Kinoplakat: tschick
Fatih Akin und zwei
Jungs in Hochform
Titel tschick
Drehbuch Hark Bohm + Lars Hubrich
nach dem gleichnamigen Roman von Wolfgang Herrndorf
Regie Fatih Akin, Deutschland 2016
Darsteller
Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller, Friederike Kempter, Aniya Wendel, Alexander Scheer, Uwe Bohm, Kai Ivo Baulitz, Udo Samel, Bella Bading, Claudia Geisler-Bading, Marc Hosemann, Anja Schneider, Sammy Scheuritzel, Till Wonka u.a.
Genre Abenteuer
Filmlänge 93 Minuten
Deutschlandstart
15. September 2016
Website tschick-film.de
Inhalt

Wer behauptet eigentlich andauernd, das Leben sei schön? Nichts ist da schön: Maik ist 14, hat einen Immobilienmakler-Vater, der nie da ist und wenn, dann nur, um zu telefonieren oder Sachen zu packen, um mit einer „Assistentin“ auf „Geschäftsreise“ zu gehen, eine Wodka-Mutter, die zwischen Tennisplatz und Entzugsklinik pendelt, in der Schule ist er als Psycho verlacht und in Tatjana verliebt, die ihn nicht zur Kenntnis nimmt – und ihn nicht zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen, nur ihn nicht; den Rest der Schule schon. Naja, Tschick ist auch nicht eingeladen. Eigentlich heißt der Andrej Tschichatschow, aber das kann ja nicht mal der Lehrer aussprechen. Tschick ist neu in der Klasse, ein echter Asso, wahrscheinlich Russenmafia.

Und jetzt gehen in Berlin die Sommerferien los, Mutter geht mal wieder in der Entzugskonik, Vater mal wieder zwei Wochen mit einer Assistentin auf Reisen, Maik hängt gelangweilt im heimischen Pool ab, als plötzlich Tschick vor der Tür steht, mit einem geklauten Lada, „nee, der ist nur geliehen!“. Er überredet Maik, trotz fehlender Einladung auf Tatjanas Party zu gehen; immerhin hatte Maik, als er noch nicht wusste, dass er nicht eingeladen wird, eine wunderschöne Zeichnung von Tatjana gemacht, die er ihr zum Geburtstag schenken wollte. Die Zeichnung sowie der Lada machen mächtig Eindruck auf der Party – und bei Tatjana. Aber die beiden Jungs bleiben nur fünf Minuten und fahren dann lieber weiter.

Tschick will mit dem Auto seinen Großvater in der Walachei besuchen, Maik könne ihn doch begleiten. Gemeinsam begeben sich die beiden auf die Reise – ohne Handy, ohne Karte quer durch Ostdeutschland Richtung Süden, „die Walachei ist in Rumänien, das ist im Süden“. Sie kommen durch einsame, schöne Landschaften und begegnen komischen Menschen wie einer Gruppe von Adeligen auf Fahrrädern („Wir sind Adel auf dem Radl“), einer freundlichen Öko-Mutter und einem wütenden Dorfpolizisten.

Als ihnen der Treibstoff ausgeht und sie nach einem Schlauch suchen, um Benzin für ihren Lada aus anderen Wagen absaugen zu können, machen sie an einer Müllkippe Halt. Da treffen sie auf Isa, eine Obdachlose, die sich nach Prag durchschlagen will, zu ihrer Halbschwester.

Tschick verletzt sich am Fuß. Maik das Steuer des Lada übernehmen. Aber nicht lange. Denn da kommt dann dieser Schweinetransporter mit diesem Typen am Steuer, der offenbar was gegen Ladas hat, sie jedenfalls nicht überholen lässt …

Was zu sagen wäre

Das muss Fatih Akin erst einmal einer nachmachen: Der Film ist keine halbe Stunde und meine Wangen sind schon tränenfeucht. Zwei Jungs und der Sommer ihres Lebens, dieser eine Sommer, den es in jedem Leben nur einmal gibt. Na gut, die Romanvorlage von Wolfgang Herrndorf war schon einzigartig in seiner tränenfeuchten Sommerseligkeit und da noch einen draufsetzen kann Akin nicht – aber er hat stimmige Bilder und stimmige Typen dazu gefunden; und er hat sich vor allen Dingen nicht in den Vordergrund gedrängelt.

Ganze Dialogpassagen haben die Autoren Lars Hubrich und Hark Bohm aus dem Buch übernommen, die lakonische Ich-Erzählung ins Off des Films gerettet; sogar Richard Claydermans Ballade pour Adeline aus dem leiernden Cassettenrekorder des geklauten Ladas haben sie übernommen. Da liegt bei solchen Verfilmungen ja durchaus eine Gefahr, Musik, die im Buch eine wichtige Rolle gespielt hat, im Film gegen was neues, peppiges zu tauschen, das sich besser auf dem Soundtrack verkauft, im Film für ein paar beschwingte Feelgood-Montagen sorgt; soll ja schließlich auch die Kids ins Kino ziehen.

Diese Gefahr besteht bei Regisseuren, die sich beweisen wollen und wissen, dass tschick immer das Herrndorf-Ding bleiben, dem Regisseur auf dem Plakat also eine eher untergeordnete Rolle zufallen wird. Fatih Akin muss sich aber nicht mehr beweisen. Der ist längst im Kanon deutscher Regisseur fest verankert („The Cut“ – 2014; Soul Kitchen – 2009; „Auf der anderen Seite“ – 2007; Gegen die Wand – 2004; „Solino“ – 2002; Im Juli – 2000; Kurz und Schmerzlos – 1998). Er hat sich hinten angestellt und Herrndorfs Ton voran geschickt. Und zwei Jungs gefunden, die passen. Punkt. Mit den beiden Jungs, Maik und Tschick, steht oder fällt ja das ganze Filmprojekt und so viele 14-jährige Jungschauspieler, die einen 90-Minuten-Film ganz allein tragen müssen, gibt es nicht. Viel älter dürfen die Schauspieler nicht sein, sonst glaubt man ihnen ihre jugendliche Unbedarftheit nicht mehr. Akin hat zwei gefunden, die tragen können und er hatte ein wenig das Glück des Zufalls dabei.

Akin fand keinen Tschick. Die monatelange Suche endete mit einem Brief an die mongolische Botschaft mit der Bitte um Tipps. Anand Batbilegs Vater arbeitete in der Botschaft. Der gab seinem Sohn den Aufruf zum Casting, der wiederum ein kurzes Video schickte, indem er einige Szenen des Films nachspielte, und überzeugte. Wenn man ihn jetzt als ungelenken, grundlieben Titelhelden sieht … das hätte kein anderer sein dürfen. Ähnlich ergeht uns das mit Maik-Darsteller Tristan Göbel, vergleichsweise schon ein alter Hase im Filmgeschäft („Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ – 2016; „Winnetous Sohn“ – 2015; „Die getäuschte Frau“ – 2015; „Westen“ – 2013; „Goethe!“ – 2010). Mit seinen großen Augen, in denen schon die Melancholie eines langen Lebens schimmert, und dem Oberlippenflaum, der in der Abendsonne leuchtet, wird er zu Herrndorfs Maik – da ist die Besetzung der etwas trutschigen Aniya Wendel als Maiks angebetete Tatjana fast eine Kränkung für diesen Jungen, aber erstens ist der Autor dieses Textes schon länger keine 14 mehr, hat also von Mädchen keine Ahnung und zweitens verliebt er sich dann ja auch noch in Isa, der Mercedes Müller nicht nur über ihre blaugrünen Augen schönen Magnetismus verleiht.

Und irgendwann liegen sie dann gemeinsam im Gras, Maik und Tschick, sein neuer bester Freund, schauen in die Sterne und phantasieren über zwei Aliens, die fern auf einem anderen Planeten gerade in die Sterne schauen und über zwei Jungs auf der Erde philosophieren. So geht Kino: souverän, unprätentiös, wahrhaftig und unglaublich witzig, auch wenn es nur die Verfilmung eines Buches ist, das all das auch schon war.

Wertung: 7 von 8 €uro