Plakatmotiv (US): Mr. Smith goes to Washington (1939)
Ein naiver Traum von
einer ehrlichen Politik
Titel Mr. Smith geht nach Washington
(Mr. Smith goes to Washington)
Drehbuch Sidney Buchman
nach einer Originalgeschichte von Lewis R. Foster
Regie Frank Capra, USA 1939
Darsteller Jean Arthur, James Stewart, Claude Rains, Edward Arnold, Guy Kibbee, Thomas Mitchell, Eugene Pallette, Beulah Bondi, H.B. Warner, Harry Carey, Astrid Allwyn, Ruth Donnelly, Grant Mitchell, Porter Hall, H.V. Kaltenborn u.a.
Genre Drama
Filmlänge 129 Minuten
Deutschlandstart
21. Mai 1978 (TV-Premiere)
Inhalt

In Washington stirbt Senator Samuel Foley. Dessen Kollege, Senator Paine, gibt die Nachricht an Gouverneur Hubert „Happy“ Hopper weiter, der das Recht hat, bis zur nächsten Wahl einen Nachfolger Foleys zu benennen, und der sich in dieser Angelegenheit mit dem Medienmagnaten Jim Taylor bespricht. Taylor, der dank seiner Macht über die Medien und Wirtschaft den Bundesstaat beherrscht und Hopper nach Belieben kontrollieren kann, ist in den Bau eines Staudammes verwickelt, der zwar eigentlich nicht gebraucht wird, aber Unsummen an Steuergeldern verschlingt.

Taylor beauftragt Gouverneur Hopper, einen Ersatz für Senator Foley zu finden, der zum einen nicht in die Machenschaften um den Staudamm verwickelt ist und zum anderen leicht auf Kurs gebracht werden kann. Nachdem Hopper einige Kandidaten aus politischen Gründen verworfen hat, schlagen ihm seine Kinder Jefferson Smith als idealen Kandidaten vor. Smith, ein unbedarfter, leichtgläubig-naiver Pfadfinderführer, ist eine lokale Berühmtheit.

Plakatmotiv (Fr.): Mr. Smith goes to Washington (1939)In Washington angekommen, bereitet die Presse Smith allerdings einen bösen Empfang und macht den Unerfahrenen erst einmal lächerlich. Paine überredet Smith dazu, für die Einrichtung eines nationalen Jugendcamps zu kämpfen. Mit Hilfe seiner zynischen Assistentin Clarissa Saunders, die er von seinem Vorgänger übernommen hat, bereitet Smith seine Eingabe an den Senat vor. Als Platz für die Errichtung des Jugendcamps hat Smith jedoch ausgerechnet Willets Creek vorgesehen, wo Jim Taylor und Senator Paine ihren Staudamm bauen wollen.

Clarissa Saunders empfindet zunehmend Sympathie für den unerfahrenen Senator und klärt Smith über die Machenschaften auf. Taylor und Paine versuchen mit allen Mitteln, Smith den Standort Willets Creek auszureden. Doch der Idealist erweist sich als unbestechlich …

Was zu sagen wäre

Ein Senator stirbt und Frank Capra zeigt in den ersten fünf Minuten alte Männer in Hinterzimmern, die ihre politischen Intrigen spinnen. Damit ist die Tonalität gesetzt: Es erwartet uns ein bissiger Blick auf das elitäre Gewese in Washington. Und die bösen Politdrahtzieher sind über ihre Intrigen schon so verfettet, dass sie sich in der Telefonzelle verklemmen. Erst Kinder bringen die alten Männer auf den rechten Weg: auf den Leiter ihres Pfadfinderlagers – Kinder an die Macht, ein alter Traum. Die Kinder – und ein Münzwurf, der auf der Kante stehen bleibt, neben einem Artikel über den gefeierten Jefferson Smith.

Der ist der Dummkopf aller Zeiten, ein glühender Patriot, der Washington und Lincoln auswendig kann. Nimmt Haltung an, wenn er den Gouverneur hört. Er sammelt sogar streunende Hunde und Katzen. Keine Ahnung von Politik. Der weiß in zwei Jahren nicht, um was es geht. 50.000 Jungen halten ihn für einen Helden, das bedeutet 100.000 Eltern.“ Einer, der sich unter Tränen über eine einfache Aktentasche freut, die ihm seine Pfadfinder schenken. James Stewart gibt den Simplicissimus par excellence. Kaum in Washington angekommen, verschwindet er, taucht ab in den polit-historischen Denkmälern der Hauptstadt und nimmt dann den Bus ins Büro – „Sie haben den Bus genommen?“ – von dem er gar nicht versteht, dass er ein richtig eigenes Büro hat. Der einzige Mensch unter den Apparatschiks im Capitol, charmant, höflich deshalb unwiderstehlich für alle heiratswilligen Frauen in der US-Hauptstadt, den alle Senatoren auslachen – bis denen das Lachen vergeht und der junge Senator zu einem Filibuster anhebt, zu einem rhetorischen Showdown, der seinem Darsteller alles abverlangt, inklusive seiner Stimme. James Stewart ist großartig.

Plakatmotiv (US): Mr. Smith goes to Washington (1939)Einer seiner Gegenspieler ist Claude Rains mit beeindruckender Weißhaar-Perücke. Elegant kaschiert er seine Intrigen hinter großväterlichen Gesten und freundlichem Kaffeetisch-Geplauder und lässt sich von mächtigen Verlegern am Nasenring halten. Elegant vollführt er auch den Wandel zum Mentor mit Gewissen. Als er dem verdutzten Jeff Smith das Wesen Washingtoner Politik erklärt, über Zwänge, Wähler und Kompromisse referiert, „Das ist eine Männerwelt, die Dich verletzen wird. Wir müssen unsere Ideale von Zeit zu Zeit überprüfen. Vor 30 Jahren hatte ich Deine Ideale. Ich war wie Du. Ich hatte dieselbe Entscheidung zu treffen, die heute af Dich zukommt. Ich habe sie getroffen in Form von einem Kompromiss. Ja, ich konnte all die Jahre im Senat sitzen und unserem Volk auf tausend ehrliche Arten und Weisen dienen. Du kommst um die Tatsachen nicht herum: Ich habe unserem Staat wirklich gedient. Wir haben die wenigsten Arbeitslosen und die höchsten Bundeszuschüsse. Aber, ich musste einen Kompromiss schließen, ich musste mitspielen. Auf den Wähler ist kein Verlass! Außerdem wählen sie meistens sowieso nicht. So sind Länder und Reiche aufgebaut worden, seitdem es Menschen gibt! Verstehst Du das?

Zwischen diesen beiden Antipoden steht Saunders, Smiths persönliche Assistentin: „Sie sind ein halbwegs anständiger Mann. Was wollen Sie dann in dieser Stadt. Sie gehören nicht hierher!“ Jean Arthur spielt sie mit großem Herzen zwischen anfänglicher Ablehnung des Kuhjungen und späterer großer Liebe. Ihre beste Szene hat sie, als ihr die Boshaftigkeit Washingtons aufs eigene, verliebte Herz schlägt und sie sich betrinkt – wunderbar.

<Nachtrag 2015>Der heute als Klassiker geltende Film war bereits 1939 ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Von Seiten der Politik kamen jedoch wütende Proteste. Der Führer der demokratischen Mehrheit im Senat, Alben W. Barkley, nannte den Film „grotesk“. Der US-amerikanische Botschafter in Großbritannien, Joseph P. Kennedy, bezeichnete ihn als eine Gefahr für das Ansehen der Vereinigten Staaten in Europa an der Schwelle zu einem Krieg. Die Premiere von „Mr. Smith“ fand im Oktober 1939 wenige Wochen nach dem deutschen Angriff auf Polen statt.

Joseph Goebbels bemühte sich ab Januar 1940 um die Aufführungsrechte für den Film, der sich über Korruption und Parlamentarismus in den USA lustig machte. Zu einer Aufführung in Deutschland kam es jedoch nicht. 1942 zeigten viele Kinobesitzer in Paris bewusst Capras Mr. Smith geht nach Washington als letzten US-Film, bevor ein von den deutschen Besatzern verhängtes Verbot englischsprachiger Filme in Kraft trat.</Nachtrag 2015>

Wertung: 6 von 6 D-Mark