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Kinoplakat: Die Unbestechlichen
Regie, Schauspiel, Drehbuch
alles perfekt besetzt
Titel Die Unbestechlichen
(All the President's Men)
Drehbuch William Goldman
nach dem Tatsachenroman von Carl Bernstein & Bob Woodward
Regie Alan J. Pakula, USA 1976
Darsteller Dustin Hoffman, Robert Redford, Jack Warden, Martin Balsam, Hal Holbrook, Jason Robards, Jane Alexander, Meredith Baxter, Ned Beatty, Stephen Collins, Penny Fuller, John McMartin, Robert Walden, Frank Wills, F. Murray Abraham u.a.
Genre Politthriller
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
30. September 1976
Inhalt

Washington 1972: Einbruch im Watergate Hotel. Die Einbrecher werden gefasst: Polizeireporter Bob Woodward wird stutzig, als die Einbrecher vor Gericht alle einen CIA-Hintergrund erkennen lassen. Zusammen mit seinem Hauptstadt-erfahrenen Kollegen Carl Bernstein geht er auf Recherche und deckt kuriose Verbindungen auf.

„Woodstein“ decken auf, dass die regierende Republikanische Partei das Wahlkampfbüro der Demokraten abhörte, dass sie konsequent missliebige Kandidaten und bedrohliche Konkurrenten bespitzeln und mit falschen Dokumenten zu Fall brachte – was schließlich zum Rücktritt des US-Präsidenten Richard Nixon führte. Dabei trifft sich Woodward öfter mit einem geheimnisvollen Informanten, der bald den Decknamen Deep Throat erhält ...

Was zu sagen wäre

Journalismus ist ein hartes Brot. Trotz etwaiger Gesetze, die Behörden zu Offenheit gegenüber mindestens der Presse zwingen, bleibt die Arbeit eines Journalisten, Fragen zu stellen, nochmehr Fragen und vor allem die richtigen Fragen an der richtgen Stelle. Sie müssen sich gegenüber Abwieglern, mitleidig lächelnden Ressortkollegen und strengen Chefredakteuren behaupten. Als dieser hat Jason Robards ein paar erinnerungswürdige Auftritte („Pat Garrett jagt Billy the Kid“ – 1973; Spiel mir das Lied vom Tod – 1968). Mit dessen ersten Auftritt beschreibt Alan J. Pakula perfekt das hierarchisch und eitel funktionierende Binnenklima einer Zeitungsredaktion – mit wenigen Schnitten, wenigen Worten, vielen Großaufnahmen von Gesichtern. Ben Bradlee taucht als unvermittelt in dem kurzen Gespräch auf, das Lokalchef Harry Rosenfeld gerade mit seinen beiden Reportern führt.

Bradlee schnappt sich die Textfahnen, setzt sichn an einen freien Schreibtisch und legt die Füße drauf. Dann liest er, stellt ein paar Fragen zu Quellen – und streicht ganze Passagen und schließt mit „nicht auf die Titelseite, irgendwo innen!“ Als Bernstein daraufhin zu einem halbherzigen Einspruch ansetzt, blickt Bradlee ihn stumm zur Raison und sagt dann: „Bringt stichhaltigere Beweise nächstes Mal“. Dann steht er af und geht. Jason Robards genießt diesen Auftritt sichtlich, in dem er Profession und Statusbewusstseins eines Chefredakteurs der Washingron Post zeigen darf – ohne laut zu werden, ohne Bösartigkeiten zu zischen und gleichzeitig seinen jungen Reporter zu signalisieren, dass er sie weiter gewähren lässt. Es gibt noch zwei solcher Auftritte Bradlees. Jedesmal bügelt er die Reporter ab und spornt sie gleichzeitig an, besser zu recherchieren, sich tiefer ins Material zu verbeißen – der Mann spricht offenbar aus Erfahrung. In dieser kurzen Szene ohne viele Worte, ohne Musik, ohne Kamerabewegung steckt die ganze Hierarchie dieser Zeitungswelt, Autorität gegen Praktiker, Oben gegen Unten, Polit-Ressort gegen Lokal-Ressort. Eine fantastische Szene in diesem Zeitungsfilm.

<Nachtrag 2017>Der Film macht auch deutlich, was in heutigen Zeiten vielfach übersehen wird und was viele, vor allem regionale Zeitungen kaputt gespart haben. Nichts in Pakulas Reporterfilm ist wichtiger, wertvoller als die gemachten Notizen und die Bestätigung einer Information durch eine zweiter Quelle (die nicht ein Zeitungsartikel sein darf). Dass heutzutage so viel über Fake News und Lügenpresse geschimpft wird, hat damit zu tun, dass Reporter keine Zeit und kein Geld mehr bekommen, um aufwendige Recherche durchzuführen – jedenfalls nicht die in Lokal- und Regionalblättern; Online-Redakteure ohnehin nicht, die im allgemeinen Informationen übernehmen, die sie aus Nachrichtenagenturen bekommen. In „All the President's Men“ sitzen Woodward und Bernstein nächtelang auf dem Fußboden, auf dem sie Dokumente und Unterlagen ausgebreitet haben, um das Bigger Picture zu finden, das ihnen lange nicht klar ist. „Ich hasse Zeitungen. Ungenauigkeiten und Oberflächlichkeiten sind mir zuwider“, sagt Deep Throat, Woodwards anonyme Quelle in der Tiefgarage. Woodstein suchen, recherchieren, holen sich eine blutige Nase und haben den Rückhalt ihres knarzigen Chefredakteurs. Alan J. Pakulas reporter sind Vertreter aus einer besseren Zeit, einer Zeit, als Journalismus noch nicht unter Irgendwas mit Medien subsummiert wurde.</Nachtrag 2017>

Kinoplakat (US): All the President's Men – Die Unbestechlichen (1976)Alan J. Pakulas Reporterfilm über die Watergateaffaire, die Richard Nixon zum Rücktritt zwang, zeigt kein strahlendes Glamourleben von Hauptstadtjournalisten am Hofe des Präsidenten in Washington. Wir erleben zwei Reporter, die Fragen stellen, sich und anderen, die nicht zuerst werten, sondern zuerst fragen und die über die Antworten ebenso überrascht sind wie der brave Bürger daheim am Frühstückstisch. Es folgt eine sehr lange Einstellung, nachdem Woodward die Person Kenneth H. Dahlberg recherchiert hat. Pakula stellt die Kamera neben Woodwards Schreibtisch und beobachtet in der Halbtotalen, wie er telefoniert. Erst mit Dahlberg, dann mit MacGregor vom Komitee zur Wiederwahl, dann wieder mit Dahlberg. Dabei rückt ihm die Kamera analog zu den Erkenntnissen, die Woodward recherchiert, immer näher auf die Pelle. Sie lässt ihn erst los, als Woodward mit Bernstein telefoniert und beide feststellen, dass sie gerader einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Das ist beispielhaft für die Regieführung Pakulas in diesem Film. Seine Kamera dokumentiert, sein Mikrofon dokumentiert, Musik lässt er nur in Übergangsszenen zu, wenn er die Bedrohung hinter der aufwändigen Klein-Klein-Recherche unterstreichen will.

Gleichzeitig ist sich Pakulas der Verpflichtung bewusst, seinem Genre gerecht zu werden – der Kinoleinwand. also lässt er Deep Throat erklären, das Leben der beiden Reporter könnte bedoht sein, wraufhin Woodward in Bernsteins Appartement eilt, die Musik laut aufdreht und sich mit Bernstein dann Minuten lang stumm nur über die Tastatur der Schreibmaschine austauscht. Was sie jeweils sagen, lesen wir auf dem eingespannten Papier – ein Stummfilm im Tonfilm. Wunderbar: Wie anders sollen sich zwei Zeirungsjournalisten konspirativ unterhalten, wenn nicht über ihre Schreibmaschine?

Pakula zeigt Woodward und Bernstein, intern bald nur noch Woodstein gerufen, ausschließlich bei Kärrnerarbeit, deren Ergebnisse sie selbst am meisten erstaunt. Robert Redford und Dustin Hoffman („Lenny“ – 1974; „Papillon“ – 1973; Wer Gewalt sät – 1971; Little Big Man – 1970; „Asphalt-Cowboy“ – 1969; Die Reifeprüfung – 1967) zeigen dabei Figuren, die jederzeit wissen, auf welch dünnem Eis sie wandeln – wenn sie einbrechen, kostet sie das ihre Karriere, die Zeitung und Washington nichts. Es ist eine klassische David-gegen-Goliath-Situation, in der Davids Steinschleuder allerdings eine große Wirkung entfaltet, wenn recherchierte Informationen aufgeschrieben und gedruckt werden. Pakula veranstaltet eine Galaparty für ordentlichen, den einzig richtigen Journalismus.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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