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Kinoplakat: Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Die mörderische Macht der Medien
Schlöndorff verfilmt im Geiste Bölls
Titel Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Drehbuch Volker Schlöndorff + Margarethe von Trotta
nach Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann von Heinrich Böll
Regie Volker Schlöndorff, BRD 1975
Darsteller
Angela Winkler, Mario Adorf, Dieter Laser, Jürgen Prochnow, Heinz Bennent, Hannelore Hoger, Rolf Becker, Harald Kuhlmann, Herbert Fux, Regine Lutz, Werner Eichhorn, Karl Heinz Vosgerau, Angelika Hillebrecht, Horatius Häberle, Henry van Lyck u.a.
Genre Drama
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
10. Oktober 1975
Inhalt
Im Jahre 1974 lernt die 27 Jahre alte Haushälterin Katharina Blum auf einer Karnevalsfeier Ludwig Götten kennen und verliebt sich in ihn. Sie verbringen gemeinsam die Nacht in Katharinas Wohnung. Götten wird verdächtigt, einen Bankraub und Mord verübt zu haben. Er wird deshalb von der Polizei beschattet, die seine Kontaktpersonen ermitteln will. Am Morgen stürmt die Polizei Katharina Blums Wohnung. Da sie Götten in der Nacht zur Flucht verholfen haben soll, wird Katharina Blum vorläufig festgenommen und verhört.

Die ZEITUNG stellt den Verdacht gegen Götten als Tatsache hin. Tatsächlich ist der Verdacht falsch; Götten hat einen Safe der Bundeswehr ausgeplündert, Bilanzen gefälscht und Waffen gestohlen, aber keinen Mord oder Bankraub begangen. Die ZEITUNG stellt Katharina als Göttens Mittäterin und „Flittchen“ hin. Sie behauptet, Katharina habe Götten schon seit Jahren gekannt, da andere Hausbewohner gegenüber der Polizei angeben, sie habe „Herrenbesuche“ empfangen. Tatsächlich ist dieser „Herrenbesuch“ ein bekannter Industrieller, den Katharina bei ihrem Arbeitgeber kennengelernt hatte; obwohl sie ihn stets abwies, hörte er nicht auf, sie zu bedrängen.

Die ZEITUNG verfälscht Aussagen von Personen, die Katharina kennen. So wird etwa aus dem Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ in der ZEITUNG die Beschreibung „eiskalt und berechnend“. Die Charakterisierung „Wenn Katharina radikal ist, dann ist sie radikal hilfsbereit, planvoll und intelligent“ wird durch die ZEITUNG verdreht in „Eine in jeder Beziehung radikale Person, die uns geschickt getäuscht hat“.

Infolge der Berichterstattung der ZEITUNG wird Katharina mit beleidigenden, hasserfüllten und obszönen Anrufen und Zuschriften bombardiert. Die zu Beginn gesellschaftlich voll integrierte junge Frau wird zu einer verachteten Außenseiterin …

Was zu sagen wäre

Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen, sagte Heinrich Böll 1974 in einem Interview. Böll sah sich seit einer kritischen Stellungnahme im Magazin „Der Spiegel“, die als „pro RAF-Terror“ interpretiert wurde, selbst als Opfer einer Hetzkampagne, die in ihm einen Sympathisanten des Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) erkennen wollte. Er reagierte mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Berichterstattung der BILD-Zeitung und auf die Gewaltdebatte der 1970er Jahre.

Bölls Erzählung ist zwingend in ihrer hässlichen Konsequenz, der Film ist bedrückend; dazu trägt Angela Winkler maßgeblich bei, deren Spiel somnambul anmutet. Den ganzen Film über wirkt sie verunsichert, selbst in den Szenen, in denen sie eigentlich ausgelassen auf einer Karnevalsparty tanzt. Mario Adorf als Polizist gibt gekonnt das Arschloch und bei Dieter Laser mit seinem Fönwelle-Kamelhaarmantel-Auftritten ist nicht klar, ob er eigentlich spielt, oder tatsächlich so glitschig eitel ist, wie als Lokalreporter Werner Tötges.

Seine Bildsprache hat sich Schlöndorf bei den europäischen Nachbarn entliehen. Mit seinem kalten Design wirkt der Film, wie jene Science Fiction aus Frankreich und Italien, in der Filmemacher finsteren Dystopien in kargen Betonlandschaften entworfen hatten. Auch Schlöndorf inszeniert kalt. Nackte Betonfassaden bestimmen sein Stadtbild. Es regnet. Trostlose Karnevalisten grölen schief, aber laut durch die Pfützen. Jost Vacanos Kamera erzählt den Farbfilm eher in grau-weiß. Und auf der Tonspur liefert Hans Werners Henze Freejazz dazu, der so heimelig wirkt, wie Zwölftonmusik. In Schlöndorffs Deutschland mag man nicht leben. Das ist wohl in Bölls Sinn.
Diese Ambivalenz – hier trostlose Kälte, dort wichtiges Anliegen, da spannendes Thema – zeichnet den Film aus, weniger seine Dramaturgie. Schlöndorf findet viele gute Bilder, Vacano spannende Perspektiven, aber das Drehbuch keine Story. Die Geschichte plätschert absehbar vor sich hin.

Seltsam mutet die Art aller Schauspieler (mit Ausnahme von Mario Adorf) an, ihre Rollen schlaftrunken anzulegen – Emotionen finden in diesem Film, sofern sie sie positiv wären nicht statt. Womöglich soll das ein bissiger Kommentar auf Karneval sein. Tatsächlich ist es ein Bremser. Diese Art des somnambulen Schauspiels, das vor allem Angela Winkler beherrscht, ist bei deutschen Filmemachern sehr en vogue. Das ist schade.

Wertung: 5 von 9 D-Mark
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