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Kinoplakat: Tootsie
Eine große Komödie
mit großem Anliegen
Titel Tootsie
(Tootsie)
Drehbuch Larry Gelbart + Murray Schisgal + Don McGuire + Larry Gelbart + (uncredited) Barry Gevinson & Robert Garland & Elaine May
Regie Sydney Pollack, USA 1982
Darsteller
Dustin Hoffman, Jessica Lange, Teri Garr, Dabney Coleman, Charles Durning, Bill Murray, Sydney Pollack, George Gaynes, Geena Davis, Doris Belack, Ellen Foley, Peter Gatto, Lynne Thigpen, Ronald L. Schwary, Debra Mooney u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
25. März 1983
Inhalt

Michael Dorsey ist ein guter aber unbekannter Schauspieler in New York. Er ist aber vor allem ein nicht sehr beliebter, bei einigen Regisseuren gar gefürchteter Schauspieler, weil er nämlich immer 100 Prozent gibt, sich immer ganz eins fühlen will mt der jeweiligen Rolle und sei diese eine Tomate in einem Werbespot.

Nachdem seine Freundin Sandy bei einem Vorsprechen für eine Krankenhaus-TV-Soap die rolle wieder mal nicht bekommen hat, schlüpft Michael in seiner verzweifelten Suche nach Rollen (und also Lebensunterhalt) in Frauenkleider und bewirbt sich unter dem Namen Dorothy Michaels um eben jene Rolle, die Sandy nicht bekommen hat. Prompt wird er/sie in den ganzen USA beliebt und berühmt – geliebt vor allem für ihr resolutes Auftreten, wann immer ihre Rechte als Frau unterwandert zu werden drohen. Als „Tootsie“ ist Michael bei seinen Kollegen und vor allem Kolleginnen, die der vermeintlich mütterlich-erfahrenen Kollegin ihr Herz öffnen, bald sehr beliebt.

Damit beginnen die Schwierigkeiten: Er – Michael im Frauenkleid – verliebt sich in seine Partnerin Julie! Julies Vater und auch der Regisseur der Serie verlieben sich wiederum in ihn – in Tootsie …

Was zu sagen wäre
Vertauschte Rollen, Verwechslungen und Männer in Frauenkleidern gehören seit jeher zum Repertoire der Komödie, bilden das Fundament ihrer Fish-out-of-Water-Voraussetzung. Sidney Pollack und Dustin Hoffman bauen um diese Versatzstücke großes Kino … eine große Komödie mit sozialem Anliegen.

Dustin Hoffman ist hinter der Maske der Dorothy als Mann gar nicht mehr zu erkennen. Die Dreharbeiten müssen unglaublich lustig gewesen – so stelle ich mir das vor. Dustin Hoffman ist so lustig, dass seine Mitstreiter wahrscheinlich dauernd gelacht haben. Möglicherweise haben sie aber auch vor Dreh so ausgiebig geprobt, dass, während die Kamera dann lief, kein Lachen mehr übrig war.

Tatsächlich sind die langen Proben nicht unwahrscheinlich. Dustin Hoffman spielt sich nämlich eigentlich selbst (Kramer gegen Kramer – 1979; Der Marathon-Mann – 1976; Die Unbestechlichen – 1976; Wer Gewalt sät – 1971; Little Big Man – 1970; Die Reifeprüfung – 1967). Der in der Branche als penibler, eigensinniger Künstler gefürchtete Hoffman spielt hier einen peniblen, eigensinnigen Schauspieler, der keine Engagements mehr bekommt, weil er mit seinem Starrsinn alle Regisseure vergrault hat. Es ist anzunehmen, dass der penible Hoffman seine Rolle als arbeitsloser Schauspieler, der erst als Frau den Durchbruch schafft und sich dann in seiner Rolle verstrickt, ausgiebig diskutiert und geprobt hat. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es Regisseur Sidney Pollack (s.u.), der einen kleinen Part als Michael Dorsays Manager übernimmt, eine diebische Freude daran hatte, Hoffman vor laufender Kamera als lästigen, streitlustigen Dickschädel abzukanzeln, der sogar, wenn er eine Tomate in einem Werbespot spielt, noch eigene Gedanken in die Rolle einfließen lassen will: „Ich sollte mich hinsetzen. Ich konnte mich doch nicht hinsetzen, Tomaten sitzen …“ „DU! WARST! EIN! GEMÜSE!!!

Kinoplakat: Tootsie

Als Frau lernt der Schauspieler den Umgang mit Frauen, weil er behandelt wird wie eine. Und weil er auf plumpe Anmachersprüche mit eher dem Mann zugeordneten Widerspruchsgeist reagiert, liebt ihn bald die große TV-guckende Nation, der Wolf im Schafspelz wird zur Identifikationsfigur – „Endlich sagt’s mal eine!“ Pollack erzählt dieses schwerblütige Topthema am Wohngemeinschafts-Küchentisch mit leichter Hand. Nichts wirkt kompliziert, die Entwicklung der Story bleibt nicht stehen, jede Szene entwickelt Story oder Charakter oder beides weiter und Michal, Dustin Hofmann, macht eine klare, sehr nachvollziehbare Entwicklung durch. Pflicht bestanden; und für die Kür hat Sydney Pollack noch ein traumhaftes Ensemble um den Mann in Frauenkleidern gestellt.

Bill Murray als Michaels Wohnungsgenosse und Freund Jeff, ein gegen das Leben anschreibender Drehbuchautor, ist trocken und gut („Du Nutte!“, faucht er, als er Dorothy und ihren Regisseur beim vermeindölich trauten Tête-à-Tête erwischt). Murray spielt auch hier vor allem Murray (Ich glaub' mich knutscht ein Elch! – 1981; „Caddyshack“ – 1980; „Babyspeck und Fleischklösschen“ – 1979), aber darin besetzt er offenbar eine Marktlücke; wir sehen ihn gerne als leidenschaftlichen Kaltblüter. Charles Durning als alternden Vater, der sich in die charmante Dorothy verguckt und dann als echter konservativer Farmer damit klar kommen muss, beinahe einen Mann geküsst zu haben, möchte man umarmen, soviel Herzensgüte quillt aus Durning („Das schönste Freudenhaus in Texas“ – 1982; „Sharky und seine Profis“ – 1981; „Der letzte Countdown“ – 1980; Teufelskreis Alpha – 1978; Das Ultimatum – 1977; Nevada Pass – 1975; Hundstage – 1975), der auch glaubhaft bleibt, wenn er seinen konservativ befeuerten Zorn der Realität des Lebens anpassen muss. Dabney Coleman wirkt sehr echt als schmieriger TV-Regisseur, der noch unter jeden Rock gegrapscht hat und gibt mit öliger Friur einen gar-nicht-mal-so-sympathischen Widerling. Terri Garr („Da steht der ganze Freeway Kopf“ – 1981; „Einer mit Herz“ – 1981; Unheimliche Begegnung der dritten Art – 1977) gibt eine sehr lustige und überzeugende Vorstellung als Kleinstadt-Pomeranze, die es in der Großstadt zu was bringen will und (also) dauernd am Rande des Nervenzusammenbruchs entlangbalanciert.

Mit heiterer Gelassenheit spielt Jessica Lange ihre Julie (Wenn der Postmann zweimal klingelt – 1981; „Hinter dem Rampenlicht“ – 1979; „King Kong“ – 1976). Als allein erziehende Mutter (momentan wichtige Hollywood-Zutat, wenn eine starke Frau charakterisiert werden soll) geht sie mit dem Regisseur ins Bett, um ihre Rolle zu sichern – sie braucht halt das Geld, unschuldig schuldig – und findet, durch Dorothy zu einer beseren Frau zu werden. Das wir diese Haltung der Schauspielerin Jessica Lange nicht um die Ohren hauen, liegt an ihrer Glaubwürdigkeit. Lange geht so in ihrer charmant irrealen Julie auf, dass dieses ganze vertrackte Lebenskonstrukt, dass sie personifiziert, ganz bei der Rolle, nicht bei der Schauspielerin bleibt. Sydney Pollak, der „Tootsie“-Regisseur, der sich hier selbst inszeniert, macht sofort Lust auf mehr von ihm vor der Kamera. Sein New Yorker Künstleragent George Fields strahlt souveräne, immer am Gewinn entlang kalkulierende Professionalität aus ist trotzdem einer, mit dem man mal einen Wein trinken möchte.

Diese Art Film – und da verrate ich kein Geheimnis – erzwingt das Happy End. An diesen Situation kippt ein guter Film häufig noch ins Durchschnittliche. „Tootsie“ kippt nicht. Larry Gelbart und Murray Schiegal haben zwei große letzte Dialogsätze in ihr Drehbuch geschrieben, eine schöne Idee als Antwort auf die bitte-komm-zurück-Frage und eine wunderbar lässige Reaktion auf die schöne Idee. „Das gelbe Kleid … leihst Du mir das?“ „Das gelbe? Du meinst das mit der Schleife? Oh ich weiß nicht, du wirst es ruinieren.“ Manchmal machen Filme über Männer in Frauenkleidern ungebremst Spaß.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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