicherheit, die Katya in mancher Szene mit ihm ausstrahlt, wirkt, als sei auch Michelle Pfeiffer die erzählte Liaison der jungen Frau zu einem verschrobener Zausel eher peinlich.

<Nachtrag2016>Der Film markiert die Schnittstelle in Connerys Karriere, zwischen den Draufgängern à la Bond und seinen altersmilden Rollen.</Nachtrag2016>

Markant als kantiger CIA-Mann bringt Roy Scheider seine schauspielerische Qualität in Erinnerung („Powerplay“ – 1990; „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ – 1984; Das fliegende Auge – 1983; Atemlos vor Angst – 1977; Der Marathon-Mann – 1976; Der weiße Hai – 1975; French Connection – 1971; „Klute“ – 1971), der so eine Kälte ausstrahlt, dass das örtliche Kino die Heizung aufrehen müsste.

Unterm Strich bleibt der Eindruck eines langweiligen Films, der mehr Radio als Kino ist, mehr Hörspiel als Film. Die Geschichte erzählt sich vor allem über die Dialoge, über Wörter; die Bilder sind schönes Beiwerk. Kino geht eigentlich andersrum: Die Bilder und deren Montage erzählen die Geschichte. Der Dialog unterstützt das Verständnis.

Wertung: 6 von 10 D-Mark
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