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Plakatmotiv: Der Patriot (2000)

Eine überlange Schlachtplatte
vom Weltenzerstörer Emmerich

Titel Der Patriot
(The Patriot)
Drehbuch Robert Rodat
Regie Roland Emmerich, Deutschland, USA 2000
Darsteller

Mel Gibson, Heath Ledger, Joely Richardson, Jason Isaacs, Chris Cooper, Tchéky Karyo, Rene Auberjonois, Lisa Brenner, Tom Wilkinson, Donal Logue, Leon Rippy, Adam Baldwin, Jay Arlen Jones, Joey D. Vieira, Gregory Smith u.a.

Genre Action, Historie
Filmlänge 165 Minuten
Deutschlandstart
3. August 2000
Inhalt

South Carolina 1776. Der Witwer Benjamin Martin, ein Veteran des blutigen Feldzugs gegen die Franzosen und die Indianer, lebt mit seinen sieben Kindern zurückgezogen auf seiner Plantage. Mit dem drohenden Krieg gegen die Engländer will der friedfertige Familienvater nichts zu tun haben.

Als sich Benjamins idealistischer Sohn Gabriel seinem Vater zum Trotz der kontinentalen Armee anschließt und der englische Colonel Tavington Gabriels jüngeren Bruder Thomas in einem Akt grausamer Willkür erschießt, kann sich auch Benjamin dem Krieg nicht länger entziehen.

Gemeinsam mit Gabriel führt er eine tapfere Rebellen-Miliz in den Kampf gegen die übermächtige englische Armee. Dabei entdeckt der Held wider Willen, dass er seine Familie nur beschützen kann, wenn auch er für die Freiheit seiner jungen Nation kämpft …

Was zu sagen wäre

Ich habe immer befürchtet, dass mich meine Sünden eines Tages heimsuchen“, begrüßt uns Mel Gibson gleich zu Beginn aus dem Off, während er ein schön ornamentiertes Tomahawk wegschließt. „Und mir das mehr abverlangt, als ich tragen kann!“ So wird es geschehen in diesem Film, der sich mit einem Krieg auseinandersetzt, von dem wir Kontinentaleuropäer selten auf der Leinwand Kunde erhalten.

Es ist die Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, der ab 1775 acht Jahre lang zwischen den "Dreizehn Kolonien" und der britischen Kolonialmacht tobte. Er war der Höhepunkt der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und führte nach der Unabhängigkeitserklärung 1776 und der Bildung der Konföderation 1777 zur Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika. Hollywood hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten, in den Zeiten seiner großen Western-Abenteuer, lieber mit dem Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd befasst. Jetzt kommt Roland Emmerich, gebürtiger Schwabe, und bereitet den Unabhängigkeitskrieg für die Leinwand auf.

Vom Plakat funkelt mich Gibson übergroß aus stahlblauen Augen an – (Payback – Zahltag – 1998; Lethal Weapon 4 – 1998; The Million Dollar Hotel – 2000; Fletchers Visionen – 1997; Kopfgeld – 1996; Braveheart – 1995; Ein Vogel auf dem Drahtseil – 1990; Tequila Sunrise – 1988; Lethal Weapon – 1987; Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel – 1985; "Ein Jahr in der Hölle" – 1982; Mad Max 2 – Der Vollstrecker – 1981; "Gallipoli" – 1981; "Die grünen Teufel vom Mekong" – 1981; Mad Max – 1979) grimmig entschlossen, diesen Krieg zu gewinnen; winzig klein darunter die Reiter der bösen Engländer und die Mitstreiter auf amerikanischer Seite. Der Australier Gibson wird diesen Krieg entscheiden! Sagt schon das Plakat. Und an seiner Seite reitet Jung-Star Heath Ledger ("Two Hands" – 1999; 10 Dinge, die ich an Dir hasse – 1999; "P.C. – Ein Genie auf vier Pfoten" – 1997). Der gibt den Part des heißblütigen Sohns, der mit wehenden Fahnen in den Krieg zieht und dann seine humanistischen Lektionen lernt.

Roland Emmerich sorgt für ordentlich Fanfarenschall, Kanonendonner, Explosionen, blutiges Schlachtgetümmel und monströse Kriegsverbrechen. Krieg ist kein Kindergeburtstag, daran erinnert er uns, und unterstreicht sein Faible für das große Besteck auf großer Leinwand (Godzilla – 1998; Independence Day – 1996; Stargate – 1994; Universal Soldier – 1992; Moon 44 – 1990; Hollywood Monster – 1987; Joey – 1985). Diesmal hat er auch John Williams an Bord, den Hauskomponisten Steven Spielbergs; das wird dem Film an der Schwelle von Gut zu Pompös zum Verhängnis.

Williams lässt sein Orchester von der Leine, die Hörner schallen, wann immer sich ein Mann auf den Weg begibt, die Unabhängigkeit zu erstreiten, die Streicher herzen, wann immer die Gefahr droht, dass der Kinosaal möglicherweise die Ergriffenheit der Situation auf der Leinwand noch nicht ganz verstanden hat. Anders ausgedrückt: John Williams macht auch aus diesem Film eine Oper ohne Gesang (Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung – 1999; Der Soldat James Ryan – 1998; Amistad – 1997; Sleepers – 1996; Schindlers Liste – 1993; Jurassic Park – 1993; JFK: Tatort Dallas – 1991; Hook – 1991; Always – Der Feuerengel von Montana – 1989; Geboren am 4. Juli – 1989; Das Reich der Sonne – 1987; E.T. – Der Außerirdische – 1982; Jäger des verlorenen Schatzes – 1981; "1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood" – 1979; Superman – 1978; Teufelskreis Alpha – 1978; Unheimliche Begegnung der dritten Art – 1977; Krieg der Sterne – 1977; Schlacht um Midway – 1976; Duell am Missouri – 1976; Familiengrab – 1976; Der weiße Hai – 1975; Im Auftrag des Drachen – 1975; Flammendes Inferno – 1974; Erdbeben – 1974).

Unter dem pompösen Score gehen dem Film die Zwischentöne seines Dramas verloren. Die Geschichte des Mannes, der in einem vorherigen Krieg soviel Schuld auf sich geladen hat, dass das Schicksal ihn nicht aus seinen Fängen lässt. Er ist ein guter Familienvater, Witwer, der die Kinder in Gottesfurcht, Anstand und dem Respekt vor Jedermann erzogen hat – die Arbeiter auf seiner Plantage sind keine Sklaven, es sind freie Männer – und der dann. doch wieder in die Schlacht muss, dort ein entscheidender Faktor wird. Dieser Benjamin Martin ist einer realen Figur nachempfunden, dem Revolutionshelden Francis Marion, der den Krieg von der offenen Feldschlacht in die unwegsamen Sümpfe South Carolinas verlagerte und die bornierte britische Generalität mit dieser Art der Kriegführung in Verlegenheit brachte.

Bei Emmerich eskaliert die Brutalität in diesem Krieg, weil zwei eitle Egos aufeinander prallen – dort der britische General Lord Charles Cornwallis, der sich einfach nicht vorstellen kann, dass „Bauern mit Mistgabeln“ seine großartigen englischen Soldaten aufhalten können sollen; hier der zum Jagen getragene Farmer Benjamin Martin, der den Briten genau an dieser eitlen Stelle empfindlich kitzelt, als er ihm dessen beiden dänischen Doggen abspenstig macht, „ein Geschenk des Königs“, worauf der Engländer seinen sadistischen Colonel William Tavington auf die Milizen hetzt, was ein grausames Schauspiel zur Folge hat. Zwischen den Zeilen flackert Emmerichs (naive?) Ansicht durch, dass Kriege weniger blutig geführt werden könnten, wenn alle Beteiligten ihre Eitelkeiten daheim ließen. Zumindest in diesem Film hätte es einige Sympathieträger vor dem Tode bewahrt.

Mit der historischen Genauigkeit aber nimmt es Emmerich abseits der Benjamin-Martin-Vorlage nicht ernst, Historiker klagen, als Anschauungsmaterial für den Geschichtsunterricht eigne sich "Der Patriot" nicht. Wenn er Colonel Tavingtons British Legion als eine Art SS-Schläger der englischen Armee beschreibt, dann ist zwar die Legion korrekt, Tavington soll einem Sir Banastre Tarleton nachempfunden sein, der Rest aber reine Drehbuchfantasie. Auch war das Verhältnis zwischen Afroamerikanern und Weißen keineswegs so flauschig, wie in diesem Film.

Emmerichs Film unterlag im Wettkampf zweier deutscher Regisseure in Hollywood am für die Kinos wichtigsten Wochenende des Jahres, dem Independence Day Weekend gegen Der Sturm von seinem Landsmann Wolfgang Petersen. An diesem Wochenende erwirtschaftete "The Patriot" 21,7 Millionen Dollar, Petersens Werk lag mit 41,7 Millionen klar vorn. Am Ende standen den 110 Millionen US-Dollar Produktionskosten für "The Patriot" ein weltweites Kinokasseneinspiel von rund 215,3 Millionen US-Dollar gegenüber.

Emmerichs letzter Streich, die Monstermär um Godzilla (1998) hatte die BoxOffice-Erwartungen erst verspätet erfüllt.

Wertung: 6 von 11 D-Mark
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