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Kinoplakat: Die Mächte des Wahnsinns
Ein schöner altmodischer Grusel
zwischen Welt und Phantasie
Titel Die Mächte des Wahnsinns
(In the Mouth of Madness)
Drehbuch Michael De Luca
Regie John Carpenter, USA 1994
Darsteller

Sam Neill, Julie Carmen, Jürgen Prochnow, David Warner, John Glover, Bernie Casey, Peter Jason, Charlton Heston, Frances Bay, Wilhelm von Homburg, Kevin Rushton, Gene Mack, Conrad Bergschneider, Marvin Scott, Katherine Ashby u.a.

Genre Horror
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
23. Februar 1995
Website theofficialjohncarpenter.com/feature-films/
Inhalt

Sutter Cane ist verschwunden. Versicherungsagent John Trent soll ihn finden - er hat einen legendären Ruf in der Branche als Mann, der jeden Betrug aufdeckt. Sutter Cane hat auch einen Ruf: „Gegen Canes Auflage können Sie Stephen King vergessen“, sagt seine neue Lektorin Linda Styles. Sutter Cane schreibt Horror-Romane, sein jüngster, „In the Mouth of Madness“ steht kurz vor der Veröffentlichung. Aber nun ist Cane verschwunden, was für die PR nicht gut ist; viel schlimmer ist: Cane hat sein Manuskript noch nicht abgeliefert. Und die Vorbestellungen sind … groß.

Trent, der nüchterne Detektiv, glaubt, der Verlag wolle die Versicherung ausnehmen – wenn „In the Mouth of Madness“ nicht fristgerecht erscheint, muss die Versicherung viele Millionen Dollar zahlen. Auch, als Canes ehemaliger Lektor mit dem Beil auf ihn losgeht – Verleger Jackson Harglow sagt: „Er hat In the Mouth schon gelesen“ - glaubt Trent noch an eine gut gespielte Scharade. Nachdem er dann selbst ein paar Cane-Romane gelesen hat, findet Trent heraus, dass die Cover von Canes Büchern eine geheime Straßenkarte enthalten …

… die ihn und Lektorin Linda nach Hobb’s End führt, ein Städtchen, das es gar nicht gibt, in Sutter canes Romanen allerdings als Zentrum alles Bösen eine eigene Existenz führt. In Hobb's End verlieren Trent und Styles nach wenigen Stunden die Orientierung; während sie in einer Kirche auf Cane und das Grauen stößt, muss Trent lernen, dass er das idyllische Hobb's End nicht verlassen kann.

Erst, als er das fertige Manuskript findet, kann er die seltsame Zwischenwelt wieder verlassen. Aber er kann das Manuskript nicht zerstören; mittlerweile ist ihm klar geworden, dass „In the Mouth of Madness“ niemals veröffentlich werden darf, weil es jeden Leser unmittelbar in den Wahnsinn treiben wird, die menschliche Gesellschaft den Horden der Hölle zuführen wird – Sutter Cane und auch Linda waren nur die jüngsten Opfer dieser Eroberungsstrategie. Verleger Jackson Harglow freilich hält das für doch arg übertrieben, kann sich auch nicht an eine Linda Styles erinnern, die im Verlag die Cane-Romane lektoriert.

John Trent muss erkennen, dass er vielleicht gar kein Versicherungsagent ist. Vielleicht ist er nur eine Erfindung aus Sutter Canes jüngstem Roman …

Was zu sagen wäre

John Carpenter verfilmt eine Stephen-King-Story, die nicht von Stephen King ist – aber klar von ihm inspiriert. „Wie kommen Sie nur immer auf Ihre düsteren Geschichten, Mr. King?“ ist eine der häufigsten Fragen, die King sich gefallen lassen muss. Carpenter nimmt sich die Freiheit, sie einfach mal zu beantworten: Aus Stephen King wird Sutter Cane, die Taschenbuch-Cover erhalten neue Titel, sehen aber im Design aus, wie die Taschenbuchausgaben der King-Romane zur damaligen Zeit (1994) und siehe – Sutter Cane ist von Dämonen besessen, sie lenken ihn, sie führen ihm die Feder.

Kinoplakat (US): In the Mouth of MadnessDass sich erzählte Welten in reale Welten wandeln, dass Menschen aus ihrer real scheinenden Welt in eine verstörende, irreale Welt gesogen werden, ist eine oft genutzt Spielart des Horrorgenres – eine schöne Spielart. Nichts kann ein Buch ja mehr adeln, als dass es seine Leser vollkommen in den Bann zieht. Daraus macht Carpenter, dessen qualitativer Abstieg seit Die Klapperschlange (1981) evident ist, hier eine hübsche Genrevariation mit etwas Glitsch, ordentlich Lichteffekten, etwas fragwürdigen Masken und großartigen Szenen. Im Hotel in Hobb's End etwa hängt ein Gemälde, das jedes mal anders aussieht, meistens gruseliger. Mrs. Pickman, die Empfangsdame des Hotels (der Frances Bay ihre unvergleichliche Old-Lady-Visage leiht) hat unterm Tresen ihren in Handschellen gefesselten nackten Gatten liegen … und eigentlich ist sie auch, naja, nicht wirklich eine Old Lady.

Sam Neill (Jurassic Park – 1993; „Das Piano“ – 1993), mit dem Carpenter nach Jagd auf einen Unsichtbaren (1992) zum zweiten Mal arbeitet, muss gar nicht viel mehr tun, als seine Wirtschaftsprüfer-Gesichtszüge ein wenig entgleiten zu lassen. Ihm nehme ich die Rolle des peniblen Versicherungsagenten, der sich im Wahnsinn verliert und schließlich lieber dort einrichtet, als in dem, was von der Welt übrig bleibt, sofort ab. Jürgen Prochnow spielt den Sutter Cane. Das heißt in realitas, dass er vier Auftritte mit ein paar wenigen Dialogzeilen hat. Diese Rolle macht deutlich, dass er so unbedingt will, es aber in Hollywood eben nicht geschafft hat. Für ihn, der mal der KaLeu auf Wolfgang Petersens Boot (1981) war, bleiben in Hollywood Nazis, verrückte Autoren und Schurken in schlechten Fortsetzungen ehemaliger Blockbuster wie in Beverly Hills Cop II (1987).

Was Charlton Heston getrieben hat, die kleine Rolle des Verlegers Jackson Harglow zu übernehmen, ist unklar (True Lies – 1994; U-Boot in Not – 1978; „Schlacht um Midway“ – 1976; Erdbeben – 1974; Airport '74 – Giganten am Himmel – 1974; Jahr 2022… die überleben wollen – 1973; „Der Omega-Mann“ – 1971; Planet der Affen – 1968; Der Verwegene – 1967; El Cid – 1961; Ben Hur – 1959; Weites Land – 1958; „Im Zeichen des Bösen“ – 1958; Die zehn Gebote – 1956; Am fernen Horizont – 1955) . Solche Kleinrollen mit solchen Legenden zu besetzen, ist ja immer ein Statement. Ein Statement wozu bleibt hier im Nebel. Gegen Ende des Films lernen wir einen ordentliche All-American Boy auf einem Fahrrad kennen: Es ist der propere Hayden Christensen, der acht Jahre später als Anakin Skywalker in Star Wars – Episode II: Angriff der Klonkrieger (2002) eine kurze Karriere startet.

Dafür, dass ich John Carpenter nach Filmen Jagd auf einen Unsichtbaren (1992) oder Big Trouble in Little China (1986) abgeschrieben hatte (und ihn immer feiern werde für Halloween – 1978 – und Assault – 1976), ist „Die Mächte des Wahnsinns“ ein ganz ordentlicher Film geworden, an dem man keine Langeweile hat.

Wertung: 6 von 10 D-Mark
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