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Kinoplakat: Fahrenheit 451
Eine bizarre Gesellschaft in
einem spannenden Zukunftsfilm
Titel Fahrenheit 451
(Fahrenheit 451)
Drehbuch François Truffaut + Jean-Louis Richard + David Rudkin (additional dialogue) (uncredited) + Helen Scott (additional dialogue) (uncredited)
nach dem gleichnamigen Roman von Ray Bradbury
Regie François Truffaut, UK 1966
Darsteller

Julie Christie, Oskar Werner, Cyril Cusack, Anton Diffring, Jeremy Spenser, Bee Duffell, Alex Scott u.a.

Genre Drama
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
23. Dezember 1966
Inhalt
451 Grad Fahrenheit, das ist die Temperatur, bei der Bücher verbrennen. In nicht allzu ferner Zukunft mit medialer Dauerberieselung und Glückspillen ist es Aufgabe des Feuerwehrmannes Guy Montag, Bücher zu verbrennen. Es ist den Menschen verboten, Bücher zu lesen oder überhaupt zu besitzen, da sie den Menschen nichts als Unglück bringen würden.Kinoplakat (US): Fahrenheit 451

Seit sechs Jahren arbeitet Montag inzwischen bei der Feuerwehr – kommende Woche soll er befördert werden. Sein Beruf hat ihm seit jeher viel Freude bereitet, doch als seine Frau es mit den Pillen übertreibt, einen Zusammenbruch erlebt und von zwei Pillenärzten mit weiteren Pillen und einem kompletten Blutaustausch wiederbelebt wird, beginnt Montag, die Welt zu hinterfragen; was es auf sich haben könnte mit diesem Glück, das Bücher zerstören, von dem er oder seine Frau aber auch lange nicht mehr gekostet haben.

Im Zug lernt er eine Nachbarin, die Lehrerin Clarisse, kennen. Sie freunden sich an, er hilft ihr, als ihre Schule sie schlecht behandelt – und er beginnt, heimlich zu lesen …

Was zu sagen wäre

Ein Film, in dem Bücher und Texte von übel sind, hat natürlich auch keinen geschriebenen Vorspann – in „Fahrenheit 451“ spricht eine sonore Männerstimme aus dem Off die Namen der Hauptdarsteller, des Regisseurs, Kameramannes, cutters, komponisten – da ist François Truffaut (Die süße Haut – 1964; „Jules und Jim“ – 1962; Schießen Sie auf den Pianisten – 1960; „Sie küßten und sie schlugen ihn“ – 1959) dann auch konsequent. Der Hitchcock-Fan hat in seinem Zukunfts-Drama alle Hitchcockstilmittel angewandt, die er irgendwie unterbringen konnte. Hitchcocks Komponist Bernhard Hermann macht den Soundtrack, Truffaut spielt mit Primärfarben, wie Hitchcock in „Fenster zum Hof“ oder „Marnie“; und der Vertigo-Zoom fehlt auch nicht.

Truffaut hatte Besetzungsprobleme. Bei seinem ersten auf englisch gedrehten Film zierten sich die Edelmimen ein wenig – bis Oscarpreisträgerin Julie Christie („Doktor Schiwago“ – 1965; „Darling“ – 1965; „Cassidy, der Rebell“ – 1965) zusagte, danach flutschte es im Besetzungsbüro und aus der anfänglichen Not erfand Truffaut die Idee, Julie Christie gleich beide für den Feuerwehrmann wichtigen Frauen spielen zu lassen. Erstaunlich, wie gut diese eigenartige Besetzungsidee funktioniert – sie verdeutlicht die beiden Seiten des Menschen dieser bizarren Gesellschaft, hier der TV-Zombie im Plastikambiente, da die Literaturbegeisterte im verwinkelten Hexenhäuschen. Montags neidischer Kollege, gespielt von dem deutschen Schauspieler Anton Diffring (Agenten sterben einsam – 1968), taucht noch mal – mitsamt Perücke – für wenige Sekunden als Lehrerin auf – innerhalb des Films werden Dopplungen dieser Art nicht erklärt.

Die Gesellschaft in Truffauts Film ist kaputt, wirft Pillen ein und steht teilnahmslos und gehorsam in der Ecke. Was das für eine Gesllschaft ist, bleibt offen – wahrscheinlich eine Diktatur. Aber für was, gegen was die sich richtet, ist unklar. Es ist eine Gesellschaft, die sich gegen Bücher stemmt – mehr Tiefe braucht's nicht – und in der die Menschen glauben, die Feuerwehr habe schon imer Bücher verbrannt; dass sie früher Feuer gelöscht haben soll, sagt Montag, sei ja auch „eine alberne Idee“, wo doch Häuser immer schon unbrennbar waren.

Kinoplakat (US): Fahrenheit 451

Truffaut hält sich mit seiner Diktatur nicht lange auf, liefert keine Erklärung für Wer, Wieso, Was, Wann oder Wo. Die Ordnung des Staates repräsentiert in der kleinen Welt der Feuerwache – komischer Begriff in dem Zusammhang – Montags Vorgesetzter, dem Cyril Cusack strengen Onkel-Charme mitgibt. Den Rest überlässt Truffaut dem Zuschauer, der sich in langen Kamerasequenzen in diese Welt hinein denken kann.


Wir sehen eine Welt, in der Menschen in seelenlosen Hochhäusern in unpersönlichen Wohnungen hausen. Müssen sie arbeiten? Eine Schwebebahn verbindet die Stadt mit dem Land, hier lernen sich Montag und Clarisse, die Lehrerin kennen.
 
Im Zentrum steht der österreichische Schauspieler Oskar Werner („Der Spion, der aus der Kälte kam“ – 1965; „Jules und Jim“ – 1962), der somnambul durch seine Rolle läuft. Ein naivling, ein Simplicissimus, der weiß „Bücher schlecht“, „Ordnung gut“, „Alles ist, wie es sein soll“ – so hat er es gelernt, so wird es ihm immer wieder gesagt. Als seine Frau die eine Pille zu viel nimmt und zwei in weißen Lack gekleidete Krankenpfleger kommen, eine Blutwäsche machen und ein paar Pillen verschreiben, wird ihm klar, dass da irgendwas mit dem Gesetz „Bücher machen unglücklich“ nicht stimmen kann; seine Frau liest ja nicht und ist dennoch nicht glücklich. Auch diesen Sinneswandel spielt Oskar Werner so wie Truffaut inszeniert – gar nicht. Die Regie legt viel Wert auf das gesprochene Wort (das es gedruckt in dieser Welt nicht geben darf), das der Zuschauer verstehen muss, die Schauspieler legen viel Wert auf das Bild, das erkären muss. So schaut man ein wenig teilnahmslos den teilnahmslosen Gestalten in dieser verrückten Welt beim Irren zu
Wertung: 7 von 8 D-Mark
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