Kinoplakat: Django Unchained

Großes Kino aus der Hand
des verrückten Liebhabers

Titel Django Unchained
(Django Unchained)
Drehbuch Quentin Tarantino
Regie Quentin Tarantino, USA 2012
Darsteller Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Kerry Washington, Samuel L. Jackson, Don Johnson, Walton Goggins, Dennis Christopher, James Remar, David Steen, Dana Michelle Gourrier, Nichole Galicia, Laura Cayouette, Ato Essandoh, Sammi Rotibi, Clay Donahue Fontenot u.a.
Genre Western
Filmlänge 165 Minuten
Deutschlandstart
17. Januar 2013
Inhalt

Die Südstaaten 1858, zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg. Der deutschstämmige Zahnarzt Dr. King Schultz schwatzt zwei Sklavenhändler-Brüdern den Sklaven Django ab. Das heißt, streng genommen schwatzt der Zahnarzt zwar ausgereift formuliert wie ein Romancier, sein durchschlagendes Kaufargument allerdings sind die zwei Kugeln, der er den Sklavenhändlern verpasst.

Schultz findet seinen Zahnarztjob nicht so sonderlich lukrativ. Deshalb hat er vor Jahren auf den Beruf des Kopfgeldjägers umgesattelt. Den Sklaven Django braucht Schultz, um die steckbrieflich gesuchten Brittle-Brüder zu fassen. Django nämlich weiß, wie die aussehen – das hat er Schultz voraus. Django soll ihm die drei Brüder zeigen, damit Schultz sie erledigen und das Kopfgeld kassieren kann. Django bekommt einen Anteil – und seine Freiheit.

Auf der Plantage des Spencer „Big Daddy” Bennett werden sie fündig, die Brüder liegen bald tot im Staub und Schultz‘ Geschäftsbeziehung mit Django wäre an dieser Stelle eigentlich beendet; wäre da nicht Djangos Frau, die Sklavin Broomhilda von Shaft, die irgendwo auf der Planatage von Irgendwem arbeitet. Broomhilda gehörte einst deutschen Einwanderern. Diese nannten die Sklavin nach Brünhilde aus der Nibelungensage, die Geliebte des Siegfried. Das rührt den ehemaligen Zahnarzt aus Düsseldorf. Er beschließt, Django dabei zu helfen, Broomhilda zu finden und zu befreien, wenn im Gegenzug er, Django, Schultz über den Winter weiterhin hilft, Steckbriefe abzuarbeiten. Django erweist sich als gelehriger Schüler in der Kopfgeldjägerei – er ist cool, er kann schießen UND treffen und zu verlieren hat er, nun ja, ja auch nicht wirklich viel.

Als der Winter vorüber ist und die Taschen mit Kopfgeld gefüllt sind, erkundigen sie sich nach Broomhilda. Schultz, der Zahnarzt aus Düsseldorf, zieht dafür nicht durch Saloons und fragt the american way, indem er alle erschießt, nein: Schultz schaut in die Bücher der Registratur des Sklavenmarktes. Der Deutsche schätzt die gewissenhafte Ordnung im Sklavengeschäft. Broomhilda wurde an Calvin Candie verkauft, einen ebenso gefürchteten wie dandyhaften Plantagenbesitzer. Dieser Snob wird ihnen das Mädchen sicher nicht einfach so überlassen, also geben Schultz und Django vor, am Kauf eines seiner Mandingo-Ringkämpfer interessiert zu sein.

Kinoplakat: Django UnchainedCandies treu ergebener schwarzer Hausdiener Stephens durchschaut den Plan und für Django beginnt die Tortur der Sklaverei von –vorn - fast jedenfalls …

Was zu sagen wäre

Schwere Kost mit satirischem Einschlag aus Feder und Hand eines verrückten Liebhabers des Kinos. Quentin Tarantino bleibt seiner Qualitätskurve treu, dreht stets Filme über Durchschnitt, häufig aber unter Tarantino-Level („Jackie Brown” – 1997; Death Proof – 2007; Inglourious Bastards – 2009) und dazwischen haut er dann wieder Meisterwerke raus, die ihren Jahrgang überdauern (Reservoir Dogs – 1992; Pulp Fiction – 1994; Kill Bill – 2003). Zu diesen gehört Tarantinos Neuinterpretation der Django-Legende.

Es ist schwierig zu sagen, es sei ein „typischer Tarantino”. Das verstehen die Menschen leicht miss und glauben dann, eine blutverschmierte Zitatesammlung über das Kino der letzten 50 Jahre zu bekommen. Das ist hier nicht der Fall – auch, aber nicht so im Vordergrund. Dass Tarantino sich den Italo-Western und die Sklavenfilme der 70er Jahre zur Brust genommen hat, ist offensichtlich. Muss man die Originale kennen? Nein! Der Film ist eben mehr als „typischer Tarantino”. Der Film ist richtig gutes Kino – humanistisch, hochemotional, blutig, lustig, dramatisch, absurd. Und typisch Tarantino.

Angemessen hart – Gut erzählt – Dürr motiviert

Es ist bemerkenswert, wie präzise Tarantino sein Werkzeug beherrscht und wie gut Kameramann Robert Richardson – Oscar-Preisträger und Kamera-Veteran der frühen Oliver Stone-Filme wie JFK – 1991, The Doors – 1990, Wall Street – 1987 oder „Platoon” – 1986 – mit ihm harmoniert. Herausgekommen ist verstörendes Kino. Also fast schon Kunst. Denn die soll ja bekanntlich aufrütteln

Zu brutal? Nein, angemessen. Es geht um Sklaven und die Onkel-Toms-Hütte-Romantik hat da, wie wir mittlerweile wissen, nichts verloren. Gut erzählt? Ja. Obwohl das Script Schwächen hat. Die Motivation des deutschen Zahnarztes, dem Sklaven zu helfen, baut auf sehr dünnem Eis. Er ist Humanist. Gut! Er ist einfach menschlich? Okay! Aber in Filmen, die auf harte Gewaltszenen setzen, die mir beim Zugucken weh tun, muss diese Motivation klarer sein – die Paarung funktioniert so lange ohne Fragezeichen, wie Schultz auf Django und dessen Kenntnis der Brittle-Brüder angewiesen ist. Dass er sich in der Folge auf einen lebensgefährlichen Deal einlässt wegen einer ihm fremden Sklavin, die einen deutschen Namen, noch dazu einen aus der Nibelungen-Sage hat, ist mir zu dünn. Außerdem dreht die Story am Ende eine Pirouette zu viel. Eigentlich hat der Showdown längst begonnen, man hat es sich im Kinosessel gemütlich eingerichtet, da geht das ganz Unglück nochmal von vorne los – Fangen, Foltern, Fetzen. Und nochmal gehen 20 Minuten ins Land.

Kinoplakat: Django Unchained

Komödie? Western? Oder doch Sklavenschicksal?

Nicht immer klar ist, ob Tarantino nicht eigentlich eine Komödie drehen wollte. Es gibt da eine Szene mit den Männern des noch jungen Ku Klux Klan, die mit den Sehschlitzen ihrer weißen Kapuzen kämpfen und darüber in Zickenkrieg verfallen. Das ist bestes Monty Python, zum Brüllen komisch. Auch nicht immer klar ist, ob Tarantino nicht lieber einen Text geschrieben hätte. Was den Film deutlich heraushebt aus der Masse, sind seine Dialoge. Hier nimmt Tarantino längst keine Rücksicht mehr auf Regeln. Die Leute bei ihm reden solange, bis sie fertig sind. Dr. Schultz drechselt Wortkaskaden, dass es eine Freude ist – eigentlich will ich die sofort alle auswendig lernen. Apropos Dr. Schultz: Christoph Waltz ist besser als befürchtet. Was vielleicht daran liegt, dass er an die Absurdität seines Oberst Landa aus den Bastards erinnert. Nur mit umgekehrten Vorzeichen. Wieder ist er quasi im staatlichen Auftrag mordend unterwegs, hier allerdings mit positiver Konnotation – keine unschuldigen Juden jagt der Deutsche, sondern Diebe, Mörder und anderes Gesindel. Und das eingebettet in einen guten, aufgeklärten Deutschen (in einem US-Film). Und wie er das spielt … das macht Spaß, zuzuhören. Wunderbar, diese Tarantino-Waltz-Paarung.

Eine zweite Personalie ist bemerkenswert. Leonardo DiCaprio (J. Edgar – 2011) hat sich ja schon länger von seinem Titanic-Bübchen-Image verabschiedet. Als Plantagenbesitzer Calvin Candie scheint er zum ersten Mal nicht mutwillig dagegen ankämpfen zu wollen sondern einfach … zu spielen. Sein Calvin ist eine großartige, brutale Bedrohung. Er macht Angst. Dauernd.

Tarantinos Welt der Film-Praxis

Dazwischen Tarantinos Ausflüge in die Welt der Filmmusik. Hier merkt man, dass er das Medium Film in der Videothek studiert hat. Statt auf harten Uni-Bänken zu büffeln hat er sich einen Film nach dem anderen in den Player geschoben, während er als Aushilfe in der Videothek auf Kundschaft wartete. Da schafft man leicht sechs Reisen am Tag – man startet in Krimi, passiert schweißglänzende Gladiatoren, macht einen Schlenker nach Dinosaurierland, Pause in Komödie und der Endspurt ist das Drama. In solchen Sitzungen lernt man, dass Filmmusik auch auf ganz andere Filme passt, als auf den, für den sie urspünglich komponiert wurde. Im Django Unchained sammelt Tarantino Neues und Altes von Ennio Morricone und Ur-Django-Komponist Luis Bacalov und mischt das mit den harten Reimen eines Tupac Shakur, mit easy-listening-Oldies aus den 1970er Jahren; während des Ritts zur Candyland-Plantage unterhält uns die Tonspur mit einem Stück des Filmkomponisten Jerry Goldsmith, das der einst für den Reporter-im-Kriegseinatz-Thriller „Under Fire” (Roger Spottiswood, USA 1983 mit Nick Nolte) komponierte. Tarantino nutzt Musik in ihrer schönsten Weise: zeitlos und Hauptsache, die Lyrics und/oder Melodie passen zur Szene.

Sollten sich die Sklavenhalter im Süden der Vereinigten Staaten ihre Sklavenhalterei irgendwie mit ihrer überlegen weißen Herrenrasse begründen wollen, so setzt ihnen Tarantino ein fragwürdiges Denkmal. Von einigen Ausnahmen abgesehen, arbeitet sich da eine Horde wilder, zottelbärtiger, ungewaschener Kreaturen an den Sklaven ab, deren weiße Hauptfarbe man unter dem Dreck nur noch erahnen kann. Ist nicht weit her mit dieser weißhäutigen Überlegenheit in Tarantinos Italo-Western-Mandingo-Plot.

Wertung: 7 von 7 €uro